12. Verhandlungstag – „Mach ihn tot, mach ihn tot“. Der Totschlag an Gustav Schneeclaus

12. Prozesstag, 29.08.2018, 16:00 – 17:15 Uhr

Am heutigen Prozesstag setzte die Vorsitzende Richterin Wende-Spors die auszugsweise Verlesung von Urteilen und dazugehörigem Tenor gegen den Angeklagten Stephan Kronbügel fort. Ausführlich las Wende-Spors aus dem Urteil und der Feststellung des Totschlags an Gustav Schneeclaus vor.


Triggerwarnung:
Im folgenden Protokoll werden explizite Gewaltakte und sexualisierte Gewalt beschrieben. Außerdem werden rassistische, stereotypische und diskriminierende Begriffe explizit wiedergegeben.

Der Prozesstag beginnt mit der Bekanntgabe von Formalitäten durch Wende-Spors: Heute, am 29.8. habe der Richter Finke an den Sachverständigen Dr. K. eine E-Mail gesandt bezüglich der Frage, ob er, wie angedeutet, einen Rechtsmediziner von der Charité vermitteln könne. Da die Sprengung voraussichtlich in Berlin stattfände, würde sich dieses anbieten. Eine Antwort auf die E-Mail stünde noch aus.

Nun gibt Wende-Spors bekannt, dass die Bundespolizei Hamburg eine DVD nachgesandt habe. Sie liest aus dem Vermerk des Bundespolizisten K. vom 15.08., dass die Beamtin T. am 13.08. mitgeteilt habe, dass sie eine DVD mit Videoaufzeichnungen aus dem Waggon vorliegen hätten und unverzüglich zusenden würde. Der Beamte K. gehe davon aus, dass sich keine neuen Informationen auf der DVD fänden. Die DVD sei, so Wende-Spors, am 15.08. eingegangen und durch den Richter Finke gesichtet worden. Auf der DVD sei ein heller Lichtschein zu erkennen gewesen, ein Kratzer auf der Rückseite ließe vermuten, dass sie wahrscheinlich beschädigt und somit nicht abspielbar sei. Die Aufzeichnungen hätten zu keinen neuen Erkenntnissen geführt, weswegen auf eine Screenshot-Dokumentation verzichtet worden sei.
Wie sich im anschließenden Gespräch herausstellt, wurde die DVD durch die Staatsanwältin an das Gericht gesandt. Diese soll nun, so bittet Wende-Spors, abklären, ob die DVD noch einmal vorläge. Der Verteidiger wirft noch ein, dass er keine Blue-Rays abspielen könne.

Im Anschluss setzt Wende-Spors die Verlesung nach §249 der StPO (Führung des Urkundenbeweis’) fort.

Sie beginnt mit dem Tenor vom Amtgericht Hamburg (04.06.’87)
und dem auszugsweisen Urteil sowie der Feststellung des Amtsgerichts Hamburg vom 31.08.’87

Urteil gegen
Stephan Kronbügel
Ohne Namen (abgetrenntes Verfahren)
Thomas B.
Karsten Br.
Dirk L.

Jugendschöffengericht:
Stephan Kronbügel sei der viermaligen Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch schuldig

Das Urteil ergehe wie folgt:
Stephan Kronbügel unter Einbeziehung vorausgegangener Verfahren (12.1.87) einheitliche Jugendstrafe von 1,8 Jahren
Thomas B. Jugendarrest 10 Tage
Karsten Br. sei zu einer Geldbuße von 200 DM verurteilt worden, zu zahlen an die Cap Anamur.
Dirk L. sei zu 9 Monaten Jugendstrafe verurteilt worden, die Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt.
Von der Auferlegung von Kosten und Auslagen werde unter der Maßgabe abgesehen, dass Stephan Kronbügel die Auslagen des Nebenklägers H. trage. Die sichergestellten DocMartens-Stiefel des Angeklagten L. seien eingezogen worden.

