14. Verhandlungstag – „Eine erhebliche Gefährdung für die Allgemeinheit“

14. Verhandlungstages, 14.09.2018

Am 14. Verhandlungstags stellte die Verteidigung zunächst einen Antrag. Anschließend wurde psychiatrisches Gutachten von Dr. V. Vorgetragen. Zuletzt berichtete Richter Finke über den geplanten Sprengversuch von Herrn W.

Zu Beginn der Verhandlung berichtet Richter Finke, dass der Leiter der Rechtsmedizin in Köln [Prof. Dr. R.] ein Rechtsmedizinisches Gutachten zu den Gefahren der Druckwellen des Sprengsatzes anfertigen wird. Er sei für den 8.10.18 geladen.
Im Anschluss kündigt der Verteidiger an, einen Antrag stellen zu wollen, der psychiatrische und medizinische Aspekte beinhalte, weshalb es sinnvoll sei, wenn der psychiatrische Sachverständige dabei anwesend wäre. Der Antrag wird aus diesem Grund vorgezogen. Verteidiger M. verliest daraufhin den Antrag. Er beantrage für den Fall, dass sich das Urteil gegen Stephan Kronbügel auf die Aussage Sissy B.s stütze, ein psychiatrisches Gutachten, um die Glaubwürdigkeit von Sissy B. insbesondere in Hinblick ihrer Aussage, Kronbügel habe den Anschlag im Sommer 2017 angekündigt, zu prüfen. Seines Erachtens werde dieses ergeben, dass Sissy B. nicht glaubwürdig ist. Er referiert daraufhin die Aussagen, die Sissy B. an den beiden Vernehmungen vor Gericht getätigt hat und argumentiert, dass diese in sich nicht stimmig seien und im Widerspruch zu den Aussagen von Zeugin v. S. und dem Polizisten C. stünden:
1. Sissy B. habe in ihrer ersten Vernehmung am 29.06.2018 angegeben, Kronbügel habe während eines Streits zum Umgang mit den gemeinsamen Kindern im Juni 2017 angekündigt eine „Bombe platzen zu lassen“. Sie gab darüber hinaus an, den Zeuginnen S. und R. frühzeitig von seiner Tatankündigung berichtet zu haben. Diese hätten es zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter reagiert.
2. Nachdem sie von der Tat aus den Medien erfahren habe, habe sie dem ihr bekannten Polizisten C. von der Ankündigung der Tat berichtet. Dieser habe ihre Aussage mit den Worten „nur, weil etwas kaputt gegangen ist, muss das nichts bedeuten“ heruntergespielt.
3. Sie habe sich nach ihrer ersten Vernehmung noch einmal bei dem Gericht gemeldet und auf die Zeugin v. S. verwiesen, diese könne einiges erzählen. Außerdem habe sie angegeben, den Ärtz*innen in der Klinik, in der sie sich stationär aufgehalten habe, von der Tat erzählt zu haben. Der Polizist C. habe sich nicht an den Hinweis auf die Tatankündigung erinnern können und angegeben, er hätte diesen Fall sonst sicher gemeldet. Er habe außerdem angegeben, dass Sissy B. ihn auf einen Zeitungsartikel mit einer unbekannten Tat hingewiesen habe und gesagt habe, dies traue sie Kronbügel zu.
4. Verteidiger M. verweist des Weiteren auf die Aussage der Zeugin S. vom 08.08.2018, die gesagt habe, sie habe den Ausdruck „Bombe platzen lassen“ im übertragenden Sinne verstanden, in Bezug auf eine Information die Kronbügel preisgeben wolle, was das Sorgerecht von Sissy B. womöglich hätte gefährden können.
5. Der Verteidiger führt die Aussage der Zeugin R. [Jugendamtsmitarbeiterin] an, die angegeben habe, mit Sissy B. Anfang 2018, also erst nach der Tat telefoniert zu haben, weil sie von ihrem Klinikaufenthalt gehört habe und sich nach ihrem Befinden und der Versorgung ihrer Kinder habe erkundigen wollen. Bei diesem Gespräch habe Sissy B. Frau R. von der Ankündigung erzählt.
6. Auf den Vorhalt der Aussage der Zeugin S. habe Sissy B. angegeben, diese sei eben lockerer als sie. Sissy B. sei bei ihrer Aussage geblieben, Kronbügel habe von sogenannten Polenböllern gesprochen. Sie sei ebenfalls bei der Aussage geblieben, sie habe dem Polizisten von der Ankündigung der Tat berichtet und sie habe bestätigt, dass sie ihm einen Zeitungsartikel gezeigt habe, in dem von einer Tat die Rede war, die sie Kronbügel zutrauen würde. Dieser hätte daraufhin gesagt „man solle das nicht so aufputschen“.
7. Die Zeugin v. S. habe berichtet, von ihrem Bruder durch die Tat erfahren zu haben. Sie sei aus allen Wolken gefallen über die vermeintliche Planung und politische Motivation der Tat. Kronbügel sei ein Vollalkoholiker, die Tat bestimmt nicht politisch motiviert.
8. Die Zeugin v. S. habe sich an das Gericht gewandt um davon zu berichten, dass Sissy B. ihr per SMS gesagt habe, dass sie es so spannend vor Gericht gefunden habe und v. S. vor Gericht nicht erzählen solle, dass Sissy B. und sie Kontakt hätten. In diesem Zusammenhang sagte Zeugin v. S. aus, dass Sissy B. Ihres Erachtens keine Angst vor Kronbügel habe und zudem psychisch erkrankt sei.
9. Sissy B. habe damit konfrontiert eingeräumt, v. S. gebeten zu haben, dem Gericht nicht von ihrem Kontakt zu erzählen. Sie habe allerdings die Zeugin v. S. nicht manipulieren oder ihre Aussage beeinflussen wollen. Sie habe außerdem zugegeben, dass sie wolle, dass Kronbügel für lange Zeit ins Gefängnis geht, weil es ihr nur gut ginge und Ruhe herrsche, wenn er weg sei. Bezüglich ihrer psychischen Erkrankung habe sie angegeben, sich zu selbst verletzt zu haben. Sie habe die Ärzt*innen nicht von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbinden wollen.
