2. Verhandlungstag „Er hat den Anschlag angekündigt.“

2. Verhandlungstag – 29.06.2018

Am zweiten Tag des Prozesses gegen Stephan Kronbügel werden zunächst Zeug*innen der Tat gehört. Diese sagen aus, dass sie Kronbügel beim Anzünden der Sprengsätze und in der Bahn beobachtet hätten. Sie hätten sofort gewusst, dass es sich nicht um „normale Böller“ handeln könne, sondern dass dies ein Sprengsatz gewesen sei. Zuvor, am Morgen des Prozesstages kündigte die Richterin an die ehemalige Partnerin Kronbügels, Sissy B., habe sich ans Gericht gewandt, um eine Aussage zu machen. Diese sagt ab 13:30 Uhr aus. Sie berichtet, dass Kronbügel ihr den Anschlag bereits im Juni 2017 angekündigt habe. Davon habe sie auch einer Freundin, dem Jugendamt sowie der Polizei berichtet. Sie sagt außerdem aus, dass Kronbügel sich regelmäßig rassistisch und den Nationalsozialismus verherrlichend geäußert habe.

Zeug*innen:

L.E. (Zeugin des Anschlags am S-Bahnhof Veddel)

N.S. (Zeuge des Anschlags am S-Bahnhof Veddel)

A.S. (Zeugin des Anschlags am S-Bahnhof Veddel)

Sissy B. (ehemalige Lebensgefährtin des Angeklagten Stephan Kronbügel)

Am zweiten Prozesstag trägt der Angeklagte Stephan Kronbügel einen blauen Kapuzenpullover und darunter ein grünes T-Shirt. Er macht einen überwiegend ruhigen, fast starren Eindruck, sein Blick geht die meiste Zeit auf den Laptop seines RA und er bewegt sich kaum. Er wirkt aber konzentriert, hört auch zu. Kronbügel blickt zu Anfang und während der Pause in den Zuschauer*innenraum. Als seine ehemalige Partnerin aussagt, verändert sich seine Haltung und er wirkt er nervös, tippelt mit einer Hand auf die andere. Er spricht danach mit seinem Anwalt.

Die Sitzung beginnt mit der Ankündigung, dass sich die ehemalige Partnerin Kronbügels gemeldet habe und Aussagen machen könne zu seinem möglichen Motiv. Die Vorsitzende Richterin Petra Wende-Spors kündigt an, sie spontan auf 13:30 Uhr zu laden.

Die erste Zeugin ist L. E., sie sei an dem Tag mit ihrem Freund und dessen Mutter in der Bahn gefahren, in die der Angeklagte nach der Tat eingestiegen sei. Sie habe die Tat direkt beobachtet. E. erzählt, wie sie gesehen habe, wie der Mann eine weiße Plastiktüte aus seiner Tasche oder einem Rucksack geholt habe, sich hingekniet, diese auf den Boden abgestellt habe und anschließend in ihre Bahn eingestiegen sei. Sie habe dann beobachtet, wie eine Lunte an der Tüte herunter brannte. Die Tüte sei weiß gewesen, ca. 25 cm breit, 20 cm hoch, oben wie ein Bonbon zusammengebunden.

E. habe sofort begriffen, was los ist und habe schnell die S-Bahn Tür geschlossen. Sie habe direkt in die Explosion geblickt. Es sei sehr hell gewesen, sie habe nichts Anderes mehr wahrnehmen können. Einen Knall habe sie nicht hören können.

Der Mann sei dann in ihre Bahn gestiegen, sie habe auf ihn gezeigt und habe den anderen gesagt: ‚Das ist der Mann!‘ Der Mann habe sich in ein Vierer-Abteil gesetzt. Ihrer Erinnerung nach hätte da eine weitere Person gesessen, der Mann sei aufgestanden und habe sich noch mal umgesetzt in eine leere Vierer-Sitzecke. E. habe mit den Mitfahrenden [ihrem Freund und seiner Mutter und einem Pärchen] diskutiert was sie jetzt machen sollen. Sie habe ein Foto gemacht von ihm und die Polizei gerufen. Auf Nachfrage der Richterin fertigt die Zeugin eine Skizze an, wo der Mann gestanden habe und wo der Sprengsatz abgelegt wurde.

