16. Verhandlungstag – „Das wären dann Geschosse“

16. Verhandlungstag, 08.10.2018

An diesem Prozesstag ist ein weiterer Sachverständiger geladen: Prof. Dr. R., Rechtsmediziner an der Universität Köln. Er hat ein Gefährlichkeitsgutachten für die verwendeten Sprengsätze „Dum Bum 50“ erstellt. Er spricht zu den möglichen Verletzungen, die ein Sprengsatz, wie ihn Stephan Kronbügel am S-Bahnhof Veddel zündete, hervor rufen kann. Es geht zunächst um die primären Verletzungen durch die Ausbreitung des Gases während der Explosion, wodurch Teile des Körpers wie die Lunge zerrissen werden können. Dies könne tödlich sein. Sekundäre Verletzungen würden durch das Herumfliegen von Gegenständen, in diesem Fall Glassplitter und die Schrauben, entstehen. Auch diese könnten bleibende Schäden hinterlassen, wie den Verlust des Augenlichts oder zum Tod führen. Tertiäre Verletzungen seien das Umstoßen von Körpern sowie Verbrennungen durch die Explosion. Auch dies wäre hier möglich gewesen.

Zu Beginn des Verhandlungstages verliest die vorsitzende Richterin Wende-Spohrs das schriftliche ergänzende Gutachten des Sachverständigen Dr. W., der zuletzt am 30.09.2018 ausgesagt hatte. Es seien Druckmessungen sowie Versuche mit beigelegten Schrauben durchgeführt worden. Der Feuerball hätte in einem Radius von einem Meter zu starken Verbrennungen führen können. Die Schrauben hätten in einer Entfernung von vier Metern zur Schädigung von unbedeckten Körperteilen, insbesondere dem Gesicht, führen können. Wenn eine Schraube auf das Auge getroffen wäre, hätte es zu erheblichen Verletzungen führen können. Insgesamt hätte also für umstehende Personen innerhalb eines Radius von vier Metern Abstand eine Gefahr von Verletzungen in erheblichen Maß möglich sein können.

Es folgt Prof. Dr. R., Rechtsmediziner an der Uni Köln. Er habe ein Gefährlichkeitsgutachten für die verwendeten Sprengsätze Dum Bum 50 erstellt. Er habe auf der Grundlage des Gutachtens von Dr. W. gearbeitet. Er führt aus, dass die Umsetzung des Sprengsatzes zu einer Explosion, also einer enorm schnellen, rasanten Volumenzunahme eines Gases führe. Es entstehe ein hundert- bis tausendfaches Volumen, was vorher nicht da gewesen sei. Das habe Auswirkungen auf Grenzflächen mit der ruhenden Luft. Es entstehe eine Druckfront/Gasfront. Wenn diese Front in weniger als drei Millisekunden entstehe, dann spreche man von Explosion, die könne dann auch auf menschliche Körper einwirken. Im vorliegenden Fall habe sich die Druckwelle in unter einer Millisekunde ausgebreitet, das sei sehr gefährlich gewesen.

Das hieße im Fall Veddel, dass es in einer Entfernung unterhalb von 80-90 cm zum Explosionszentrum zu lebensgefährlichen Verletzungen hätte kommen können, darüber hinaus eher nicht. Prof. Dr. R. erklärt nun, warum eine Explosion gefährlich sei: Der Druckstoß führe an den Grenzflächen, z.B. Körper/Luft, zu Scherbewegungen und das Gewebe könne zerreißen. Das Trommelfell sei extrem sensibel, die Lunge ebenso. Ein explosionssensibles Organ sei auch der Dickdarm, weil da überall Luft sei. Das Trommelfell könne ab einem Druck von 350 Milibar platzen und zerreißen. Dies sei im vorliegendes Fall drei Meter entfernt von der Explosion „ohne weiteres möglich gewesen“. Es habe ja auch jemand ein Knalltrauma erlitten. Bei 1 Bar bis 10 Bar sei mit Zerreißungen von Lungengeweben zu rechnen. Beim Anschlag am S-Bahnhof Veddel habe der Druck ab 1 Meter Entfernung 0,8 Bar betragen. Das heiße, dass man ab einem Meter keine Lungenzerreißung erlitten hätte, aber näher dran habe die Gefahr bestanden. Eine Zerreißung sei eine primäre Verletzung, im Bereich von 80-90 cm Entfernung sei das möglich gewesen, danach nicht mehr.

Der Sachverständige kommt nun auf mögliche „sekundäre Verletzungen“ zu sprechen. Diese entstünden durch die Gegenstände, die durch die Explosion als Geschosse wegfliegen würden. Papier und Pappe der Dum Bum 50-Sprengsätze hätten wundballistisch keine Bedeutung, aber weitere Gegenstände schon, womit er die Schrauben und Glassplitter anspricht. Prof. Dr. R. sagt, es seien 73 Schrauben gefunden worden, also 111g. Diese seien nicht am Sprengkörper dran geklebt gewesen, sondern hätten sich locker daran befunden. Man gehe davon aus, dass die Sprengkörpger gestanden hätten und die Schrauben sich darunter oder am Boden der Tüte befunden hätten. Wenn man Berechnungen anstelle, komme man zum Ergebnis, dass die Schrauben als spitze Gegenstände in der Lage gewesen wären, Haut und auch Knochen zu durchdringen. Der Sachverständige schränkt ein, dass wenn die Schrauben am Boden gewesen seien und die Böller gestanden hätten, dann wären sie nicht hoch geflogen, sondern sie wären flach über den Boden geflogen und nie über 1-2 cm über dem Boden gewesen. Sie hätten gegen Schuhe geschleudert werden können aber nirgendwo drüber, es habe auch auch nichts gegeben, was sie in die Höhe hätte befördern können.