Aus diesen Punkten schlussfolgert Verteidiger M., dass die Angaben von Sissy B. nicht glaubhaft seien, insbesondere bezüglich der angeblichen Ankündigung der Tat seitens Kronbügel. Die Angaben stünden im Widerspruch zu den Aussagen der angeführten Zeug*innen und seien in sich nicht stimmig. Zudem bestehe der Verdacht auf eine versuchte Manipulation von Zeug*innenaussagen durch Einflussnahme auf die Zeugin v. S.. Es gebe außerdem Hinweise auf eine psychische Erkrankung durch die Aussage von Zeugin v. S. und Sissy B.s eigene Angabe. Eigentlich sei das Gericht für die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Zeug*innen zuständig. Wenn jedoch psychische Auffälligkeiten vorlägen und sich das Gericht auf die Aussage der betreffenden Person in seinem Urteil stützen wollen würde, sei ein*e Sachverständige*r hinzuzuziehen. Bei der bei Sissy B. vermuteten Erkrankung sei eine Einschätzung besonders schwierig aufgrund verschiedener Krankheitsmerkmale [Extremisierung von Kontakten, selbstschädigendes Verhalten, Einnehmen einer Opferrolle], die das Einschätzen von Beziehungen und die Aussagezuverlässigkeit beeinträchtigen. Verteidiger M. verweist auf ein Urteil vom August 2010 des BGH, dass bei der betreffenden Krankheit ein Gutachten sinnvoll sein könne, da der Sachverstand des Gerichts diesbezüglich nicht ausreiche. Er vermutet, Sissy B. könne bewusst oder unbewusst unwahre Aussagen getätigt haben.
Die Richterin fragt, ob die Staatsanwältin gleich Fragen stellen wolle oder zunächst eine Kopie des Antrags haben wolle. Diese möchte zunächst eine Kopie.
Die Verhandlung wird fortgesetzt mit der Vorstellung des psychiatrischen Gutachtens durch den Sachverständigen Dr. V..
Richterin Wende-Spors fordert V. auf von dem Explorationsgespräch, dass dieser mit Kronbügel im Februar 2018 in der JVA Billwerder geführt habe zu erzählen. V. erklärt, dieses Gespräch sei sehr kurz gewesen, ca. 30 Min., da Kronbügel eigentlich gar nicht mit ihm habe sprechen wollen. Dies habe er ihm wiederholt sehr freundlich gesagt und bedauert, dass er, V., extra angereist sei. Daher habe er sein Gutachten auf der Basis einer Mischung der Quellen – dem Explorationsgespräch, den Erklärungen Kronbügels in der Verhandlung, seinem Verhalten in der Verhandlung und den verschiedenen Zeug*innenaussagen – erstellt. Zunächst äußert V. sich zu der Biografie Kronbügels. Dieser sei gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei seinen Eltern aufgewachsen. Der Vater sei Industriekaufmann gewesen und bereits vor Jahrzehnten verstorben, die Mutter sei für Haushalt und Familie zuständig gewesen. Die Atmosphäre zu Hause sei ok gewesen, das habe Kronbügel im Explorationsgespräch und in der Verhandlung ausgesagt. Die Familie habe drei Jahre in Norwegen gelebt und sei zu Kronbügels Einschulung zurück nach Hamburg gekommen. Die Schule habe er mit einmaligem Wiederholen aber ohne Probleme durchlaufen und mit dem Hauptschulabschluss beendet. Mit 15, 16 hätte er aber deutliche Probleme in Einstellung und Durchhaltevermögen gezeigt. Er habe zwei Ausbildung nach dem ersten bzw. nach einem halben Jahr abgebrochen, die als Dachdecker nach eigener Angabe aufgrund von Höhenangst. Er habe Schwierigkeiten mit Pünktlichkeit und dem Arbeitspensum gehabt. Dann habe er eine Karriere bei der Bundeswehr beginnen wollen, sei aber zu jung gewesen und habe deshalb bei der Fremdenlegion in Frankreich angeheuert. Dort habe er sich für fünf Jahre verpflichtet, nach einem sei er aber bei der Bundeswehr einberufen worden, weshalb er seinen Aufenthalt dort habe beenden müssen, was wohl nicht so einfach gewesen sei. Nach nur einem Jahr habe er die Bundeswehr wegen Schlägereien und Alkoholkonsum verlassen müssen. Danach sei Kronbügel nur noch gelegentlich tätig gewesen, im Hafenbereich und auf dem Bau. Mit 15 sei er zum ersten Mal wegen Sachbeschädigung vor Gericht gewesen, das Verfahren wurde gegen eine Ermahnung eingestellt. Bis 1987 habe er drei Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung bekommen. 1987, mit 21 oder 22, habe er dann seine erste Freiheitsstrafe bekommen, unter Einbezug der vorherigen Bewährungsstrafen. Insgesamt sei er 17 oder 18 Jahre seines Lebens in Haft gewesen. In dieser Zeit habe er den Realschulabschluss nachgeholt, was ihm nicht leichtgefallen sei. Eine Ausbildung habe er dort nicht gemacht, obwohl das sicherlich möglich gewesen sei. 1984 sei er erstmalig mit der Neonaziszene in Kontakt gekommen, nach seiner Haft dann wieder. Alkohol habe er schon seit seiner ersten Ausbildung getrunken. Zunächst Bier, das sei früher so üblich gewesen auf dem Bau, später auch Hartes. Aus einem Urteil von 1992 ginge hervor, dass er zwei Flaschen Weinbrand täglich getrunken habe. Bei erzwungener Abstinenz habe er Entzugserscheinungen gehabt, teilweise seien die medikamentös behandelt worden. Er habe sich in der „Skinheadszene“ und der „Obdachlosenszene“ aufgehalten. Der „ältere Herr“ der 1992 bei einem „Gewaltexzess (…) zu Tode gebracht“ worden sei [Gustav Schneeclaus] habe sich auch in dieser Obdachlosenszene aufgehalten. Grund für den Vorfall sei gewesen, dass er [Schneeclaus] sich negativ über Hitler geäußert hätte. Deshalb sei die Tat als rechtsradikal motiviert eingestuft worden. Kronbügel sei damals auch alkoholisiert gewesen, es lägen jedoch keine Blut- oder Atemalkoholwerte vor. Deshalb konnte eine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit durch Alkohol damals auch nicht ausgeschlossen werden. Im Rahmen der Haftlockerung [Hafturlaub] 1996 habe Kronbügel dann einer Bekannten in deren Wohnung eine schwere Körperverletzung und sexuelle Misshandlung zugefügt. Dies führte zu einer Haftverlängerung. Nach der Haftentlassung 2004 sei er für längere Zeit nicht mehr in Arbeit gewesen und habe von Hartz IV gelebt. Aus den Urteilen sei bekannt, dass er sich hauptsächlich in Schleswig-Holstein aufgehalten habe, da die dortigen Gerichte mit seinen Taten befasst gewesen seien. Es sei um gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstahl gegangen. Kronbügel sei dann zwischen 2006 und 2013 noch zu weiteren Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt worden, wobei er sich selbst entschlossen habe, Teile der Geldstrafen durch Ersatzhaftstrafen abzuleisten. Dann habe er seinen Aufenthaltsort von Schleswig-Holstein nach Harburg verlagert. In den letzten drei Jahren habe er keinen festen Wohnsitz gehabt, übernachte bei Freunden und Bekannten. Er habe in dieser Zeit nur noch Eigentumsdelikte und keine Körperverletzung mehr begangen. Der Verfassungsschutz habe Kronbügel 2012 und 2015 überprüft und habe keine politische Aktivität und Anbindung an die rechte Szene feststellen können. Kronbügel selbst hätte ausgesagt, die rechte Szene wollte nicht mehr, dass er käme.
