19. Verhandlungstag – „Zehn Jahre wegen versuchtem Mordes, ein‘ausländerfeindliches‘ Motiv liegt nahe“

19. Verhandlungstag, 29.10.18

Urteilsverkündung

Der letzte Prozesstag der Hauptverhandlung gegen Stephan Kronbügel beginnt mit einem größeren Presseandrang, es werden Fotos gemacht, dabei verdeckt der Angeklagte sein Gesicht mit einer Akte. Die Richterin betritt den Raum und verkündet das Urteil. Es lautet zehn Jahre wegen versuchtem Mordes in Tateinheit mit der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, gefährlicher Körperverletzung und gemeinschädlicher Sachbeschädigung. Der Angeklagte habe die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Richterin Wende-Spohrs geht dann zur Urteilsbegründung über. Nach der Beweisaufnahme stehe fest, dass der Angeklagte am Nachmittag des 17.12.2017 zwei in einer Tüte versteckte Blitzknallsätze zur Explosion brachte. In der Tüte haben sich weiterhin mindestens 72 lose Schrauben befunden. Der Angeklagte habe versucht, sich herauszureden, aber bei der Tat handele es sich keineswegs, wie von ihm angeführt, um einen vorgezogenen Silvesterscherz. Es sei ein perfider, heimtückischer Anschlag gewesen, dessen Auswirkungen Kronbügel in keiner Weise habe steuern können. Dass es dem Angeklagten darauf angekommen sei, Unbeteiligte zu verletzen, zeigten die dem Blitzknallsatz beigefügten Schrauben. Dass niemand tödliche oder schwere Verletzungen erlitten habe, sei nur Glück gewesen.

Bei der rechtsextremen Gesinnung des Angeklagten läge es nicht fern, dass die Tat aus ausländerfeindlichen Motiven begangen worden sei, jedoch war in der Hauptverhandlung nicht eindeutig festzustellen, was ihn angetrieben habe. Der psychiatrische Sachverständige habe von einer dissozialen mit hoher Aggressionsbereitschaft und Rücksichtslosigkeit einhergehenden Persönlichkeit gesprochen. Der Angeklagte sei bisher 18 mal verurteilt worden. Der Anschlag reihe sich in eine lange Reihe schwerer Gewalttaten ein, er haben außerdem schon annähernd 18 Jahre in Haft gesessen.

Wende-Spohrs schildert nun den Tatablauf im Einzelnen. Der Angeklagte habe spätestens am Nachmittag des 17.12.2017 den Entschluss zu dem Anschlag gefasst. Zu dem Zweck habe er sich nach Neugraben begeben. In zwei übereinander gestülpten Plastiktaschen hätten sich die zwei Blitzknallsätze der Marke DumBum 50, „gemeinhin als ‚Polenböller‘ bezeichnet“, sowie 72 lose Schrauben befunden. Bei den DumBum 50 handele es sich um massenexplosionsfähige, der höchsten Gefahrenstufe zugeordneten Blitzknallsätze, die der Erlaubnispflicht unterlägen. Wann und von wem der Angeklagte diese erworben habe, habe in der Hauptverhandlung nicht sicher festgestellt werden können.