Anders sähe das bei den Glassplittern aus. Diese seien genauso schnell gewesen, je nach Gewicht. Bei Erwachsenen wären potentiell der Unterschenkelbereich und Kniekehle betroffen gewesen. Hätte ein Glassplitter eine Kniekehle getroffen, könne „zwanglos tödlicher Blutverlust“ entstehen, wäre die Schlagader getroffen worden. Bei Kindern, die ja kleiner seien, hätte es ohne weiteres tödliche Verletzungen geben können.

Der Sachverständige R. kommt nun zu den „tertiären Verletzungsfolgen“ der Explosion. Das seien die Verletzungen, die dadurch entstünden, wenn der Körper umgestoßen werde. Körper könnten weg gestoßen und runter geschleudert werden, beim vorliegenden Fall beispielsweise zwischen S-Bahnwaggons oder auf die Gleise. Dies hänge aber von dem S-Bahn-Bahnsteig ab. In unmittelbarer Nähe hätten Personen ohne weiteres umgestoßen werden können.
Tertiär seien auch Verbrennungsverletzungen. Im vorliegenden Fall setze die Explosion Sauerstoff frei. Das müsse man sich vorstellen, wie wenn unter einem Sauerstoffzelt eine Zigarette angezündet würde. Es gebe eine enorme Feuerwirkung, einen erheblichen Feuereffekt. Der Durchmesser von zwei Metern sei „ohne Weiteres zu glauben“. Es habe eine kurze aber heftige Wirkung gegeben. Wenn dort jemand gestanden hätte, würden die Haare versengt, auf der Haut tue es zwar weh, würde aber narbenlos abheilen. Das seien Verbrennung von Grad 2a. Schlimm wäre, wenn man im Feuerball einatme, da wäre der obere Atemweg betroffen, die Schleimhaut würde anschwellen, die Atemwege schwellen zu und man erstickt. Da spreche man von einem Inhalationstrauma. Das sei potentiell lebensgefährlich.

Die Richterin fragt nun intensiv nach der potentiellen Tödlichkeit der jeweiligen Verletzungen. Prof. Dr. R. sagt, dass eine tödliche Lungenverletzung ab 1 Bar eintreten könnte. Eine tödliche Darmverletzung halte er im vorliegenden Fall für nicht erwartbar. Sollten die Schrauben hochgeschleudert worden sein, dann gelte die gleiche Einschätzung wie für die Glassplitter: „Das wären dann Geschosse“, die in Körper eintreten und auch tödlich sein könnten. Diese könnten auch tiefer eindringen beispielsweise im Schläfenbereich. Im Dezember hätten alle viel Kleidung an, da wären die Schrauben nicht in der Lage gewesen, vier Schichten Kleidung zu durchdringen, durch T-Shirts oder Jeans kämen sie durch. Sie könnten Augen ausschlagen: „Augenlicht für immer weg, klar, zwanglos“, es gäbe auch eine Gefahr für die Halsschlagader.

Richterin Wende-Spohrs fragt nach der Gefahr von Inbrandsetzung von Kleidung, insbesondere Polyesterkleidung. Prof. Dr. R. sagt, das würde anders aussehen, Kleidung, die entzündet würde, verlängere die Brandzeit. Dabei könne es ohne weiteres zu tieferen Verbrennungen kommen und dies könne auch zu Lebensgefahr führen.

Kronbügel-Verteidiger Mosenheuer fragt, ob Kleidung die Wirkung vermindere. Der Sachverständige verneint, das tue nur Spezialkleidung. Der Rechtsanwalt fragt nach der Wahrscheinlichkeit der potentiellen Lebensgefahr und danach wie häufig Todesfälle mit solchen Sprengsätzen aufträten. Prof. Dr. R. sagt, das sei schwer zu beantworten. Tödliche Verletzungen mit diesen Sprengsätzen seien allgemein eher sehr selten, die Sprengsätze unterlägen allerdings auch gewissen Zulassungsbeschränkungen, vielleicht seien Todesfälle auch deswegen selten. Wenn er, der Sachverständige, einen solchen Sprengsatz hätte, würde er ihn wegschmeißen und stehenbleiben, aber nicht auf den Tisch stellen und sitzenbleiben.
Auf weitere Fragen der Verteidigung sagt der Sachverständige, dass es für ein Hochfliegen der Schrauben darauf ankäme, oder die Sprengsätze stehen oder liegen. Wenn sie lägen, könnten die Schrauben hochgeschleudert werden und in einem Abstand von grob zwei bis drei Meter maximal die beschriebene Wirkung entfalten. Danach seien Hautdurchtrennungen nicht möglich, danach seien nur noch Verletzungen des Trommelfells und Auges vorstellbar, da wäre ein Abstand von vier-fünf Meter noch gefährlich. Je näher die Schrauben am Sprengsatz dran lägen, desto stärker würden sie beschleunigt. Sie verhielten sich wie eine Schrotladung. RA Mosenheuer sagt, die Spurensicherung habe Schrauben in vier Meter Entfernung gefunden, was würde er daher zu Gefährlichkeit sagen? Der Sachverständige führt aus, dass im Nahbereich von zwei bis maximal drei Metern mit potentiell lebensbedrohlichen Verletzungen zu rechnen sei.
Der Sachverständige wird entlassen. Die Richterin sagt, man sei mit dem Beweisprogramm für den Tag am Ende. Es folgt die Verlesung des Schadensberichts und der Strafanzeige wegen Sachbeschädigung der deutschen Bundesbahn vom 18.12.2017. Der Schaden sei eine Sachbeschädigung einer Wetterschutzscheibe durch einen Sprengsatz. Der Schaden habe eine Höhe von 955 €. Damit endet der Prozesstag.

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