Kronbügel habe Ende der 1980er eine Beziehung gehabt, aus der eine Tochter hervorgegangen sei. Diese habe er jedoch nur als Baby gesehen. Des Weiteren habe eine Beziehung mit Sissy B. gehabt. Sissy B. habe ihn sexuell attraktiv gefunden und als deutschen Vater für ihre Kinder gewollt, dem habe er zugestimmt und sie hätten zwei gemeinsame Kinder [der Sohn sei 2006, die Tochter 2009 geboren]. Die Beziehung zwischen Sissy B. und Kronbügel sei turbulent gewesen. Kronbügel sei nur kurz bei Sissy B. gemeldet gewesen und habe überwiegend woanders gelebt. Laut Aussage von Sissy B. habe Kronbügel zu Beginn der Beziehung nur wenig getrunken, später dann auch morgens und tagsüber. Er habe auch Entzugssymptome gezeigt. Die Beziehung habe vier bis sechs Jahre gedauert. Sissy B. gibt als Ende 2011/2012 an, es habe aber sexuellen Kontakt bis 2014/2015 gegeben. Im Sommer 2017 seien sich die beiden das letzte Mal begegnet, da habe es den Streit um die Kinder gegeben. Kronbügel habe kein Umgangsrecht oder Besuchsrecht über das Jugendamt oder Familiengericht eingefordert, sondern sei eher unangemeldet aufgetaucht. Dies habe nach Aussage Sissy B.s zu Streit geführt. 2013 habe Kronbügel eine Beziehung zu der Zeugin v. S. gehabt. Die beiden hätten sich schon aus Jugendzeiten aus Neugraben gekannt. Nach Angaben der Zeugin v. S. sei es eine sexuelle und auf Alkoholkonsum basierende Beziehung gewesen. V. S. habe angegeben, dass Kronbügel ihr gegenüber nicht aggressiv gewesen sei bis zu dem Zeitpunkt, als sie die Beziehung beenden und ihn nicht mehr in ihre Wohnung lassen wollte, um Abstand von ihm zu gewinnen und selbst alhokolabstinent zu werden. Bei diesem Vorfall habe er die Haustür eingetreten. Kronbügel, so der Sachverständige, habe täglich ca. 10 Bier 0,5 Liter getrunken, selten Hartes und war selten abstinent. Als ein Arzt Leberschäden bei ihm festgestellt habe, sei er zeitweise abstinent gewesen. Seit dem Frühjahr 2017 bis zu seiner Verhaftung habe er jedoch regelmäßig getrunken. Kronbügel habe auch regelmäßig Krafttraining betrieben, seinen eigenen Angaben nach einem Profiprogramm. Er seine eigenen Utensilien dafür gehabt. Er sei in einem guten körperlichen Zustand.
Zusammenfassend könne er sagen, so der psychiatrische Sachverständige, dass keine schwere psychische Störung vorläge. Kronbügel sei durchschnittlich intelligent, d.h. es liege keine Minderung vor. Eine alkoholbedingte Hirnschädigung sei denkbar, aber nach dem klinischen Befund gebe es darauf keinen Hinweis. Es müssten dafür Tomographie und psychologische Testungen angewendet werden, die wolle Kronbügel aber nicht. Soweit zeige der Befund keine forensisch relevanten Schäden. Frühe Entwicklungsverzögerungen oder Auffälligkeiten habe es nicht gegeben, jedoch in der Jugend. Kronbügel habe Probleme gehabt, soziale Normen und Regeln einzuhalten und früh Kontakt mit der Polizei gehabt. Ab dem Altern von 19 sei er oft und regelhaft gewalttätig gewesen, habe sich in der Skinheadszene aufgehalten und habe Alkohol konsumiert. 1992 habe er das Tötungsdelikt und später weitere schwere Gewalttaten bis 2010 begangen. Er habe ein „Gewaltproblem“. Insgesamt sei er 12 Mal wegen Körperverletzung, Totschlag und Vergewaltigung verurteilt worden. Alle Taten habe er unter Alkoholeinfluss begangen. Es bestehe kein Zweifel daran, dass Kronbügel Alkoholiker sei, vermutlich seit er 17 oder 18 ist. Alkoholismus zeichne sich aus durch den starken Wunsch nach Alkohol, fehlende Kontrolle über den Anfang des Trinkens und die Menge, es träten Entzugserscheinungen auf. Kronbügel sei vermutlich tolerant gegenüber Alkohol geworden. Er habe trotz der Diagnose Leberzirrhose weitergetrunken. Der Sachverständige diagnostiziert Kronbügel nach ICD 10 F10.21: Alkoholabhängig, abstinent in geschützter Umgebung. Außerdem weise Kronbügels abweichendes Verhalten, seine Affektivität, seine Schwierigkeiten bei zwischenmenschlichen Beziehungen und seine mangelnde Impulskontrolle, z.B. die Handlungskontrolle und das Zurückstellen eigener Bedürfnisse über den Lebenslängsschnitt betrachtet auf eine Persönlichkeitsstörung hin. Der Sachverständige nimmt an, dass die Persönlichkeitsstörung in Kombination mit der Sucht Kronbügels berufliche und psychische Fähigkeiten eingeschränkt habe. Damit habe sich Kronbügel aber arrangiert, er selbst sehe gar keinen Änderungsbedarf. Die Persönlichkeitsstörung