Dann stellt Richterin Wende-Spors Fragen. Auf Nachfrage gibt die Zeugin an, Kronbügel sei ganz normal in die Bahn gegangen, nicht gelaufen, nicht geschwankt. Er sei alleine aufgestanden. Er habe eine Plastikflasche in der Hand gehabt. Der sie begleitende Freund und seine Mutter hätten ihr berichtet, der Mann habe gelächelt nach der Tat, das habe sie nicht gesehen. Er hätte in dem Moment gelacht, als die Menschen sich alle erschreckt haben.

Die Mutter des Freundes habe ihr berichtet, sie habe den Knall wahrgenommen, E. nicht. Für sie sei alles nur hell gewesen. E. berichtet, sie habe sich sehr erschrocken. Es sei klar gewesen, dass jemand hätte verletzt werden können. Ihr sei klar gewesen, dass es kein normaler Böller gewesen sei: „Wir gingen sofort davon aus, dass er Menschen verletzten wollte. Ich hab schon viele Böller gesehen, das war extremer! Das war kein ‚Polenböller‘, das war ein Sprengsatz.“ Nach der Detonation sei der Rest der Tüte runtergebrannt. Die Scheibe sei zu Bruch gegangen. Der Mann habe nicht nüchtern gewirkt, aber auch nicht stark alkoholisiert. Er habe aggressiv und wütend geguckt. E. erzählt, der Mann müsse bemerkt haben, wie sie das Foto gemacht hat. Die Türen seien dann zu gegangen, sie und ihre Mitfahrenden hätten mit dem Pärchen noch geredet und dann die Polizei gerufen. Auf Nachfrage sagt E., sie habe anderthalb Wochen keine Bahn mehr fahren können aus Angst.

Nun fragt RA Mosenheuer: Auf den Videobändern sei aber nicht zu sehen, wie Kronbügel den Sitzplatz wechselt. Ob sich E. vielleicht irrt? Die Zeugin sagt, ja, das könne sein. Es sei so in ihrer Erinnerung.

Als zweiter Zeuge ist N. S. geladen, er ist der Freund von E. S. sagt fast das gleiche aus wie E. Zu ergänzen ist, dass S. aussagt, die Tüte sei groß wie ein Kanister gewesen, also 40-60 cm.

Der Mann sei vielleicht etwas schneller als normal in die Bahn gestiegen. S. habe gesehen, dass der Mann nach der Tat gelächelt habe. Er habe eine braune Bierflasche in der Hand gehabt und habe grimmig oder gleichgültig geguckt. S. vermutet, der Mann müsse mitbekommen haben, dass sie darüber geredet hätten, die Polizei zu rufen. Die Menschen in der S-Bahn seien bei der Detonation auf die andere Seite in der Bahn gegangen und hätten sich sehr erschreckt. Die Druckwelle war zu vergleichen mit einer Windböe, die ein Auto erfasst. Die Richterin fragt, ob er körperliche oder seelische Folgen erlitten habe. Der Zeuge verneint.

Die dritte Zeugin ist A. S., sie ist die Mutter des vorherigen Zeugen und war mit S. und E. in der S-Bahn. Ergänzend zu den vorherigen Zeug*innenaussagen sagt S., E. habe, während sie den Mann beobachtet habe, realisiert, was passiert und deswegen schnell gesagt: ‚Mach die Tür zu! Mach die Tür zu!‘. Die Zeugin habe einen sehr lauten Knall wahrgenommen und etwas wie eine Lunte an der Tüte gesehen. Sie habe einen starken Schrecken erlitten. Sie habe gesehen, dass der Mann gegrinst habe. Die Stichflamme aus dem Sprengsatz sei zwei Meter hoch gewesen und irgendwas sei durch die Luft geflogen, aber sie wisse nicht was. Sie sei mit sich beschäftigt gewesen.

Als vierte Zeugin des Tages sagt nun die ehemalige Lebensgefährtin Kronbügels aus. Sissy B. ist 42 Jahre alt, trägt schwarze Kleidung und lange rotgefärbte Haare, ein Tattoo mit Rune ist auf dem Oberarm sichtbar. Die Richterin sagt, Frau B. sei flau im Magen, daher solle die Sitzordnung geändert werden. Sie ordnet an, dass Stephan Kronbügel und sein RA die Plätze tauschen.