Landgericht Hamburg
In der Strafsache Stephan Kronbügel (Gefährliche Körperverletzung) sei bei der Berufung vor dem Landgericht Hamburg folgendes für Recht erkannt worden: Die Berufung des Angeklagten werde mit der Maßgabe verworfen, dass die Verurteilung wegen Körperverletzung entfällt. Stattdessen Verurteilung wegen vorsätzlichen Vollrausches.
Zur Feststellung zur Sache liest Wende-Spors wie folgt:
Am Nachmittag des 11.01.’86 habe sich Kronbügel mit dem Zeugen A. und L., B. sowie drei weiteren Freunden getroffen. Alle seien damals Skinheads gewesen. Diese hätten ein auffälliges Äußeres, sehr kurze Haare und trügen meist Militärstiefel. Ihre Einstellung sei oberflächlich nationalistisch und vorwiegend rechtsradikal und ausländerfeindlich. Sie seien stolz, Deutsche zu sein. Regelmäßiger Alkoholkonsum gehöre dazu.

Die Angeklagten hätten sich im Keller von B. getroffen, Kronbügel habe schon zwei Flaschen Bier geleert, bis 19 Uhr seien zehn weitere kleine Flaschen Bier sowie etwas Apfelkorn dazugekommen. Alle hätten dann beschlossen, zum S-Bahnhof zu gehen, um von Neuwiedenthal nach Neugraben zu fahren und Freunde zu besuchen. Zudem haben sie wissen wollen, ob „Spinner“, also Linke, Punker und Ausländer unterwegs seien, die sie aufmischen könnten.
Der Angeklagte L. habe ein 30cm langes, hohles Aluminiumrohr bei sich geführt.

Nun ließt Wende-Spors unter Angabe der alphabetischen Nummerierung die festgestellten Taten auszugsweise vor:
A) Im Bahnhof wären die Angeklagten auf den Nebenkläger H. getroffen. Dieser hätte einen Cellokasten mit sich geführt. Stephan Kronbügel habe unvermittelt und mit voller Wucht gegen den Instrumentenkasten getreten und den Zeugen angegriffen. Mehrere der Angeklagten hätten H. dann geschlagen und getreten. An den Füßen habe Kronbügel schwere DocMartens-Stiefel getragen. Erst als der Zeuge A. „Hört auf, das ist doch ein Deutscher“ gerufen habe, haben sie von ihm abgelassen und H. konnte flüchten. Seinen Cellokasten musste er zurücklassen. Infolge der tätlichen Auseinandersetzung habe er unter anderem unter mehreren Prellungen und einer Gehirnerschütterung gelitten. Der Cellokasten im Wert zwischen 900 und 1100 DM sei kaputt gewesen, das Cello habe für 600-700 DM repariert werden müssen.

Kronbügel sei wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung verurteilt worden. Seine Schuldfähigkeit sei durch den Alkoholkonsum weder erheblich gemindert noch aufgehoben worden.

B) Die Gruppe habe nun gegen 20:00 Uhr eine S-Bahn in Richtung Harburg bestiegen. Dort seien sie auf die Zeugin G. getroffen, die auf dem Pulli eine Plakette mit der Aufschrift „Nazis raus“ getragen habe. Einer aus der Gruppe habe ihr die Plakette abgerissen, die Zeugin sei in erhebliche Angst versetzt wurden, die Plakette sei ihr dann wieder ausgehändigt worden.

Im nächsten Wagen habe der Zeuge K. gesessen, zusammen mit weiteren Türken. Die Angeklagten hätten im bewussten und gewollten Zusammenwirken auf ihn eingeschlagen, unter anderem auch mit dem mitgeführten Aluminiumrohr. Der Zeuge sei kurz ohnmächtig geworden und habe zahlreiche Prellungen erlitten.
Damit hätten die Angeklagten sich der gemeinschaftlichen und damit gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht, auch hier habe keine Verminderung der Schuldfähigkeit vorgelegen.