zeige sich durch die Diskrepanz zwischen Kronbügels Verhalten und sozialen Normen, eine niedrige Frustrationstoleranz, eine geringe Schuldeinsicht sowie durch Probleme bei Emotions- und Handlungskontrolle. Der Sachverständige spricht von einer Ich-Syntonie, im Sinne der Bereitschaft, aggressiv und gewaltvoll zu handeln und das nicht als falsch zu erleben. Alkohol spiele bei Kronbügel immer eine Rolle. Der Sachverständige diagnostiziert Kronbügel eine Suchterkrankung und eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, unsteten und impulsiven Anteilen. Es bestünde allerdings keine „schwere seelische Abartigkeit im juristischen Sinne“. Diese Persönlichkeitsstörung habe nur in Verbindung mit anderen psychischen Störungen einen Krankheitswert, dies läge hier nicht vor. Kronbügel könne sich unter kontrollierten Bedingungen sozial kompatibel und angemessen verhalten. Es liege keine forensisch relevante Störung vor. Es könne deshalb bei der Frage der Verantwortung in Bezug auf die Tat nur um die Auswirkungen des Alkohols gehen. Hier sei er auf Kronbügels Angaben angewiesen, da keine Werte aus Blutprobe oder Atemtest vorliegen. Kronbügel habe angegeben, zehn halbe Liter Bier am Tattag bis 17.30 Uhr getrunken zu haben. Der Sachverständige ermittelte mit Hilfe der Wittmannformel aus diesen Angaben einen Promillewert zwischen 2,6 und 2,9 und erläutert dann die realen Auswirkungen von Alkohol. Möglich seien körperliche Auswirkungen, wie ein unsicherer Gang. Dies sei bei Kronbügel nicht der Fall gewesen. Er habe auch keine kognitiven Auswirkungen, wie Bewusstseinsgetrübtheit, Erinnerungsverlust oder Müdigkeit gezeigt. Auch emotional-affektive Auswirkungen wir Aggression oder Gereiztheit seien nicht aufgetreten. Der Sachverständige stützt sich bei dieser Bewertung auf die Angaben von Zeug*innen und die vorliegenden Videoaufzeichnungen sowie eigene Angaben des Angeklagten. Der Tatablauf und auch das Nach-Tat-Verhalten seien zielgerichtet gewesen. Kronbügel sei zielgerichtet in die Bahn gestiegen, habe gegrinst und sich gefreut, dass sich andere durch seine Tat erschrocken haben. Dies spreche gegen eine relevante Beeinträchtigung durch Alkohol. Die dissoziale Persönlichkeitsstörung zeige sich durch Verantwortungslosigkeit, Abkehr vom Normverhalten und die niedrige Hemmschwelle, andere zu verletzen. Der Sachverständige wiederholt jedoch, dass dies nicht forensisch relevant sei. Kronbügel habe sich entscheiden können, „was richtig und was falsch ist“ und er habe sich entschieden. Alkohol habe die Hemmschwelle möglicherweise gesenkt und könnte sich auf die Fähigkeit, Bedürfnisse zurückzustellen, ausgewirkt haben, aber das seien nur „minimale“, „einige wenige“ Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Steuerungsleistung. Der Sachverständige empfiehlt keinen Psychiatrieaufenthalt, weil keine Krankheit vorliege, die forensisch relevant sei. Der Aufenthalt in einer Erziehungsanstalt sei möglich, aber die gefährliche Handlung ist nicht durch den Alkohol zu erklären, sondern durch die dissozialen Eigenschaften, z.B. kein Mitgefühl, auch wenn bei 2/3 aller Fälle Alkohol eine Rolle gespielt habe. Der Sachverständige hat eine Kriminalprognose für Kronbügel erstellt. Es bestehe grundsätzlich die Gefahr, dass Kronbügel auch in Zukunft Gewalt ausüben werden, die Gefahr steige, wenn er alkoholisiert sei. Es sei jedoch auch zu beachten, dass der Schweregrad der von Kronbügel gegangenen Taten in den letzten Jahren abgenommen habe. 2009 habe er die letzte Körperverletzung begangen, danach mehrheitlich Eigentumsdelikte. Das Risiko für Gewalttaten sei deshalb abgemindert. Dennoch liege Kronbügels Risiko, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen zu begehen über dem Durchschnitt, er bestünde eine erhebliche Gefährdung für die Allgemeinheit. Eine Unterbringung nach § 64 StGB in Ochsenzoll sei möglich, aber er, der Sachverständige, sei skeptisch hinsichtlich des Erfolgs; erstens, weil Kronbügel dies nicht wolle und lieber in Haft gehen würde, zweitens, weil persönliche Faktoren gegen den Erfolg sprechen – Kronbügel leide nicht unter dem Alkoholkonsum und wolle sich nicht verändern – und drittens aufgrund des großen Autonomiebedürfnisses. Der Sachverständige rät deshalb von einer Unterbringung ab.
Im Anschluss an das Gutachten stellt Richterin Wende-Spohrs einige Nachfragen an den Sachverständigen V.