Nachdem Kronbügel am S-Bahnhof Veddel gewesen sei, habe er sich schnellen Schrittes in die S-Bahn zurückbegeben und die Tüten herausgeholt, die er in der S-Bahn haben liegen lassen. Daraufhin habe er sich in den Windfang begeben und den Sprengsatz auf einer Bank deponiert. Er habe auf die S3 aus Richtung Hauptbahnhof gewartet. Nachdem diese eingefahren sei und Fahrgäste ein- und ausgestiegen waren, habe der Angeklagte die Zündschnur mindestens eines Blitzknallsatzes entzündet, er habe sich sofort in die S-Bahn begeben und sich dort auf die dem Bahnsteig abgewandte Seite gestellt. Während die Türen schlossen, sei der Sprengsatz detoniert. Es habe eine zwei Meter hohe Stichflamme und Druckwelle gegeben. Von der Druckwelle ausgehend habe in einer Entfernung von 80-90 cm Lebensgefahr bestanden. Eine Gefahr des Zerreißens des Lungengewebes habe bestanden, darüber hinaus die Gefahr eines tödlichen Inhalationstraumas, wenn ein Passant in den Feuerball geraten wäre und dort eingeatmet hätte.
Die Schrauben seien beschleunigt und weggeschleudert worden. Die einzige Scheibe des Windschutzes sei durch die Druckwelle zerborsten und Glassplitter seien herum geflogen. So beschleunigt seien die Schrauben und die Glassplitter in einer Entfernung von zwei bis drei Metern potentiell tödlich gewesen, wenn sie auf von Winterkleidung unbedeckten Körperstellen wie die Halsschlagader getroffen wären. Die Hitze sei von relativ kurzer Dauer gewesen, so dass für die Haut lediglich die Gefahr der Verbrennung Grad 2a bestanden hätte, aber Kleidungsstücke z.B, aus Polyester hätten Feuer fangen können. Kronbügel habe „einen tödlichen Ausgang billigend in Kauf genommen“, dass dies nicht passiert sei, „war nur ein glücklicher Zufall.“

Der Angeklagte hätte die Lebensgefahr nicht beherrschen können, wenn Menschen, die ausgestiegen seien, sich in den Windfang begeben hätten, z. B., um zu sitzen, zu telefonieren oder um aus Neugier in die Tüte zu gucken. Auf den Videoaufnahmen sei zu sehen gewesen, wie Menschen panikartig und mit angsterfüllten Gesichtern weggelaufen seien. Hier nennt die Richterin einen einzelnen Mann, ein Paar, das sich nur wenige Meter entfernt befunden habe sowie einen männlichen Fahrgast, der direkt zwischen der Bahn und dem Windfang vorbeigegangen sei. Da er dichter an der Bahn gewesen sei, habe er Glück gehabt, dass der Feuerball ihn verfehlte. Auch im Waggon direkt bei der Detonation hätten sich Fahrgäste befunden, die sich zum Teil panikartig auf die andere Seite der Bahn begeben hätten. Der Zeuge E. habe ein Knalltrauma mit temporärem Hörverlust und Tinnitus erlitten und spüre die Folgen noch heute.
Nachdem die S-Bahn angefahren sei, „trank der Angeklagte zufrieden grinsend ein Bier“ und sei nach Harburg gefahren. Die Kammer habe keine Zweifel, dass Kronbügel habe Menschen verletzen wollen und es auch in Kauf genommen habe, dass Menschen sterben. Seine Angabe, er habe etliche Biere getrunken, sei nicht zu überprüfen gewesen. Es sei davon auszugehen, dass es eine alkoholbedingte Enthemmung des Angeklagten gegeben habe, seine Steuerungsfähigkeit sei durch seinen langjährigen Alkoholkonsum jedoch nicht eingeschränkt oder aufgehoben gewesen.