C) Nachdem die Gruppe am Bahnsteig angekommen sei, hätten sie diesen verlassen. Freunde hätten dem Zeugen K. aus der Bahn geholfen. Dabei seien sie gesehen worden und die Gruppe sei erneut gezielt auf sie zugelaufen, um sich zu prügeln. Die Angegriffenen seien über die S-Bahngleise und einen Zaun geflüchtet und haben somit entkommen können.
Das Verfahren sei eingestellt worden.

D) Im Anschluss sei die Gruppe in den Keller von B. zurückgekehrt und habe weiter Bier getrunken. Um 22:35 Uhr seien sie erneut zum S-Bahnhof Neuwiedenthal aufgebrochen, um L. und andere nach Hause zu begleiten. Im Zug saß ein älterer türkischer Mann mit zwei Söhnen und seiner Schwiegertochter. Er sei aufgefordert worden aufzustehen und wurde von A. angespuckt. Der Mann habe zurück gespuckt, A. habe dann auf ihn eingeschlagen, ebenso Kronbügel und L.
Ein weiterer Fahrgast habe die Notbremse gezogen und die Angreifer seien geflüchtet. Vorher habe A. noch eine Bierflasche zerschlagen und in Richtung des Zeugen geworfen.
Auch hier habe keine Verminderung der Schuldfähigkeit aufgrund des Alkoholkonsums vorgelegen.

E) Als nächste Tat seien Schottersteine gegen S-Bahnscheiben geworfen worden, Scheiben seien kaputtgegangen. Die Angeklagten hätten sich der gemeinschaftlichen Sachbeschädigung schuldig gemacht

F) Im Anschluss habe sich die Gruppe in der Wohnung von A. aufgehalten und sich im Laufe des Abends getrennt. A. und Kronbügel seien zusammen geblieben und hätten nachts um 1 Uhr beschlossen, nach Neugraben ins Einkaufszentrum zu fahren um zu sehen, ob dort noch eine Kneipe offen sei. Und sie wollten sehen, ob sie auf anderen Personen treffen würden, mit denen sie sich prügeln könnten. Sie seien auf eine Gruppe Türken getroffen und in der folgenden Auseinandersetzung unterlegen gewesen. Aus Frust darüber hätten sie anschließend die Schaufensterscheiben des Laden eines türkischen Geschäftsmanns eingeworfen.
Bei dieser Tat seien sie schuldfähig gewesen, es sei aber nicht auszuschließen, dass ihre Schuldfähigkeit durch den Alkoholkonsum erheblich gemindert war.

Unter 2. liest Wende-Spors auszugsweise aus nun folgenden Urteilen und Feststellungen:
Am 24.01.`87 habe sich der Angeklagte Kronbügel bei seiner Freundin B. im Kinder- und Jugendheim [unverständlich] aufgehalten. Er habe Bier und Bacardi getrunken. Er habe sich nach der Aufforderung der Erzieher geweigert, zu gehen. Erst die gerufene Polizei habe ihn wegbringen können und ihn einige Straße entfernt abgesetzt. Dort sei Kronbügel von Ausländern verprügelt worden. Er sei im Anschluss zurückgekommen und habe sich im Kinderheim das Blut abwischen wollen, ihm hätte jedoch keiner aufgemacht. Daraufhin habe er die Scheibe eingeschlagen.
Eine Verurteilung sei aufgrund von Sachbeschädigung erfolgt, die Schuldfähigkeit sei dabei erheblich gemindert gewesen.

Am 25.01.`87 habe er das Jugendheim erneut aufgesucht, um seine Freundin B. zu treffen. An dem Tag habe er zuvor seit 11 Uhr in nicht mehr feststellbaren Mengen Bacardi, Wein und Bier getrunken. Der Erzieher Sch. habe Kronbügel mit Verweis auf sein Hausverbot den Einlass verweigert. Kronbügels Aufforderung zur Prügelei habe er abgelehnt, Kronbügel habe ihm daraufhin eine Kopfnuss und weitere Schläge verpasst.
Die Schuldunfähigkeit sei nicht auszuschließen. Aber der Angeklagte habe sich vorsätzlich in Rausch versetzt, daher erfolge eine Bestrafung wegen vorsätzlichen Rauschs.