Zunächst fragt sie, ob K. gegenüber dem Sachverständigen auch Angaben zur Tat gemacht habe. Der Sachverständige V. bejaht dies, sucht die entsprechende Stelle in seinen Unterlagen und gibt daraufhin an, Kronbügel hätte ihm gegenüber gesagt, einen Bekannten getroffen zu haben, der ihm die Böller gab. Ob Kronbügel auch dem Sachverständigen gegenüber den Namen „La Bomba“ nannte, sei dem Sachverständigen nicht mehr klar. Der Sachverständige gab weiter an, Kronbügel habe gesagt, er wollte die Böller für Silvester aufbewahren, weil sein Bekannter ihm gesagt hätte, dass sie besonders laut knallen würden. Kronbügel sagte in dem Gespräch gegenüber V., dass er nicht gewusst habe, dass sich Schrauben in der Tüte befanden. Am S-Bahnhof Veddel hätte er einen Böller gezündet, zuvor allerdings darauf geachtet, dass alle Menschen mindestens 10 Meter Abstand zu ihm und dem Böller hätten. Er hätte niemanden verletzen wollen und auch keine Gewaltphantasien über rassistische Taten. Die rechte Szene wolle auch nichts mehr mit ihm zu tun haben, er sei zu alt und zu geschädigt vom Alkohol berichtete V. aus dem Gespräch mit Kronbügel. Weiter berichtete V., dass Kronbügel ihm gegenüber angegeben hätte, am Tattag 10 Bier getrunken zu haben, sich aber nur „ein bisschen angeschlagen“ gefühlt zu haben. Er habe die Böller loswerden wollen, sei Rucksack sei schon so voll gewesen und er habe sehen wollen, wie die Böller knallen. V. berichtet, dass er ihn gefragt habe, warum er die Böller nicht weggeworfen habe. Kronbügel erwiderte laut V. daraufhin, dass es dumm von ihm gewesen sei. Er habe niemandem schaden wollen. Der Sachverständige V. wertet dies als Einsichtsvermögen und Geständnis für die Tat. Zudem habe Kronbügel in Bezug auf den Geschädigten Zeugen P. E. angegeben, niemanden am Ohr verletzt haben zu wollen.
Daraufhin fragt die Richterin Wende-Spors nach der von K. gegenüber dem Sachverständigen V. angegebenen Anzahl von Böllern. Waren es ein oder zwei Böller oder eine pauschale Angabe? Der Sachverständige V. bestätigt, dass nur von einem Böller gesprochen wurde. Von zweien habe er sich weder etwas notiert, noch könne er sich daran erinnern.
Die Richterin Wende-Spors fragt nun nach den Absichten, die Kronbügel gegenüber dem Sachverständigen V. für die Tat angegeben habe. Sie entnimmt seinen Erläuterungen, Kronbügel habe die Böller loswerden und sehen wollen, wie sie knallen. Der Sachverständige V. bejaht dies. Er ergänzt, dass Kronbügel ihm gegenüber Verletzungsabsichten verneint habe. Er habe ja auch extra darauf geachtet, dass alle Menschen 10 m weit weg seien.
Danach fragt die Richterin Wende-Spors nach potentiellem Drogenkonsum Kronbügels jenseits von Alkohol. Der Sachverständige V. gibt an, Kronbügel hätte ihm gegenüber angegeben selten Cannabis und gelegentlich Kokain konsumiert zu haben. Heroin habe er nie konsumiert, weil er durch den Konsum einer Bekannten abgeschreckt worden sei. In der letzten Zeit, so habe Kronbügel angegeben, habe er aber keine Drogen konsumiert und nur Bier getrunken.
Die Richterin Wende-Spors fragt nun ob Kronbügel im Gespräch mit dem Sachverständigen V. Angaben zu seinen Zukunftsvorstellungen gemacht hätte. V. erläutert, dass es für Kronbügel klar sei, „dass er so weiterleben wolle wie bisher“. Er habe sich mit deinem Leben arrangiert und sei zufrieden, so wie es ist. Es gebe Freunde und Bekannte bei denen er unterkommen könne und er sammele Flaschen, um seinen Konsum zu finanzieren.
Richterin Wende-Spors hakt hier erneut ein und fragt V., ob Kronbügel angegeben habe, seinen Lebensstil auf keinen Fall verändern zu wollen und auch kein Interesse an Beschäftigung habe. Der Sachverständige bestätigt dies.
Weiter fragend erkundigt sich Richterin Wende-Spors nach den Außenkontakten von Kronbügel in Haft. Der Sachverständige antwortet, dass nach Kronbügels Angaben kein Kontakt zu Außenpersonen bestünde. Er sei quasi von der Außenwelt abgeschnitten, seine Bekannten würden vermutlich nicht einmal wissen, dass er in Haft sei.
Nun fragt Richterin Wende-Spors ob Kronbügel früher schon mal aufgrund seiner Alkoholsucht in Entgiftungen oder Therapien gewesen sei. Der Sachverständige V. gibt an, dass Kronbügel bereits einmal eine Entgiftung in Bargfeld-Stegen und eine Langzeitbehandlung in Bokholt durchgeführt habe. In Harburg sei er wohl doch nicht gewesen [wie an einem der vorherigen Verhandlungstagen angegeben]. Es sei aber nicht klar ob diese zu Ende geführt wurde. So oder so sei danach wieder konsumiert worden. Es gäbe bisher keine Langzeittherapie in Bezug auf seine Alkoholsucht.
Richterin Wende-Spors fragt nun nach Kronbügels Einstellung gegenüber einer Entziehungsanstalt. Der Sachverständige V. gibt an, Kronbügel habe im Februar 2018 ausdrücklich gesagt, er wolle selbst entscheiden was er mache und keine Zwangsbehandlung in Ochsenzoll (nach §64 StGB). Er habe davon Schlechtes gehört. Auf die Frage der Richterin , in wie weit V. gegenüber Kronbügel erläutert habe, wie ein Entzug dort ablaufe, erwiderte V., dass Kronbügel auch nach Erläuterungen kein Interesse entwickelt habe. Grundsätzlich gäbe es unterschiedliche Meinungen über die Unterbringung in Entziehungsanstalten. Kronbügel habe sein Wissen vermutlich von Mitgefangenen, die die Entziehungsanstalt abgebrochen haben, also nicht erfolgreich gewesen seien. Es gäbe aber auch positive Meinungen. Sachverständigen gelänge meistens nicht, Menschen von der positiven Wirkung einer Klinik zu überzeugen, die dies nicht wollen würden. Auch Kronbügel habe er nicht überzeugen können, er habe „0,0 Interesse daran“.
Richterin Wende-Spors fragt nun nach den Angaben von Kronbügel gegenüber dem Sachverständigen V. zum Tatvorwurf. Sie fragt V. ob Kronbügel klar gewesen sei, was er tue und wie dies strafrechtlich zu bewerten sei. V. gab daraufhin an, dass Kronbügel ihm gegenüber aussagt habe, er habe gedacht, er würde eine Ordnungswidrigkeit begehen und irgendwann Post von der Polizei mit einer Geldstrafe bekommen. Er sei sehr überrascht über die Verhaftung gewesen. Er habe nicht gedacht, dass seine Tat gefährlich sei, sondern habe sie für eine Banalität gehalten.