Die Richterin geht zur objektive Beweiswürdigung über. Sie gibt die verlesene Einlassung des Angeklagten vom ersten Prozesstag wieder. Eingeräumt habe der Angeklagte nur das, was nicht zu bestreiten gewesen sei. Es handele sich um „unwahre Schutzbehauptungen“, die in der Hauptverhandlung widerlegt worden wären.
Richterin Wende-Spohrs geht dann auf die Aussagen des ermittelnden Beamten Ni. ein und führt aus, dass dieser angegeben habe, dass im Umkreis von vier Metern noch Dinge, wie die Umverpackung der Sprengsätze zu finden gewesen seien. Die Schrauben seien zwar nicht fest mit den Sprengkörpern verbunden gewesen, trotzdem habe man es mit einem hochgefährlichen Gegenstand zu tun gehabt, das hätten die Gutachten der Sachverständigen Dr. W. und Prof. Dr. R. ergeben. Richterin Wende-Spohrs wiederholt die Gutachtenvorstellung und die Beschreibung der Versuche des Sachverständigen Dr. W. [15. Prozesstag]. Wende-Spohrs betont, dass Dr. W. angegeben habe, dass die Schrauben vier Meter weit bis zwei Meter hochgeschleudert hätten werden können. Die Verteidigung habe das Gutachten von Dr. W. angezweifelt und hätte angeführt, die Schrauben seien nur über den Boden geflogen. Wende-Spohrs sagt, das Gegenteil sei durch Dr. Weiß bewiesen worden. Die Kammer habe „keinerlei Zweifel“ an der Sachkunde des Sachverständigen. Er sei promovierter Chemiker, er sei nicht von falschen Anknüpfungstatsachen ausgegangen.

Dr. W. habe den Sprengsatz bei seinem Versuch auf einem Unterbau gezündet, dies habe allerdings den Hintergrund gehabt, dass der Untergrund auf Sprengplatz uneben gewesen sei, durch den Unterbau habe Dr. W. eine Voraussetzung wie am tatsächlichen Tatort schaffen wollen. Auch die Messplatten seien entsprechend aufgehangen worden. Die Beweisaufnahme habe außerdem gezeigt, der Sprengsatz sei auf dem Sitz und nicht auf dem Boden gezündet worden. Dies habe der Angeklagte ausgesagt, ein Zeuge habe es ausgesagt und der sachverständige Zeuge Ni. habe dies bestätigt. Der Sachverständige Prof. Dr. R. habe in der Hauptverhandlung detailliert die Gefahren des Sprengsatzes erläutert, das habe die Kammer zugrunde gelegt.

In objektiver Hinsicht bestehe keinerlei Zweifel, dass das Tatmittel dafür geeignet gewesen sei, eine unbestimmte Zahl an Menschen an Leib und Leben zu gefährden. Das Hervorrufen von konkreter Lebensgefahr sei nicht nötig gewesen, es reiche die Eignung aus und die Unbeherrschbarkeit der Situation durch den Angeklagten aus.

Richterin Wende-Spohrs kommt nun zur subjektiven Beweiswürdigung. Soweit der Angeklagte versucht habe, die Tat kleinzureden, handele es sich um Schutzbehauptungen. Die Kammer habe keine Zweifel, dass der Angeklagte gewusst habe, dass die 72 Schrauben im Beutel waren. Allein angesichts der Anzahl der Schrauben sei die Einlassung völlig unglaubhaft, die Beutel seien nicht bis zum Rand gefüllt gewesen, es seien nur die Sprengsätze und die die Schrauben darin gewesen, das würde man bemerken. Die Schrauben würden außerdem Geräusche machen und der Angeklagte habe die Tüte eine Weile mit sich geführt, das hätte er bemerken müssen.