Am [unverständlich].02.’87 traf der Zeuge R. auf den Angeklagten Kronbügel sowie die Zeugen B. und K..
Kronbügel habe R. nicht gemocht, da dieser früher Punker gewesen sei. Kronbügel habe K. mit der Begründung, er sei ihm noch was schuldig, aufgefordert, R. zu schlagen. Dieser habe dann R.’s Kopf heruntergerissen und ihn Faustschlägen und Fußtritten ausgesetzt. Auch Kronbügel habe zugeschlagen und getreten. R. sei durch die Schläge und Tritte zu Boden gegangen und habe unter anderem Prellungen, ein Hämatom am Auge sowie einen abgebrochenen Schneidezahn davon getragen.

Nun verliest die Richterin auszugsweise aus dem Urteil des Amtgerichts/ Bezirksjugendgericht Hamburg vom 10.06.’88,

Angeklagt seien
Stefan Kronbügel
Andrea B.
Stefanie K.
Stefan/André [unverständlich]

Stefanie K. sei freigesprochen worden. Kronbügel, B. und S. seien unter Freisprechung des Übrigen der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen worden. Während Kronbügel zu 8 Monaten Haft verurteilt werde, werde die Strafe von B. und S. zur Bewährung ausgesetzt. Sie hätten die Auslagen des Nebenklägers F. zu tragen.

Am 02.06.’87/02.08.’87 gegen 00:30 Uhr seien die Zeugen F. und seine Bekannte K. in Lübeck den Angeklagten und der Zeugin F. begegnet. Die Angeklagten seien alkoholisiert gewesen. Sie hätten ohne Anlass und ohne Grund den Zeugen F. angepöbelt und ihn aufgefordert, zu verschwinden. Sie hätten auf ihn eingeschlagen und eingetreten, bis es F. gelungen sei, zu flüchten. Kronbügel sei ihm dabei gefolgt.

Die Angeklagte B. habe der Zeugin K. einen Faustschlag verpasst. Sie habe ihren Schal ergriffen und „soll ich dich würgen“ gesagt, während sie den Schal langsam zugezogen habe. Der Angeklagte S. sei hinzugekommen und habe der Zeugin unter anderem ans Schienbein getreten. Sie habe unter anderem multiple Oberschenkelprellungen erlitten.
Die Angeklagten seien der gemeinschaftlichen und damit gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen schuldig. Entgegen ihrer Darstellung wurden sie durch die Zeugen überführt.

Landgericht Stade

Angeklagte
Stefan Silar
Stephan Kronbügel
Gemeinschaftlicher Totschlag

Die 2. Jugendkammer Stade habe durch die Sitzungen am 16., 21., 23., 28.09.’92 für Recht erkannt, die Angeklagten seien des Totschlags schuldig. Silar werde zu (unter Einbeziehung vorangegangener Urteile) 6 Jahre Jugendstrafe verurteilt. Von der Auferlegung der Kosten und Auslagen des Verfahrens werde abgesehen.
Für Stephan Kronbügel ergehe eine Freiheitsstrafe für 8 Jahre 6 Monate. Er habe die auf ihn verfallenden Kosten und Auslagen des Verfahrens zu tragen.

Aus der Feststellung des Urteils verliest Wende-Spors auszugsweise wie folgt:

Am Mittwoch, den 18.03.’92 fuhren Silar und Kronbügel getrennt voneinander zum Busbahnhof Buxtehude um sich mit Bekannten zu treffen.
Silar habe damals 61 Kg gewogen, Springerstiefel mit 30cm Schaft, hochgeschnürt mit weißen Schnürsenkeln, dicker Profilsohle (Stärke 2cm, Hacke 3cm) und Stahlkappen getragen. Kronbügel sei zu dem Zeitpunkt 73 Kg schwer gewesen und habe ebenfalls Springerstiefel (Profilsohle Stärke 2 cm, Hacke 3 cm) getragen.
Auf dem Busbahnhofsgelände haben ein Imbiss und Wartehäuschen mit Unterstand gestanden. Vor dem Imbiss ein öffentlicher Fernsprecher und eine Uhr. Hinter dem Unterstand sei ein kleiner Platz angelegt gewesen, mit zwei Bänken, hinter ihnen ein Grünstreifen und in der Mitte einem Müllbehälter. Ein flacher Holzzaun habe hinter den Bänken gestanden.
Als Silar um 14:30 Uhr am Busbahnhof angekommen sei, wären Kronbügel und weitere Personen bereits anwesend gewesen. Ebenfalls anwesend seien H. U. und der Kapitän Gustav Schneeclaus sowie drei weitere ältere Männer gewesen. Alle wären alkoholisiert gewesen. Neben den aufgezählten seien auch ein dreizehnjähriger und ein elfjähriger Junge vor Ort gewesen.
Die Gruppe habe sich auf dem Gelände aufgehalten und Alkohol konsumiert. Im Verlaufe des Nachmittags sei zweimal Geld gesammelt worden um davon mehrere Dosen Karlsquell und Springer Urvater zu kaufen und dies unter den Anwesenden zu verteilen und zu trinken.
Auch Kapitän Schneeclaus habe zweimal Geld dazugegeben, welches gerne angenommen wurde. Er habe gemeinsam mit den Jugendlichen getrunken und sei dabei zunehmend betrunkener geworden. Er sei auf die Bänke gesunken, habe Seemanslieder gesungen und habe versucht, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
Dabei habe er dazu geneigt, andere zu ärgern und sich über sie lustig zu machen. So habe er zum Beispiel nach Längen- und Breitengraden gefragt um den Anderen zu zeigen, wie wenig sie wissen würden. In Kenntnis der Tatsache, dass die anderen Anwesenden rechts seien, begann er abfällige Bemerkungen über Hitler zu machen.
Gegen 17Uhr kam Gustav Schneeclaus mit A. B. Gespräch und äußerte sich abfällig über Adolf Hitler. B. wendete sich ab, da er befand, dass mit dem „total betrunkene[n] Kapitän kein Gespräch mehr möglich“ sei und verließ darauf den Busbahnhof. Alle wären genervt gewesen ihnen sei das „Gelaber“ auf den Geist gegangen.
Auch Stephan Kronbügel habe sich aufgeregt, dass der Kapitän Sachen gesagt habe, die seiner Auffassung nach nicht haben stimmen können, wie beispielsweise, dass es zwei Nordpole geben würde. Die Angeklagten hätten sich von dem Kapitän „vorgeführt“ gefühlt und in der Folge begonnen, sich über ihn lustig zu machen. Sie hätten einen Böller unter der Bank, auf der er saß, gezündet. Gustav Schneeclaus sei mittlerweile so betrunken gewesen, dass er torkelte und zweimal hinfiel. Er sei hinter eine Bank beim Unterstand gelegt worden. Seiner Aufforderung, dass man ihm ein Taxi rufen solle, da er nach Hause wolle, sei nicht nachgekommen worden.
Gegen 19:30 Uhr seien noch die beiden Angeklagten, G. und K. B., H. B. und Gustav Schneeclaus anwesend gewesen. K. B. habe den Busbahnhof kurz darauf mit einem vorgefahrenen Bekannten in dessen PKW verlassen. Zu diesem Zeitpunkt habe Schneeclaus unverletzt auf einer der Bänke gelegen.
Nach eigenen Angaben habe Silar etwa zehn bis zwölf 0,3 l Bier und eine halbe 0,7 Liter Flasche Springer Urvater getrunken. Kronbügel habe angegeben, ungefähr zwei bis drei 0,3l Dosen Bier sowie eine Flasche Spinger Urvater getrunken zu haben. Beide haben als angetrunken gelten können, hätten aber darüber hinaus keine Schwierigkeiten gehabt. Sie haben normal reden und sich bewegen können.
In der Folge wäre einer der Jungen mit einer weiteren Person zurückgekommen. Es sei zu einem Streit zwischen Gustav Schneeclaus und H. B. gekommen, sie haben sich über Adolf Hitler gestritten, der von Schneeclaus als Verbrecher und von H. B. als größter Mann der Geschichte bezeichnet worden wäre, der Gutes getan hätte.