Nun fragt Richterin Wende-Spors zu den Tests und Checklisten zur Prognose der erneuten Straffälligkeit in Bezug auf Gewaltdelikte von Kronbügel. Sachverständiger V. erläutert daraufhin das Verfahren des Prognosetests. Es handle sich dabei um eine Liste mit zwölf Faktoren, die anhand der Aktenlage ausgewertet werden könne und auf deren Grundlage Angaben zum zukünftigen gewalttätigen Verhalten gemacht werden können. Es würden die Faktoren: ,bis 16 bei den Eltern gelebt‘, ,Probleme in der Schule‘, ,Alkoholprobleme‘, ,Zivilstand‘ (soziale Beziehungen), ,Bewährungsversagen‘, ,frühere Haftstrafen‘, ‚Alter zum Tatzeitpunkt‘, ,Indexdelikt‘, ,frühere Sexualdelikte‘, ,gewalttätige Vordelikte‘ und ,nicht-gewalttätige Vordelikte‘ sowie ,Antisozialität’ abgefragt, für die es jeweils Plus- oder Minuspunkte gebe. Somit errechne sich ein Ergebnis. Kronbügel habe die zweithöchste Risikostufe, Kategorie 8 von 9. In dieser Kategorie liege die Wahrscheinlichkeit der erneuten Begehung von Gewaltdelikten bei 52% in den nächsten 5 Jahren, bei 78% in den nächsten 12 Jahren. Im Falle von Kronbügel müsse man allerdings berücksichtigen, dass er in den letzten 9 Jahren keine Gewaltdelikte begangen habe. Die Wahrscheinlichkeit, erneut Gewaltdelikte zu begehen, reduziere sich für ihn deshalb auf 22% in 5 Jahren und 33% innerhalb der nächsten 12 Jahre.
Richterin Wende-Spors fragt weiter nach der vorgenommenen Diagnose des Sachverständigen V. und warum diese keinen Krankheitswert und somit nicht forensisch relevant sei. Sie berichtet von anderen Prozessen, in denen Persönlichkeitsstörungen durchaus relevant für den Prozess und die Beurteilung waren. Sie fragt wieso der Sachverständige V. dies hier nicht so sehe. Der Sachverständige V. erklärt erneut, dass die dissoziative Persönlichkeitsstörung, welche sich u.a. durch sozial abweichendes Verhalten zeige, für sich allein keinen Krankheitswert habe. Nur wenn sie mit anderen Formen von Persönlichkeitsstörungen und psychischer Erkrankung einherginge, würde sie forensische Relevanz haben. Er beschreibt, dass Kronbügel anders als Menschen mit einer schweren Persönlichkeitsstörung durchaus in der Lage sei, Anpassungsleistungen zu erbringen und sich aktiv entscheiden könne, nicht gewalttätig zu handeln, wie er dies z.B. während seiner Haft getan habe. Wende-Spors wendet ein, dass die Haft einen geschützten Raum darstelle und fragt, wie es außerhalb der Haft gewesen sei. V. erwidert, nach Zeug*innenabgaben habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass Kronbügel sich grob auffällig oder pathologisch verhalten hätte. V. sagt weiter, er ginge davon aus, dass es bei Kronbügel eine Art „innere Einkehr, sich nicht mehr ‚so‘ verhalten zu wollen“ gäbe. Darüber hinaus haben Zeug*innen ausgesagt, Kronbügel hätte sich ihnen gegenüber nicht nur turbulent, sondern insbesondere in Beziehungen auch oft ruhig und „charming“ verhalten. Schlussfolgernd fügt er hinzu, dass er bei Kronbügel keinen vorhandenen Leidensdruck habe erkennen könne. Dies sei bei Personen mit starker Persönlichkeitsstörung mit Krankheitswert anders.
Anschließend fragt die Richterin nach V.s Begutachtung zu Kronbügels Alkoholabhängigkeit und den Berechnungen des Alkoholwertes von 2,6-2,9 zum Tatzeitpunkt. V. erläutert die Berechnung des Alkoholwertes. Hierbei habe er sich auf Kronbügels Angabe gegenüber der Polizei, am Tattag 10 halbe Liter Bier getrunken zu haben, gestützt. Er habe mit dieser Literangabe, einem Alkoholwert von 5,9 % pro Bier, dem Körpergewicht von Kronbügel und der Rate, die der Körper den Alkohol wieder abbaut einen Alkoholwert von 2,6-2,9 für den Tatzeitpunkt errechnet. Daraus schließt V., dass die Voraussetzungen für §20 StGB (Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störung) nicht gegeben sei. Auch §21 StGB (verminderte Schuldunfähigkeit) sei seines Erachtens nach unzutreffend. Es läge keine erheblich erminderte Steuerungsfähigkeit vor. Die Videoaufnahmen der Tat und die Zeug*innenaussagen sprächen trotz der hohen Alkoholisierung Kronbügels zum Tatzeitpunkt gegen starke äußere Auswirkungen, es seien kaum körperliche und kognitive Effekte sichtbar gewesen. Der Alkoholkonsum könne allerdings Auswirkungen auf innere Aspekte gehabt haben, z.B. eine Senkung der Hemmschwelle oder das Aufschieben von Bedürfnissen. In der Gesamtbetrachtung spräche, so der Sachverständige V., in dem Fall von Kronbügel vieles gegen eine erheblich geminderte Steuerungsfähigkeit und nur sehr wenig dafür. Ausschließen könne er es allerdings nicht. Kronbügels Dissozialität und die fehlende Rücksichtnahme auf andere Personen spiele eine große Rolle, der relevante Alkoholkonsum müsse aber auch berücksichtigt werden.
Nach der Mittagspause geht die Befragung des Sachverständigen V. zum psychiatrischen Gutachten Kronbügels weiter. Richterin Wende-Spors fragt nach der Risikobewertung für erneute Gewalttaten und die damit verbundene Berechnung. Allen 12 Faktoren werde jeweils ein Punktwert zugewiesen. Sie fragt ob dieser bei allen Faktorengleich sei, z.B. immer von -10 bis +10 divergiere. Der Sachverständige V. erklärt, dass dies abhängig von der jeweiligen Kategorie sei. Bei einigen Faktoren differierten die Punkte von -2 bis +2, bei anderen von -5 bis +5.