Kronbügels Einlassungen seien von massiven Widersprüchen gekennzeichnet gewesen. Bei der Festnahme habe er zunächst die Tat völlig in Abrede gestellt, bei der ersten Vernehmung habe er gesagt, er habe zwei Tüten gehabt und nur auf Vorhalt gesagt, er habe vermutet, die erste Tüte sei eingerissen gewesen, daher habe er eine zweite darüber gestülpt. In der Hauptverhandlung sei er sich dann sicher gewesen. Bei der Inaugenscheinnahme der Videoaufnahmen sei darüber hinaus das planvolle Vorgehen des Angeklagten klar geworden. Das spräche dagegen, dass er, wie er in seiner Aussage angegeben habe, etwas angezündet habe, von dem er nicht gewusst habe, was es ist. Auch Kronbügels Angaben, er habe die Plastiktüten loswerden wollen und daher habe er die „Böller“ angezündet, seien unglaubwürdig gewesen. Denn Kronbügel hätte die Tüte auch einfach stehen lassen können oder in seinem mitgeführten Rucksack verstauen können. Diese Einlassung sei außerdem durch die Videoaufnahmen widerlegt worden. Die Videos zeigen, wie der Angeklagte den Sprengsatz in der S-Bahn habe liegen lassen, er sei daher zurück in die S-Bahn gegangen, um sie zu holen. Er habe sie also nicht loswerden werden wollen. Weiterhin habe er widersprüchliche Angaben zum Grund seines Aussteigens am S-Bahnhof Veddel gemacht. In der ersten Aussage habe Kronbügel angegeben, er habe eine Freundin seiner Schwester besuchen wollen, in seiner Einlassung in der Hauptverhandlung habe er gesagt, es sei spontan gewesen. Das sei unglaubwürdig. Die Kammer habe keinen Zweifel, dass Kronbügel zumindest mit einem bedingten Tötungsvorsatz gehandelt hat. Dies ergebe sich in der Gesamtschau daraus, dass DumBum 50 der höchsten pyrotechnischen Gefahrenklasse zuzuordnen seien. Laut Hersteller erfordere ein ‚Böller‘ beim Zünden fünfzig Meter Abstand.

Dass die verwendeten Sprengsätze extrem gefährlich seien, das sei allgemein bekannt. Jedes Jahr werde in allen Medien davor gewarnt, die Gefahr sei durch die beigefügten Schrauben noch einmal erhöht worden. Wer so etwas anzünde, „der will nicht erschrecken, der will Menschen verletzen und nimmt auch Tötung in Kauf“. Dies werde auch durch die Vorgehensweise bestätigt. Der Angeklagte habe den Sprengsatz nicht auf einem unbelebten Platz sondern auf einem belebten Bahnsteig gezündet, auf dem er extra gewartet habe. „Das zeigt, worum es ihm gegangen ist.“ Der Angeklagte habe sich nicht umgeschaut, habe nicht gewartet, um Leute zu warnen, sondern sei schnell in die S-Bahn gestiegen. Der Sprengkörper sei für die Passanten nicht als solcher zu erkennen, sondern sei verborgen gewesen. Das Schicksal der Personen sei dem Angeklagten gleichgültig gewesen, das spreche für seine „dissoziale Persönlichkeit“, die auch der Sachverständige festgestellt habe. Der Alkoholkonsum stehe dem Tötungsvorsatz nicht entgegen, mit der langjährigen Alkoholerfahrung des Angeklagten habe er keine Ausfallerscheinungen gehabt. Gegen solche spreche auch die planvolle Vorgehensweise. Wende-Spohrs kommt auch die mögliche Eigengefährdung zu sprechen, die einen Vorsatz der Tat in Zweifel ziehen könnte: Das Video zeige, Kronbügel sei sich der Gefahr bewusst gewesen, er sei schnell in die S-Bahn gestiegen und habe sich auf die dem Bahnsteig abgewandte Seite gestellt. Es bestünden keine damit Zweifel am Tötungsvorsatz.

Richterin Wende Spohrs spricht nun zum Hintergrund der Tat. Aufgrund des Hintergrunds des Angeklagten und wegen des Tatorts habe die Frage im Raum gestanden, ob es sich um einen „ausländerfeindlichen Anschlag“ gehandelt habe. Kronbügel sei in den 1980er Jahren bis in 1990er hinein Teil der Skinheadszene gewesen, er habe Gewalttaten gegen „Andersdenkende und Ausländer“ begangen bis hin zu Tötung einer Person, die Hitler als größten Verbrecher bezeichnet habe. Nach dem Bericht des Verfassungsschutzes und aufgrund der in der Hauptverhandlung verlesenen Urteile gebe es keine Hinweise mehr auf strukturelle Einbindung des Angeklagten. Jedoch bestünden nach der Beweisaufnahme keine Zweifel daran, dass der Angeklagte weiter einer rechtsextremen Gesinnung anhänge und ein glühender Anhänger Hitlers sei, das hätten die Zeug_innen B. und S. ausgesagt.