Die Anwesenden seien erbost gewesen und in Wut geraten. Stephan Kronbügel insbesondere dann als Gustav Schneeclaus behauptet habe, dass Hitler Österreicher und nicht Deutscher gewesen sei. Kurz darauf hätten die noch Anwesenden um die Angeklagten herum beschlossen, dass sie nach Harburg fahren wollen würden. G.B. habe alle mitnehmen wollen und habe sich entfernt, um sein Auto zu holen. Währenddessen sei das Streitgespräch der Anwesenden mit dem Kapitän weitergegangen. H. B. habe zu Kronbügel gesagt, dass Schneeclaus ein ganz schöner Idiot sei und man ihn überzeugen müsse.
„Was willst du mit ihm machen“, habe Kronbügel H. B. gefragt und dieser habe entgegnet, dass man den Kapitän zusammenschlagen müsse, wenn sie ihn nicht überzeugen könnten. H. B. habe Schneeclaus daraufhin am Jackenkragen gepackt und ihn geschüttelt. Kronbügel habe Schneeclaus derart mit seinen Stiefeln getreten, dass dieser rücklings von der Bank gekippt sei. Silar, der vorher an der Telefonzelle gewesen sei, sei zurückgekommen und habe die Szene mit den Worten kommentiert, ob Schneeclaus „mal wieder gelästert“ habe.
Laut Zeugenaussage des einen Jungens habe dieser zu diesem Zeitpunkt auf die Uhr geschaut und es sei genau 20:56 Uhr gewesen. Silar habe Schneeclaus nun ins Gesicht gespuckt und ihm aufgrund des „nervige[n] Gelaber[s]“ Tritte an Oberschenkel und Hüfte versetzt.
G. B. sei dann mit dem PKW vorgefahren und die Angeklagten sowie H. B. seien eingestiegen. Dabei fielen G. B. bei den Anderen keine Schwierigkeiten aufgrund des Alkoholkonsums auf. Nachdem sie H. B. abgesetzt hatten, hätten Silar und Kronbügel bemerkt, dass es zu früh für Harburg wäre und sie hätten sich entschlossen, wieder zum Busbahnhof zurück zu wollen. G. B. habe sie dann nach ca. zehn bis fünfzehn Minuten am DRK Heim in etwa fünfzig Meter Entfernung zum Busbahnhof wieder abgesetzt. Die Angeklagten wären zurück zum Busbahnhof gegangen, dort habe der Kapitän auf einer Bank gesessen. „Wo denn das Taxi sei“, habe Schneeclaus gesagt und dann, dass sie unfähig seien und nicht einmal das hinkriegen würden.
Die Angeklagten seien nach wie vor voller Wut gewesen und hätten nun gemeinsam auf Gustav Schneeclaus eingeschlagen und eingetreten. Kronbügel habe mit dem Stiefel mit voller Wucht in das Gesicht von Gustav Schneeclaus getreten und dieser sei daraufhin von der Bank gefallen. Daraufhin habe Kronbügel mit den Fäusten auf den nun im Busch liegenden Schneeclaus eingeschlagen. Silar habe mit seinen Springerstiefeln auf den Kopf und Körper getreten und sei gezielt auf den Oberkörper gesprungen.
„Mach ihn tot, mach ihn tot“, so habe Kronbügel zu Silar gerufen.
Kronbügel habe nun ein Vierkantholz gegriffen und gezielt Richtung Kopf Nacken und Schulter des Kapitäns gezielt. Dieser habe durch den Angriff schwere Verletzungen erlitten, unter anderem eine 5cm große Kopfplatzwunde am Auge, eine 5cm große Kopfplatzwunde an der Stirn, Blutungen der Hirnhaut, eine Hirnschwellung, Einreißungen und Unterblutung des Jochbeins, Weichteilblutungen diverser Stellen, eine Fraktur des Unterkiefers sowie eine Fraktur des Dornfortsatz’ des vierten Halswirbelkörpers und mehrere Rippenbrüche.
Die Angeklagten hätten den möglichen Todeseintritt billigend in Kauf genommen. Als Gustav Schneeclaus stark geblutet und nur noch gestöhnt habe, hätten sie von ihm abgelassen und eine Flasche Korn geleert, die der Kapitän bei sich gehabt hätte. Dieser habe nun bei -10 Grad Außentemperatur bewusstlos und allein in den Büschen gelegen. Wissen, dass er wohl nicht entdeckt werden würde, hätten die Angeklagten sich entfernt.