Nun fragt Richterin Wende-Spors, warum V. von 5,9% Alkoholgehalt pro Bier ausgegangen sei, dies sei doch eher Starkbier und ob es nicht möglich sei, dass weniger Alkohol enthalten war. Der Sachverständige V. gibt an, dass der Alkoholgehalt zwischen 4,9% und 6,5% liegen könne, er bei der Berechnung mit 5,9% von der Normalversion eines Bieres ausgegangen sei. Er wisse nicht welche Sorte Bier Kronbügel am Tattag getrunken habe.
Richterin Wende-Spors fragt nach der Möglichkeit, eine Therapiebereitschaft zu wecken. Der Sachverständige V. erläutert, dass er keine Entwicklung in diese Richtung sehe. So sei zwar die Weckung der Therapiebereitschaft im Rahmen einer angeordneten Unterbringung möglich, dies erfordere allerdings mehrere Monate Behandlung. Zuvor skeptische Patienten seien überrascht darüber, wie die Therapie wirklich sei und könnten neue Angebote für sich entdecken. Es sei aber nicht klar, ob dies gelänge. Bei Kronbügel bestünde aktuell eine feste Meinung, keine Bereitschaft für eine Therapie zu zeigen. Diese könnte sich maximal über mehrere Monate entwickeln.
Ungefragt ergreift Kronbügel an dieser Stelle selbst das Wort und bestätigt die fehlende Bereitschaft in eine Entziehungsanstalt zu gehen. Richterin Wende-Spors fragt dann noch einmal den Sachverständigen V. wie lange eine solche Therapie dauern würde, bis sie Erfolg hätte. Der Sachverständige erläutert, dass Maßnahmen über §64 StGB im Durchschnitt zwei Jahre Klinikaufenthalt zur Folge hätten.
Das Fragerecht wird an die Staatsanwältin übergeben. Diese fragt nach ob der Sachverständige V. eine Erklärung abgeben können warum die Gewaltdelikte von Kronbügel in den letzten Jahren abgenommen hätten und er nur noch Eigentumsdelikte begangen hätte. Sie fragt ob dies eine Erscheinung der altersgemäßen Abnahme sei. Der Sachverständige erläutert, dass es schwer sei diese Frage zu beantworten, da er mit Kronbügel selbst nicht darüber gesprochen habe. Statistisch gäbe es den Effekt, dass im Alter von 50-60 Jahren die Straftaten abnehmen. Er vermute bei Kronbügel aber eher eine innere Veränderung, eine innerliche Motivation zu „das mache ich nicht mehr“, da er trotz Risiken von Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum und seinem sozialen Milieu weniger Taten begehen würde.
Anschließend fragt die Staatsanwältin nach der prozentualen Verringerung von Straftaten von Personen mit Persönlichkeitsstörung und Alkoholsucht, wenn eine Therapie gemacht würde. Der Sachverständige erläutert, dass eine Therapie zu einer durchschnittlichen Gefährdung Straftaten zu begehen führen könne, statt einer überdurchschnittlichen. Sie habe somit einen großen Effekt.
Die Staatsanwältin bezieht sich nun auf Aussagen der Zeugin Sissy B.. Diese gab an, Kronbügel sei überheblich, mache sich über Arbeitende und die Justiz lustig und übe gerne Macht über andere aus. Sie fragt, in wie weit dies klassische Symptome einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung seien. Der Sachverständige V. erklärt, dass das ‚Lächerlich finden wenn sich andere an Regeln halten, wenn man doch auch so durchkommt‘ und sich über andere zu erheben Merkmale sein können. Er bezeichnet das Bedürfnis, innere Wutgefühle direkt auszuleben als besonderes Kennzeichen der Störung. Die Gewalt, Kronbügels Lust, diese auszuleben und dann loszugehen und jemanden zu verprügeln spreche eher für ein Gewaltproblem als für ein Machtproblem. Die Staatsanwältin hakt hier ein und fragt, in wie weit die von Zeug*innen ausgesagte Freude Kronbügels über die Böllerzündung als Macht gewertet werden könne. Der Sachverständige zögert lange. Es spreche für eigene Lust- und Bedürfnisbefriedigung und für eine fehlende Empathie, weniger für Macht.
Anschließend fragt die Staatsanwältin den Sachverständigen V., ob er mit Kronbügel mal über dessen politische Einstellung gesprochen habe. Der Sachverständige erklärt, dass er diesbezüglich kurz mit Kronbügel gesprochen habe. Es bestünden nach der Aussage von Kronbügel keine Anbindung mehr an die rechte Szene, er sei nach eigenen Angaben auch zu alt. Früher wäre er zum Fußball gegangen, das täte er mittlerweile nicht mehr. V. gab an, dass Kronbügel ihm gegenüber gesagt habe, die Tat habe kein rassistisches oder rechtsradikales Motiv.
Nun befragt der Verteidiger den Sachverständigen zu seinem Gutachten. Zuerst fragt er nach der Anzahl der Böller. Seines Erachtens stünde in dem Gutachten von V., dass Kronbügel gegenüber V. angegeben habe, es seien mehrere Böller in der Tüte gewesen, er habe aber nur einen gezündet. Der Sachverständige bestätigt dies.
Anschließend fragt der Verteidiger nach der Tendenz zur abnehmenden Gewaltbereitschaft in Bezug auf den Alkoholkonsum. Da Kronbügel mittlerweile keinen harten Alkohol mehr tränke, sondern nur noch Bier. Der Sachverständige entgegnet, dass hierfür vor allem die Menge an Alkohol entscheidend sei. Eine Flasche Korn entspreche zehn halben Litern Bier, was die Menge an Alkohol angehe. Bier sei ein kontrollierterer Alkoholkonsum, weil der Zeitraum länger sei. Unkontrolliertes Handeln erfolge unter Korn schneller, weil er schneller wirke. Insgesamt bewertet V. den Konsum von Bier als einen „etwas fürsorglicheren Umgang mit sich selbst“.