Für das Jahr 2017 habe das Gericht die Gesinnung des Angeklagten allerdings nicht zweifelsfrei feststellen können. Das vermochte die Kammer nicht auf den Aussagen der Zeug_innen begründen.
Die Ankündigung des Anschlags durch Kronbügel, zu der die Zeugin B. ausgesagt habe, hätten anderen Zeugen nicht bestätigen können. B. habe dazu u.a. angegeben, dass Kronbügel davon gesprochen habe, er wolle „Polenböller zusammenbappen“. Die Zeugin S. habe allerdings ausgesagt, von diesem Plan habe ihr B. nicht berichtet. Die Ankündigung, Kornbügel wolle „die Bombe“ platzen lassen, habe die Zeugin S. anders eingeordnet. Auch der Polizist Ci. habe die Aussage B.s so nicht bestätigt. Im Ergebnis heiße dies für die Kammer, ein konkret „ausländerfeindliches Motiv“ habe nicht auf die Aussagen der Zeug_innen gestützt werden können. Auch die Aussagen der „Trinkkumpanen“ Kronbügels hätten dazu nichts erbracht.

Der Anschlagsort allein sei nicht geeignet gewesen, „um hierauf in indizieller Hinsicht sichere Feststellung treffen zu können.“ Es sei ziemlich wahrscheinlich, aber mit Sicherheit könne es die Kammer nicht sagen. Der Stadtteil Veddel habe einen hohen „Ausländeranteil“. Aber am S-Bahnhof Veddel seien nicht nur „Ausländer“ gewesen und mit der Tat hätte Kronbügel jeden treffen können. Somit sei das Motiv nicht feststellbar gewesen. Es sei kein Anlass ersichtlich gewesen, die Tat zu begehen. „Sei es Wut oder Frust oder Ausländerhass“, so Wende-Spors, es gäbe kein Motiv welches die Tat auch nur ansatzweise rechtfertigen würde. Sie war völlig sinnlos und sei aus völlig nichtigem Anlass heraus begangen worden, das habe festgestellt werden können.

Richterin Wende-Spohrs wendet sich den Mordmerkmalen der Tat zu. Es seien zwei gegeben. Zum Einen sei ein gemeingefährliches Mittel, welches Leib und Leben gefährden könne zum Einsatz gekommen. Zum Anderen gegeben sei das Mordmerkmal der Heimtücke. Es reiche, dass das Tatmittel nach seiner üblichen Wirkweise geeignet gewesen wäre, eine Verletzung hervorzurufen. Die Heimtücke stehe außer Frage. Kronbügel habe den Sprengsatz in feindseliger Willensrichtung so gezündet, dass er für Passanten nicht sichtbar gewesen sei.

Die Richterin spricht nun zum möglichen Strafrahmen für versuchten Mord, der sei 3-15 Jahre. Auch wenn der Angeklagte alkoholisiert gewesen sei, schließe die Kammer eine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit aus, daher sei eine Strafmaßverschiebung nicht zu veranlassen gewesen. Der Angeklagter sei teilgeständig gewesen. Dabei habe er aber nur das eingeräumt, was nicht zu bestreiten gewesen sei. Die Kammer habe berücksichtigt, dass er alkoholisiert, also enthemmt gewesen sei. Das habe die Kammer begünstigend für den Angeklagten ausgelegt. Außerdem, dass der Ausgang glimpflich gewesen sei.

