1. Verhandlungstag: „Was hat jemand vor, der Sprengsatz mit Schrauben zündet?“

1. Verhandlungstag – 27.06.2018

Am ersten Prozesstag gegen Stefan Kronbügel vor dem Landgericht Hamburg verliest die Staatsanwaltschaft die Anklage, die u.a. auf versuchten, heimtückischen versuchten Mord, die Herbeiführung einer Sprengsoffexplosion, Körperverletzung, die Gefährdung von Leib und Leben sowie Sachbeschädigung lautet. Der Anwalt Kronbügels verliest eine Erklärung seines Mandanten, in der das Anzünden der Sprengsätze einräumt. Er habe jedoch nur „Leute erschrecken wollen“. Der Anwalt nennt die Spekulationen über ein rechtes Tatmotiv seines Mandanten eine „Vorverurteilung“. Kronbügel habe keinen Kontakt mehr zur rechten Szene. Im Anschluss daran werden Videos vom Tatgeschehen in Augenschein genommen.

 

Am ersten Prozesstag sind viele Pressevertreter*innen anwesend, die den Angeklagten Stefan Kronbügel filmen und fotografieren. Dieser hält sich einen Ordner vor das Gesicht. Es ist außerdem eine Gerichtszeichnerin anwesend. Der Angeklagte wirkt ruhig und bedächtig, er trägt einen Kapuzenpullover, dessen Ärmel offenbar die Tattoos verbergen sollen, deren Ausläufer auf den Händen zu sehen sind. Der Angeklagte hat eine Glatze und im Gesicht sind ebenfalls kleine Tätowierungen zu sehen. Stephan Kronbügel wird in diesem Verfahren von Dr. Andreas Rechtsanwalt Mosenheuer vertreten.

Die Vorsitzende Richterin Petra Wende-Spors bemerkt in Richtung des Angeklagten, man kenne sich ja schon von Haftprüfungssitzungen. Sie fragt dann nach den persönlichen Verhältnissen des Angeklagten, dieser bestätigt seinen Namen, gibt an, am 22.04.1966 in Hamburg geboren zu sein. Kronbügel bestätigt außerdem, dass er vor der Verhaftung ohne festen Wohnsitz gewesen sei.

Die Richterin trägt vor, Kronbügel sei am 18.12.2017 vorläufig festgenommen worden, das Amtsgericht Hamburg habe am 19.12.2017 Haftbefehl erlassen, Kronbügel habe dann in Untersuchungshaft gesessen, diese sei vom 26.02. bis 27.03.2018 durch eine Ersatzfreiheitsstrafe unterbrochen worden. Anklage im hier verhandelten Fall sei am 23.03.2018 erhoben worden, sie sei vom Landgericht am 08.06.2018 zugelassen worden.

Die Staatsanwältin Brümmer verliest dann die Anklageschrift. Sie beschreibt den Anschlag am S-Bahnhof Veddel. Kronbügel sei am 17.12.2017 am S-Bahnhof Veddel gewesen, habe die Tüte mit den Böllern und 73 Montageschrauben unter den Sitz gestellt, als um 17:35 Uhr am Gleis 2 die S3 einfuhr, habe er den einen Böller angezündet und sei dann in die S-Bahn eingestiegen. Der Sprengsatz habe gezündet, kurz nachdem die Reisenden ausgestiegen waren und er auch schon in der Bahn gewesen sei und die Türen noch nicht ganz geschlossen waren. Schrauben seien in vier Meter Umgebung gefunden worden. Der Angeklagte habe die Tötung und Verletzung von Menschen billigend in Kauf genommen. Ein Mann, der in der Bahn stand, habe ein Knalltrauma erlitten. Die Staatsanwältin verliest abschließend die Anklagepunkte, die u.a. versuchten, heimtückischen versuchten Mord, die Herbeiführung einer Sprengsoffexplosion, Körperverletzung, die Gefährdung von Leib und Leben sowie Sachbeschädigung umfassen.