Zu den persönlichen Verhältnissen gibt B. an, sie sei Finanzbeamtin, habe zwei Kinder mit Kronbügel sowie drei weitere Kinder. B. hat sich telefonisch bei der Geschäftsstelle im Gericht gemeldet und angegeben, eine Aussage machen zu wollen. Auf Nachfrage der Richterin sagt sie dazu, was da in der Presse stehe, das stimme nicht.

Laut B.s Aussage habe Kronbügel ihr schon im Juni letzten Jahres [2017] gesagt, dass er das vorhabe. Die Angaben zu seiner Lebenseinstellung und dem Alkohol seien fehlerhaft. Er habe auf ihrem Grundstück gestanden und sei wütend gewesen. Er habe gesagt, er wird die Bombe platzen lassen: „Ihr werdet alle schon sehen“. Er habe angekündigt, es würde einen ordentlichen Knall geben.

B. gibt an, dass Kronbügel Ideen mit Krieg und Waffen gehabt habe, wenn er Alkohol getrunken habe. Das sei sehr ausgeprägt gewesen. Er habe immer Adolf Hitler zitiert und blöde Sprüche gebracht. Sie, B., habe ihn in einer Kneipe kennengelernt, sie hätten zwei Kinder miteinander. Sie habe versucht, ihn normal hinzukriegen, aber das sei nicht möglich gewesen. Das Problem sei sein Egoismus, Krieg und Waffen gewesen. Das seien seine Phantasien auch vor den Kindern gewesen.

Kronbügel verhöhne alle, auch das Gericht, er stelle sich über alle und lache alle aus. Kontakt zu ihm sei nicht mehr möglich gewesen. Sie habe es mehrfach versucht wegen der Kinder. Er sei immer mal wieder zu ihrem Haus gekommen. Bis 2010 seien sie noch enger zusammen gewesen. Eigentlich sei es nur eine kurze Beziehung von 2005 bis 2008 gewesen. Er habe ihr weh getan, was auch vor Gericht gegangen sei. Er sei eine tickende Zeitbombe. Kronbügel habe seinem Sohn Plastikwaffen zum Geburtstag geschenkt und die angemalt. Er habe gesagt, sein Sohn müsse den Dienst an der Waffe lernen.

Die vorsitzende Richterin fragt die Zeugin nach Kontakten Kronbügels zu Nazis. B. antwortet, die wollten ihn nicht mehr, weil er eine tickende Zeitbombe sei. Sie habe das mitgekriegt, weil Leute ihr das gesagt hätten. Das seien beispielsweise Freunde auf Konzerten gewesen. Die hätten zu ihr gesagt, sie solle ihn nicht mehr mitbringen. Sie, B., kenne Kronbügel über ihren Bruder. Der sei früher auch in der Skinheadszene gewesen. Sie sei mit ihm dann auf Konzerte gegangen, wo man hingehen könne, so Rockkonzerte. Früher sei er auf Konzerte von Endstufe gegangen.

Die Richterin hakt nach: „Wo steht er politisch?“ B. sagt, Kronbügel sei rechts. Er sage immer wieder er wolle „das Pack“ hier nicht. „Die Ausländer müsse man alle vergasen“. Auf Nachfrage sagt B., das habe Kronbügel 2015 gesagt. Er habe auch versucht, seinen Sohn mit reinzuziehen bei den Waffengeschichten. Er habe ihm immer wieder von Krieg und Waffen erzählt. Politische Aussagen habe er nüchtern und betrunken getätigt.

2017 habe Kronbügel die Kinder sehen wollen, er sei zum Haus gekommen. Sie habe ihm dies verweigert. An dem Tag habe er auch das mit der Bombe gesagt. Er habe ihr gesagt, ‚ihr werdet euch alle noch wundern, euch wird das Lachen noch vergehen‘. Er habe selbst gelacht. Er habe gesagt, ‚Ich werde die Bombe platzen lassen‘. Er habe gesagt, er bastele was aus ‚Polenböllern‘ zusammen und zünde das an. ‚Polenböller‘ habe er ständig, die fände er toll. Die hätten eine tolle Wirkung, knallen so laut. An Silvester habe er auch welche gezündet. Das weiß sie, weil ihr ältester Sohn mit ihm drüber geredet habe. Auf Nachfrage sagt B., dass sie den von Kronbügel am ersten Prozesstag erwähnten ‚La Bomba‘ nicht kenne. Ob er Freunde habe, wisse sie nicht. Sie vermute, dass er keinen festen Wohnsitz habe.