Allerdings hätten die strafverschärfenden Umstände überwogen. Es lägen mehrere Mordmerkmale vor. Dazu komme der Umstand, dass Kronbügel so massiv vorbestraft sei. Er sei 18 mal vorbestraft, davon 11 mal wegen körperlicher Angriffe. Es gebe ein Missverhältnis zwischen Anlass und Tat. Es sei nicht mal im Ansatz ein Motiv sichtbar. Das wirke sich strafverschärfend aus. Dazu kämen die Folgen für den Zeugen E. Dieser leide immer noch darunter.

Wenn man dies abwäge, so Wende-Spohrs, dann überwögen die strafschärfenden Umstände. Eine Strafe von neun Jahren, also in der Mitte des Strafmaßes, sei einfach zu niedrig. Daher befände die Kammer zehn Jahre als tat- und schuldangemessen. Es liege zwar ein Hang vor, alkoholische Getränke im Übermaß zu trinken, es sei dahingestellt, ob Alkohol ihn dazu gebracht habe oder nur die „dissoziale Persönlichkeit“. Der Angeklagte sei therapieunwilllig, daher werde ein Aufenthalt in einer Entziehungsanstalt nicht angeordnet, er habe „keinerlei Erfolgsaussicht, so muss man leider feststellen“.

Die Richterin gibt zum Schluss dem Angeklagten auf den Weg, wenn er weitermache wie bislang, dann müsse er bei der nächsten Verurteilung mit der Anordnung einer Sicherungsverwahrung rechnen. Sie belehrt den Angeklagten, er könne Revision einlegen sowie Einspruch gegen die Übernahme der Kosten. Die Richterin schließt die Sitzung mit dem Beschluss, dass der Haftbefehl gegen Kronbügel aufrechterhalten werde. Damit endet der Verhandlungstag und der Prozess gegen Stephan Kronbügel, der am 17.12.2017 den Sprengstoffanschlag am S-Bahnhof Veddel begangen hat.

18. Verhandlungstag – Letzte Worte des Angeklagten

18. Verhandlungstag, 19.10.2018

Die Beweisaufnahme wird noch einmal geöffnet, um das Protokoll einer frühen Vernehmung Kronbügels zu verlesen, im Anschluss verliest der Angeklagte seine letzten Worte.

Staatsanwältin Menke ist in Vertretung der Staatsanwältin Brümmer anwesend.

Zu Beginn des 18. Verhandlungstages nimmt Richterin Wende-Spohrs die Beweisaufnahme wieder auf, da noch Auszüge aus der Akte der haftrichterlichen Anklage vom 19.12.2017 verlesen werden sollen. Sie verliest das Protokoll der Vernehmung von Kronbügel in der JVA vom 19.12.2017. Die Vernehmung habe mit der Belehrung Kronbügels über seine Rechte begonnen. Anschließend habe er erklärt, dass er keinen festen Wohnsitz habe, aber bei Freunden unterkomme. So wohne er bei seinem Freund S. in der Trittau und zahle an Miete, „was man so hat“. Er sei ledig, habe aber zwei Kinder und wolle ohne Anwalt aussagen, wie er es auch schon bei der Polizei getan hätte. Er könne sich nicht erinnern, ob er die Böller am selben Tag der Explosion oder am Tag davor von seinem Kumpel „La Bomba“ bekommen habe. Diesen könne man häufig beim Penny beim Rathaus Harburg antreffen. Er habe „zwei Polenböller“ bekommen und einen davon angezündet. Dann sei er in die S-Bahn Richtung Harburg gestiegen und habe den Knall gehört. Auf die Frage, warum er den Böller im Windfang gezündet habe, habe Kronbügel in der Vernehmung gesagt, dass dort niemand gestanden hätte, darauf habe er geachtet. Von Metallteilen in der Tüte habe er nichts gewusst. Er habe an dem Tag bereits vormittags Bier getrunken, wisse aber nicht, wie viel Alkohol er an dem Tattag getrunken habe. Zu der Zeit habe er durchschnittlich 15 halbe Liter Bier täglich getrunken.