Ihre Fähigkeit, das Unrecht der Tat einzusehen, sei durch den Alkohol nicht beeinträchtig gewesen, wohl aber sei ihre Fähigkeit, ihr Handeln zu steuern erheblich beeinträchtigt gewesen.

In der Höhe der Shelltankstelle in der Harburgerstraße habe Stephan Kronbügel A. B. angerufen und ihn aufgefordert, ihn und Silar abzuholen. Sie müssten sofort aus Buxtehude abgeholt werden, weil sie Einen „platt gemacht“, vielleicht sogar umgebracht hätten.
Sie seien dann mit schwankendem Gang und mit erheblicher Alkoholisierung zum Auto von A. B. gegangen. Kronbügel habe sich auf den Rücksitz, Silar nach vorne gesetzt. Sie haben zu J. K., einem Bekannten, nach Neugraben gewollt. Kronbügel habe gesagt, es sei ein Penner vom Busbahnhof gewesen, der sich über Adolf Hitler lustig gemacht hätte.
A. B., der nebenberuflich für das DRK tätig gewesen sei, habe sich entschlossen, Rettungswagen zu rufen. Kronbügel habe ihn vom Telefonieren abgehalten, er sagte, sie hätten keine Zeit und er hätte sich gefürchtet, bald entdeckt zu werden. Silar habe sich im Auto nicht mehr an den Gesprächen beteiligt. Um 22:30 Uhr seien sie bei J. K. angekommen. Gemeinsam seien sie dann weiter zu S. [unverständlich] nach Harburg. An der Jet Tankstelle hätten sie weiteren Alkohol gekauft. Bei S. B./D. wären sie noch bis 05:00 Uhr morgens zusammengesessen und Kronbügel habe weiter Alkohol getrunken. Silar habe A.B. zuvor darum gebeten, ihn nach Hause zu bringen, was dieser auch getan habe. Danach sei A. B. zum Busbahnhof nach Buxtehude zurückgekehrt, um nach Gustav Schneeclaus zu sehen. Der Kapitän sei offensichtlich schwer verletzt und nicht ansprechbar gewesen. A. B. habe um 23:50 Uhr den Notarztwagen gerufen und Schneeclaus sei in das Krankenhaus in Buxtehude eingeliefert worden. Zu diesem Zeitpunkt habe seine Körpertemperatur 33,4 Grad betragen.
Nachdem Gustav Schneeclaus zunächst weiter versorgt worden wäre, wäre es in der Folge zu einem zerebralen Krampfanfall gekommen und er sei in die Klinik Dr. Hancken nach Stade verlegt worden. Der Anfall sei keine wesentliche Unfallfolge gewesen, das Gehirn habe Anzeichen eines Deliriums gezeigt und er sei mit einer symptomgerechten Tablettentherapie behandelt worden.
Silar und Kronbügel hätten sich indes wieder am Bahnhof aufgehalten und sich mit ihrer Tat gebrüstet. Laut K. B. habe Silar auf die Blutlachen gezeigt und gesagt, „das sei von dem Mann aus dem Kopp“. Beide hätten erzählt, wie sie Gustav Schneeclaus geschlagen und getreten hätten. Er hätte so einen harten Kopf gehabt, dass man ihn noch mit einem Pfahl geschlagen habe. Die Angeklagten hätten weiter geprahlt, dass der Kopf des Mannes viel abbekommen habe und sie nicht wüssten, ob er noch leben würde.
Sie hätten die Blutlache noch weiteren Personen gezeigt, gesagt, sie hätten einen „umgehauen“ und dabei betont, dass Gustav Schneeclaus ein kräftiger Mann gewesen sei, der sich nicht gewehrt habe und den sie mit einer Holzlatte geschlagen hätten. Kronbügel habe gesagt, dass ein Streit über Adolf Hitler der Hintergrund gewesen sei. Silar habe gesagt er würde hoffe, dass Schneeclaus nicht tot sei. Beide hätten immer von ‚wir’ gesprochen. A. B. habe dann erzählt, dass er in der Nacht zurück zum Busbahnhof gefahren sei, Gustav Schneeclaus nicht ansprechbar gewesen sei und er daraufhin einen Notarztwagen gerufen hätte. Die Angeklagten hätten ihn daraufhin ausgefragt und sich im Anschluss weiter gebrüstet. Stephan Kronbügel habe im Imbiss berichtet, dass sie einen „umgeklatscht“ hätten. Dabei hätten sie „gegen den Kopf und alles getreten“ und ihn ordentlich fertig gemacht.