Die Richterin fragt, ob ihr sonst Gewalt bekannt sei. Die Zeugin bejaht dies. Sie spricht von Bedrohungen und schildert dann die Gewalt, die Kronbügel gegen sie ausgeübt habe. Dafür sei er auch verurteilt worden. Außerdem seien ihr Gewalttaten gegenüber anderen Menschen bekannt. Er habe bei einem Rollstuhlfahrer gelebt und den habe er aus dem Rollstuhl „gekickt“ als er sauer auf ihn war. Das habe der Rollstuhlfahrer ihr danach erzählt. Der lebe jetzt nicht mehr. Außerdem habe Kronbügel auf Festen immer rumgepöbelt, Streit gesucht und Leute bedroht. Dem Rollstuhlfahrer habe er auch gedroht und gesagt ‚Ich zünde dich an‘. Das sei vor vier Jahren gewesen. B. sagt, Kronbügel habe auch Russen als Freunde, aber eigentlich wolle er keine Ausländer als Freunde. Seiner Meinung nach müsse hier [in Deutschland] nur das deutsche Volk sein. Wenn er unterwegs gewesen sei, hätten er und Freunde erzählt, dass er Leute anpöbelt.

B. gibt dann an, sie habe das Ganze einem Polizisten erzählt. Den Dorfpolizisten habe sie angerufen, Herrn C. aus Nussel. Sie habe Angst gehabt, weil Kronbügel gesagt habe, erst lasse er die Bombe platzen und dann hole er die Kinder weg. Deswegen habe sie der Polizei Bescheid gesagt. Aber der habe sie abgewürgt. Sie habe das dann alles dem Jugendamt, der Polizei und einer Freundin erzählt. Sie habe das erzählt, weil sie ihn sehr ernst genommen habe. Kronbügel habe sie auch schon gestalkt. Sie habe eine Anzeige gestellt und eine Unterlassungsverfügung erwirkt, weil er 2008 mit einem Ziegelstein die Haustür eingeschmissen habe, als er sauer war. Er habe oft rumrandaliert und Sachen kaputt gemacht. Er sei manchmal wegen Nichts von einer Minute auf die andere ausgerastet. Losgehen sich prügeln wie beim Fußball fände er toll.

Auf die Nachfrage, wie Kronbügel über den Totschlag an Gustav Schneeclaus gesprochen habe, antwortet B., dass das lange her sei und sie nicht wisse, was Kronbügel dazu gesagt habe. Sie erinnere sich jedoch an eine weitere Tat Kronbügels: Er habe mal eine Frau verprügelt und eventuell auch vergewaltigt. Das wisse sie nicht genau, auch das Motiv sei ihr unklar. Kronbügel habe danach gesagt, dass die Strafe, die er dafür bekommen habe, berechtigt gewesen sei.

B. berichtet im Anschluss zu Kronbügels Alkoholkonsum. Kronbügel habe mal ein paar Wochen Entzug gemacht. Es könne sein, dass er das nur wegen einer Auflage vom Gericht gemacht habe. Das Trinken habe sich langsam entwickelt. Erst nur am Wochenende, dann unter der Woche, dann jeden Tag. Auch früh morgens. Entzugsymptome habe sie bei ihm schon beobachtet: Zittern, Schweißausbrüche, Schmerzen. Kronbügel habe gesagt, er sei beim Arzt gewesen, der habe gesagt, Kronbügel habe eine Leberzirrhose. Er habe dann weniger trinken wollen.

Die Zeugin S.B. wird gefragt, ob die Zeugin etwas Positives über ihn sagen könne, warum sie mit ihm zusammen gewesen sei. B. sagt, das sei eher sexuell gewesen, manchmal, wenn er gewollt hätte, hätte er charmant sein können. Finanzielle Unterstützung habe es nie gegeben. Er hab mal Lebensmittel mitgebracht, die er von der Tafel hatte.

RA Mosenheuer erbittet sich Zeit, um die Befragung der Zeugin B. vorzubereiten. Die Richterin beendet daraufhin den Prozesstag und lädt B. erneut für den 09.08.2018. Sie beendet dann den Verhandlungstag. Der Prozess wird am 04.07. um 10:00 Uhr fortgesetzt.

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