Die Richterin belehrt den Angeklagten und fragt, ob er Angaben mache. RA Mosenheuer verliest daraufhin eine Erklärung seines Mandanten. Diese solle zunächst abschließend sein, falls sich weitere Punkte in der Beweisaufnahme ergäben, würde diese ggf. ergänzt. Die Einlassung umfasst eine A4-Seite, vorn und hinten bedruckt, die der RA an alle Verfahrensbeteiligten verteilt, bevor er sie verliest. Sie ist aus der Sicht des Angeklagten verfasst.

Es stimme, dass er, Kronbügel, den Böller gezündet habe, er habe aber niemanden verletzen oder töten gewollt: „Ich wollte Leute erschrecken.“ Es tue ihm leid. Er habe den ‚Polenböller‘ an dem Tag in Hamburg geschenkt bekommen. Von einem Kumpel, dessen Namen er nicht mehr wisse, der häufig in Harburg bei Netto stünde und trinke. Er nenne ihn ‚La Bomba‘. Kronbügel gebe vielen Leuten Spitznamen, weil sein Namensgedächtnis so schlecht sei: „Mit La Bomba hatte ich mich schon öfter über Waffen und Ähnliches unterhalten,“ daher habe der Name gepasst. ‚La Bomba‘ habe gesagt, das seien ‚Polenböller‘ und dass er noch mehr hätte, auch stärkere. Kronbügel habe die ‚Böller‘ nicht in seinen Rucksack tun wollen, denn da sei Leergut drin gewesen. ‚La Bomba‘ habe ihm eine Plastiktüte gegeben, die sei aber undicht gewesen, daher habe er im eine weitere gegeben. Seines Wissens nach seien da nur die ‚Böller‘ drin gewesen, sonst nichts. Die Tüte sei auch sehr leicht gewesen.

„Ich wollte dann nach Altona fahren, um das Leergut abzugeben beim Lidl, denn der hat auch Sonntag offen. Ich hatte schon zehn Bier getrunken an dem Tag, ich habe damals immer zehn bis fünzehn Bier am Tag getrunken.“ Er sei auf der Fahrt mehrfach eingeschlafen. Kronbügel habe dann festgestellt, dass er noch genug Kleingeld habe, um sich am Kiosk ein Bier zu kaufen, und sein Leergut noch nicht abgeben müsse. Er sei dann an der Station Veddel ausgestiegen, habe die Tüte erst vergessen und sie dann noch geholt: „Das passiert mir öfter, dass ich meinen Rucksack oder andere Dinge in der Bahn vergesse.“ Er habe sich spontan entschlossen, den ‚Polenböller‘ zu zünden, eigentlich habe er ich das an Silvester tun wollen. „Ich war neugierig, wie es knallt. Bevor ich den gezündet habe, habe ich mich umgeschaut und niemanden gesehen. Der Knall war laut, aber nicht so laut, wie ich es gedacht habe.“ Die Leute hätten sich erschreckt, darüber habe er sich gefreut. Heute sei es ihm peinlich, auch weil die Polizei ihm klar gemacht habe, was ‚Polenböller‘ können. Sie hätten ihm bei der Polizei ein Foto gezeigt, auf dem zu sehen gewesen sei, was passiere, wenn ein ‚Polenböller‘ neben dem Hals eines Menschen gezündet würde. Wegen der Anklage sei er wie vor den Kopf gestoßen gewesen, er habe nie gedacht, dass er mit einem ‚Polenböller‘ jemanden töten könnte: „Ich verstehe nicht, dass man mir so etwas vorwerfen kann.“

Die Richterin sagt, man wolle noch die Videoaufnahmen von der Tat ansehen. Zunächst geht es aber um die Beauftragung eines Sachverständigen zu den „Dum Bum 50″, der tschechischen Firma Klasek. Das sei bisher nicht erfolgt. Das BKA hat gesagt, sie bräuchten für ein sprenstoffanayltisches Gutachten bis Januar 2019, das sei zu lang. Dann verliest die Richterin alles, was sie in dieser Sache unternommen haben, beispielsweise Mailverläufe.