Indes habe der Kapitän Gustav Schneeclaus eine mittelgradige Lungenfettembolie und eine eitrige Bronchitis erlitten. Gemeinsam mit seinem durch den Alkohol geschwächten Allgemeinzustand und dem Alkoholentzug habe dies alles zusammen am 22.03.’92 zu einer plötzlichen Verlangsamung des Herzschlags geführt, was trotz Reanimation nach einer Dreiviertelstunde in Herz-Kreislaufversagen als Todesursache mündete. Der Herzstillstand sei einhergegangen mit multiplen Verletzungen (Politrauma) sowie weiteren Vorschädigungen. Für einen Tod an einer Fettleber habe es keine Anhaltspunkte gegeben.

Am 24.03.’92 sei die Kripo Buxtehude zur weiteren Untersuchung eingeschaltet worden. Am Tatort wären zwei Kanthölzer sichergestellt worden. Blut habe sich hinter der Bank, im Gebüsch sowie am Mülleimer befunden.
Silar und Kronbügel seien vorläufig festgenommen worden. Das Landeskriminalamt Niedersachsen habe an Jeans und Stiefel Kronbügels menschliches Blut nachgewiesen, welches mit der Blutformel des Toten übereingestimmt hätte.
Silar sei am 23.03.(richterlich und polizeilich) und am 26.03. polizeilich vernommen worden, die Festnahmen seien am 22.03. erfolgt, die U-Haft am 23.03.’92.

Nach Beendigung der auszugsweisen Verlesung dieses Sachverhaltes gegen 17:10 Uhr stellt die Richtern Wende-Spors fest, dass das nächste Urteil ebenfalls lang sei und sie dieses bis zum anberaumten Ende des Verhandlungstages um 17:30 Uhr nicht mehr schaffen wird.

Wende-Spors fragt nun den Verteidiger, ob er sich heute zu dem Sachverhalt äußern wollen würde, ob die Zeugin S. B. erneut zu laden sei. Weder der Verteidiger, noch, auf direkte Nachfrage der Richterin, Stephan Kronbügel, möchten eine abschließende Stellungnahme abgeben.

Abschließend werden die weiteren Sitzungstermine besprochen. Für den nächsten Prozesstag am 07.09. kündigt Wende-Spors die Fortsetzung des Verlesungsprogramms und die eventuelle erneute Ladung der Zeugin S. B. an.
Am 14.09. werde voraussichtlich der psychiatrische Gutachter Herr W. sein Gutachten erstatten können.
Der Sachverständige Dr. W. sei für den 07.09. abzuladen und auf den 27.09. umzuladen.

Wende-Spors verkündet den nächsten Verhandlungstermin für den 07.09. um 10:00 Uhr unterbricht die Sitzung für heute.

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