Der Verteidiger geht nun auf die alkoholbedingten Ausfallerscheinungen, sichtbar in den Videoaufzeichnungen der S-Bahn zum Tatzeitpunkt ein. Der Verteidiger führt an, man könne sehen wie Kronbügels Kopf immer wieder leicht herunterfällt, als ob er einschlafen würde. Er fragt, ob dies alkoholbedingt sein könne. Der Sachverständige erläutert, dass dies durchaus eine alkoholbedingte Ausfallerscheinung sein könne, es könne aber auch bedingt sein durch wenig Schlaf in der Nacht zuvor oder in den vorherigen Tagen. Der Verteidiger fragt ob dies Relevant für die Betrachtung nach §21 StGB sei. Der Sachverständige V. gibt an dies sei ein weiterer kleiner Hinweis dafür, während und nach der Tat seien diese Ausfallerscheinungen aber nicht mehr sichtbar gewesen. Er wiederholt, dass er sich überwiegend gegen die Anwendbarkeit des §21 StGB ausspricht.
Der Verteidiger geht darauf ein, dass der Sachverständige V. an einer Stelle von einem planvollen Vorgehen Kronbügels gesprochen habe. Der Sachverständige entgegnet er spräche nicht von einem planvollen Vorgehen. Kronbügel habe ihm gegen über keine Aussagen gemacht, ob die Tat geplant gewesen sei. Er habe aber zielgerichtet agiert. Er habe den richtigen Moment abgepasst, darauf geachtet, dass die Menschen weit genug weg gewesen seien und die S-Bahn eingefahren sei. Der Verteidiger fragt nun ob der Sachverständige V. in früheren Taten Kronbügels längerfristige Planungen entdecken habe können. V. erklärt, dass das wiederholte und gemeinsam mit anderen losziehen, um Aggressionen auszuleben, nicht aus dem Stand, sondern durchaus überlegt passiert sei.
Der Verteidiger fragt, in wie weit es zur Struktur einer dissozialen Persönlichkeitsstörung gehöre, sich keine Gedanken über die Konsequenzen der Tat und die Auswirkungen auf andere zu machen. Der Sachverständige bestätigt, dass die Folgen nur hinsichtlich der eigenen Person betrachtet würden. Es würde nicht an andere gedacht, die Empathie ginge verloren. Der Verteidiger hakte ein, in wie weit sich Konsequenzen für andere nicht bewusstgemacht oder nicht berücksichtigt werden würden. V. bestätigt die fehlende Berücksichtigung. Dadurch, dass Kronbügel angäbe darauf geachtet zu haben, dass alle Menschen mindestens 10 Meter entfernt waren, habe er aber ja an andere gedacht.
Kronbügel ergreift an dieser Stelle noch einmal das Wort. Er gibt an, sich durchaus über die Maßnahmen des §64. StGB informiert zu haben. Er würde allerdings nicht freiwillig dorthin gehen, könne nur mit Gewalt hingebracht werden. Er würde für sich keinen Zwang wollen. Er verurteile die Maßnahme §64 StGB nicht generell, sähe aber für sich keinen Sinn darin.
Die Richterin Wende-Spors fragt daraufhin Kronbügel ob er darüber nachgedacht habe, dass eine Therapie auch die Gefahr der erneuten Gewalt mindern könne und sie es nicht allein deswegen wert sei. Zudem könne ihm die Therapie helfen in eine Struktur zurückzukommen und eine eigene Wohnung zu finden. Kronbügel entgegnet, dass er dies nicht wolle. Er sei zufrieden mit seinem Leben gewesen, wolle keine eigene Wohnung und habe ansonsten noch nicht darüber nachgedacht. Diese Haft solle seine letzte Runde sein. Er sehe ein, dass er langsam zu alt für den Konsum sei. Auch aufgrund seiner Lebererkrankung wolle seinen Alkoholkonsum reduzieren und die Abstinenzphasen verlängern, so habe er das mit dem Rauchen auch geschafft. Er könne aber auch ohne geregelten Entzug aufhören zu trinken. Er sei darüber hinaus „durchaus gewillt keine weiteren Straftaten zu begehen“.
Zum Schluss fragt die Richterin Wende-Spors, ob Kronbügel noch Fragen zum Gutachten vom Sachverständigen V. habe, was dieser verneint.
Im Anschluss an die Rückfragen zum Gutachten wird bekannt gegeben, dass es erneuten Kontakt zwischen Richter Finke und dem Sachverständigen W. [für die Sprengversuche] gegeben habe. Die benötigte Druckmesstechnik stünde dem Sachverständigen W. zurzeit nicht zur Verfügung. Er wurde von Richter Finke an die Eilbedürftigkeit der Angelegenheit erinnert und angehalten, die Sprengungen schnell durchzuführen. Er sei für den 27.9. vorgeladen und solle alles in Bewegung setzen, um die Sprengungen vorher durchzuführen. Diesbezüglich gab es auch Kontakt von Richter Finke mit dem BKA, ob die benötigte Druckmesstechnik dort zur Verfügung stünde. Dies habe das BKA mit der Begründung abgelehnt, die benötigte Technik sei für die nächsten Monate bereits verplant.
Der Rechtsmediziner R. sei für den 8.10. geladen und benötige für sein Gutachten die Daten des Gutachtens vom Sachverständigen W.
Zuletzt äußert sich die Staatsanwältin zum gestellten Antrag des Verteidigers, die Zeugin Sissy B. einer psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, sollten ihre Aussagen für die Urteilssprechung relevant werden. Die Staatsanwältin erläutert, dass eine Glaubwürdigkeitsbegutachtung nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden würde. Dieser läge in diesem Fall nicht vor. Die Hintergründe und die psychische Situation seien in der Verhandlung ausreichend beleuchtet worden. Die eigene Sachkunde würde, so die Staatsanwältin, ausreichen, um die Aussagen zu bewerten. Darüber hinaus sei sie keine Tatzeugin und könne lediglich Angaben zur Ankündigung der Tat machen. Es würde keine Verurteilung aufgrund ihrer Aussage erfolgen, diese hätte lediglich indizielle Wirkung. Sie spricht sich für einen Verzicht auf ein Gutachten aus.
Der Prozesstag wird beendet. Der Verteidiger fragt ob die DVD, welche, wie beim Prozesstag 12 erläutert, vom LKA zugesandt wurde noch neue Erkenntnisse liefere. Richter Finke verneint dies, die DVD würde lediglich Aufnahmen beinhalten, welche bereits zuvor gesichtet wurden. Sie stünde aber jederzeit zur Sichtung zur Verfügung.
Der Prozess wird am 27.9. um 13 Uhr fortgesetzt. Aufgrund des längeren Anfahrtsweges des Sachverständigen W. wird der Prozesstag vorsorglich bis 17 Uhr verlängert.

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