RA Mosenheuer stellt im Anschluss den Antrag, die Hauptverhandlung auszusetzen. Ebenfalls sollte der Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufgehoben werden. Er stellt den Verlauf der Gutachtensbeauftragung noch einmal dar und ergänzt mündlich: Die geplanten Gutachten, die sich auf die Sprengkraft konzentrieren, seien nicht ausreichend. Es müssen beispielsweise anhand von Tatortfotos festgestellt werden, ob sich die Schrauben überhaupt in der Plastiktüte befunden hätten. Er fährt dann fort, den vorbereiteten Antrag zu verlesen. Durch die nun erst erfolgte Beauftragung der sprengstoffanalytischen Gutachten verzögere sich das Verfahren, das sei ein Verstoß gegen das Beschleunigungsgebot. So wie mit Gutachten verfahren worden sei, könne mit einem konzentrierten Verfahren nicht gerechnet werden. Sein Mandant sei schon über fünf Monate in Haft, das Gutachten hätte schon mit der Anklage angefordert werden müssen.

Der RA sagt, es sei davon auszugehen, dass das Zünden des Böllers nicht gefährlich gewesen sei. Trotz Zeugenaufruf und Berichterstattung habe sich nur eine Person gemeldet. Es sei keine Splitterbombe gewesen, die Schrauben seien nicht verformt gewesen, das spräche dafür, dass sie nicht vorsätzlich angebracht waren. Der Radius von vier Metern zeige auch, dass sie nicht so beschleunigt waren.

Dass sein Mandant eingeschlafen sei, zeige, dass es nicht geplant gewesen sei. Es fehle die Motivation zur Tötung, dazu gebe es keine Anhaltspunkte.

Es gäbe viele Spekulationen über ein rechtes Motiv. Aber sein Mandant habe über ein Jahrzehnt keinen Kontakt zur rechten- oder Skinheadszene gehabt. Trotzdem nehme das weiterhin Raum ein, wohl auch weil die Staatsanwaltschaft mit der Presse über den Fall gesprochen habe, bei dem sein Mandant vor 25 [betont] Jahren angeklagt war. Das sei eine Vorverurteilung. Auch in Hinblick auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung sei das unverantwortlich.

Die Staatsanwältin nimmt direkt Stellung zu dem Antrag. Dieser sei abzulehnen. Zur Aussetzung des Verfahrens sagt sie, zu Sprengkraft könnten auch andere Zeug*innen etwas sagen, beispielsweise das LKA. Zur Aufhebung Haftbefehl führt sie aus. Ein subjektiver Vorsatz sei weiterhin gegeben, dafür sei die objektive Gefährlichkeit unerheblich. Die Frage sei, was habe jemand vor, der Sprengsatz mit Schrauben zündet. Sie gehe weiter von dringendem Tatverdacht aus. Und sie fügt hinzu, es sei kein Verstoß gegen das Beschleunigungsgebot, gerade wegen der Beschleunigung hätten sie kein Gutachten eingeholt.

Es folgt eine Pause, danach verliest die Richterin weitere zusätzliche Termine: 24.8. 9:15-16:00 Uhr, 27.8. 16-17:30 Uhr, 29.8. 16-17:30 Uhr, 7.9. 9:15-16:00 Uhr, 14.9. 9:15-16:00 Uhr.