Richterin Wende-Spohrs beendet das Verlesen der Akte und schließt die Beweisaufnahme.
Die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung bleiben bei ihren Plädoyers vom 10.10.2018.

Im Anschluss erhält Stephan Kronbügel die Möglichkeit, seine letzten Worte zu äußern und er verliest seine Erklärung: Er wolle sich kurzhalten, da genug gesagt worden sei. Es sei für ihn nicht ungewöhnlich, sonntags nach Altona zum Einkaufen zu fahren, da der Lidl dann geöffnet habe. Dort gebe er Pfand ab und kaufe günstig Alkohol, aber auch Lebensmittel. Er tue dies fast jeden Sonntag und habe immer eine Fahrkarte. Am Tattag habe er seine Fahrt wegen Müdigkeit abgebrochen. Er habe die Böller spontan angezündet und das juristische Nachspiel der Zündung unterschätzt. Er habe gedacht, es handle sich um eine Ordnungswidrigkeit. Er habe sie zur Unterhaltung gezündet und habe niemanden verletzten oder töten wollen. Für ihn dienten Feuerwerkskörper auch weiterhin der Unterhaltung, nicht zum Verletzen wie beispielsweise Handgranaten. Er entschuldige sich bei Personen, die bei der Tat anwesend waren, insbesondere bei dem Mann, der das Knalltrauma erlitten habe. Dies habe er bereits persönlich während der Verhandlung tun wollen, aber nicht die richtigen Worte gefunden. Es sei niemals seine Absicht gewesen jemanden zu verletzten oder zu töten. Auch die Glasscheibe im Windfang zu zerstören wäre nicht seine Absicht gewesen, er komme auch für die Schulden dafür auf, sobald es ihm finanziell möglich sei. Es sei ein spontaner Entschluss gewesen, ein „vorgezogenes Silvesterfeuerwerk“ und im Nachhinein betrachtet ein „zu makabrer Scherz“. Er hoffe auf eine milde Strafe und schließe sich ansonsten seiner Verteidigung an.

Der Prozess wird unterbrochen und am 29.10 um 14 Uhr fortgesetzt.

16. Verhandlungstag – „Das wären dann Geschosse“

16. Verhandlungstag, 08.10.2018

An diesem Prozesstag ist ein weiterer Sachverständiger geladen: Prof. Dr. R., Rechtsmediziner an der Universität Köln. Er hat ein Gefährlichkeitsgutachten für die verwendeten Sprengsätze „Dum Bum 50“ erstellt. Er spricht zu den möglichen Verletzungen, die ein Sprengsatz, wie ihn Stephan Kronbügel am S-Bahnhof Veddel zündete, hervor rufen kann. Es geht zunächst um die primären Verletzungen durch die Ausbreitung des Gases während der Explosion, wodurch Teile des Körpers wie die Lunge zerrissen werden können. Dies könne tödlich sein. Sekundäre Verletzungen würden durch das Herumfliegen von Gegenständen, in diesem Fall Glassplitter und die Schrauben, entstehen. Auch diese könnten bleibende Schäden hinterlassen, wie den Verlust des Augenlichts oder zum Tod führen. Tertiäre Verletzungen seien das Umstoßen von Körpern sowie Verbrennungen durch die Explosion. Auch dies wäre hier möglich gewesen.

Zu Beginn des Verhandlungstages verliest die vorsitzende Richterin Wende-Spohrs das schriftliche ergänzende Gutachten des Sachverständigen Dr. W., der zuletzt am 30.09.2018 ausgesagt hatte. Es seien Druckmessungen sowie Versuche mit beigelegten Schrauben durchgeführt worden. Der Feuerball hätte in einem Radius von einem Meter zu starken Verbrennungen führen können. Die Schrauben hätten in einer Entfernung von vier Metern zur Schädigung von unbedeckten Körperteilen, insbesondere dem Gesicht, führen können. Wenn eine Schraube auf das Auge getroffen wäre, hätte es zu erheblichen Verletzungen führen können. Insgesamt hätte also für umstehende Personen innerhalb eines Radius von vier Metern Abstand eine Gefahr von Verletzungen in erheblichen Maß möglich sein können.