Die Richterin verliest dann einen Beschluss. Es werde ein Gutachten über die objektive Gefährlichkeit der Pyrotechnik eingeholt. Ein zweiter Gutachter solle ein sprengstoffanalytisches Gutachten erstellen zur Wirkkraft und in welchem Umfeld es eine Gefahr für Menschen gegeben habe. Außerdem zu den gefundenen Schrauben: Es solle auf das Spurenbild eingegangen werden, etwa ob es eine feste oder lose Verbindung zwischen Sprengsatz und Schrauben gegeben habe und wie gefährlich das gewesen sein. Die Richterin kündigt dann eine Verhandlungspause bis 13:00 Uhr an, in der sie über den Antrag des RA entscheiden wolle, man würde außerdem gleich die Mittagspause anschließen. Der Angeklagte beschwert sich. Sein Anwalt erklärt, Kronbügels Haft werde in Billwerder vollstreckt, er könne nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück, er habe keine Wechselkleidung dabei. Die Richterin bemerkt in Richtung des RA [sinngemäß], man werde die Pause so machen und er, RA Mosenheuer, habe ja den Antrag gestellt, der die Pause verlängere.

Nach der Pause verliest die Richterin den Beschluss, der Antrag auf Aussetzung werde zurückgewiesen, da keine vermeidbare Verzögerung festzustellen sei. Über den Antrag auf Haftentlassung werde außerhalb der Hauptverhandlung entschieden.

Dann werden die Überwachungsvideos aus dem S-Bahnbereich in Augenschein genommen. Das erste Video zeigt den Fuß der Rolltreppe des S-Bahnhofs Neugraben. Der Angeklagte betritt den Bereich, einen Rucksack in der einen Hand, in der anderen Hand eine Art weißes Päckchen [naheliegend: die Plastiktüte mit den Sprengsätzen].

Im nächsten Video ist der Bahnsteig der S-Bahnstation Neugraben zu sehen. Menschen verlassen und betreten die Bahn.

Im folgenden Video ist Gleis 1 der S-Bahnstation Veddel zu sehen. Wahrnehmbar ist der Angeklagte, wie er die Bahn verlässt, nochmal schnell in Bahn springt und sie wieder verlässt. Es ist nach fünf Minuten die Explosion am anderen Ende des Gleises [aus Sicht der Kamera] wahrzunehmen.

Im nächsten Video ist Gleis 2 der S-Bahnstation Veddel zu sehen. Es sind Menschen zu sehen, die offenbar die Bahn auf Gleis 1 verlassen haben. Es vergehen ca. 5 Minuten. Eine Bahn fährt auf Gleis 2 ein, Menschen verlassen die Bahn, der Angeklagte steigt ruhig in die Bahn. Die Türen beginnen sich zu schließen. Am Bahnsteig laufen Menschen entlang. Der Sprengsatz explodiert knapp hinter einer vorbeilaufenden Person. Es ist ein großer gelber Lichtblitz/Feuerball zu sehen. Menschen erschrecken sich deutlich sichtbar, einige Menschen fangen an, wegzulaufen. Dann sieht man, wie ein Polizist das Gleis betritt, er telefoniert, er wird offenbar von Personen darauf hingewiesen, was passiert ist. Er geht zu der Stelle der Explosion und hin und her. Dann endet das Video.

Im nächsten Video ist sichtbar, wie der Angeklagte in Hamburg-Harburg die S-Bahn verlässt. Dann werden Videos aus dem Innenraum der S-Bahnen in Augenschein genommen. Auf der Fahrt von Neugraben bis Veddel betritt Kronbügel die Bahn. Er setzt sich in einen Vierer-Sitz, sitzt ruhig da und nimmt immer wieder einen Schluck aus einer [dem Augenschein nach] Bierflasche. Er verlässt die Bahn, kommt schnell zurück, hebt etwas auf und verlässt die Bahn wieder. In der Bahn auf Gleis 2 betritt Kronbügel die Bahn, steht zunächst an der gegenüberliegenden Tür, draußen sie die Explosion zu sehen, Menschen reagieren, stehen z.b. auf und schauen nach. Kronbügel bewegt sich nicht. Dann setzt er sich.

Es gibt keine Erklärungen der Verfahrensbeteiligten und so beendet die Richterin den Prozesstag.

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