Es folgt Prof. Dr. R., Rechtsmediziner an der Uni Köln. Er habe ein Gefährlichkeitsgutachten für die verwendeten Sprengsätze Dum Bum 50 erstellt. Er habe auf der Grundlage des Gutachtens von Dr. W. gearbeitet. Er führt aus, dass die Umsetzung des Sprengsatzes zu einer Explosion, also einer enorm schnellen, rasanten Volumenzunahme eines Gases führe. Es entstehe ein hundert- bis tausendfaches Volumen, was vorher nicht da gewesen sei. Das habe Auswirkungen auf Grenzflächen mit der ruhenden Luft. Es entstehe eine Druckfront/Gasfront. Wenn diese Front in weniger als drei Millisekunden entstehe, dann spreche man von Explosion, die könne dann auch auf menschliche Körper einwirken. Im vorliegenden Fall habe sich die Druckwelle in unter einer Millisekunde ausgebreitet, das sei sehr gefährlich gewesen.

Das hieße im Fall Veddel, dass es in einer Entfernung unterhalb von 80-90 cm zum Explosionszentrum zu lebensgefährlichen Verletzungen hätte kommen können, darüber hinaus eher nicht. Prof. Dr. R. erklärt nun, warum eine Explosion gefährlich sei: Der Druckstoß führe an den Grenzflächen, z.B. Körper/Luft, zu Scherbewegungen und das Gewebe könne zerreißen. Das Trommelfell sei extrem sensibel, die Lunge ebenso. Ein explosionssensibles Organ sei auch der Dickdarm, weil da überall Luft sei. Das Trommelfell könne ab einem Druck von 350 Milibar platzen und zerreißen. Dies sei im vorliegendes Fall drei Meter entfernt von der Explosion „ohne weiteres möglich gewesen“. Es habe ja auch jemand ein Knalltrauma erlitten. Bei 1 Bar bis 10 Bar sei mit Zerreißungen von Lungengeweben zu rechnen. Beim Anschlag am S-Bahnhof Veddel habe der Druck ab 1 Meter Entfernung 0,8 Bar betragen. Das heiße, dass man ab einem Meter keine Lungenzerreißung erlitten hätte, aber näher dran habe die Gefahr bestanden. Eine Zerreißung sei eine primäre Verletzung, im Bereich von 80-90 cm Entfernung sei das möglich gewesen, danach nicht mehr.

Der Sachverständige kommt nun auf mögliche „sekundäre Verletzungen“ zu sprechen. Diese entstünden durch die Gegenstände, die durch die Explosion als Geschosse wegfliegen würden. Papier und Pappe der Dum Bum 50-Sprengsätze hätten wundballistisch keine Bedeutung, aber weitere Gegenstände schon, womit er die Schrauben und Glassplitter anspricht. Prof. Dr. R. sagt, es seien 73 Schrauben gefunden worden, also 111g. Diese seien nicht am Sprengkörper dran geklebt gewesen, sondern hätten sich locker daran befunden. Man gehe davon aus, dass die Sprengkörpger gestanden hätten und die Schrauben sich darunter oder am Boden der Tüte befunden hätten. Wenn man Berechnungen anstelle, komme man zum Ergebnis, dass die Schrauben als spitze Gegenstände in der Lage gewesen wären, Haut und auch Knochen zu durchdringen. Der Sachverständige schränkt ein, dass wenn die Schrauben am Boden gewesen seien und die Böller gestanden hätten, dann wären sie nicht hoch geflogen, sondern sie wären flach über den Boden geflogen und nie über 1-2 cm über dem Boden gewesen. Sie hätten gegen Schuhe geschleudert werden können aber nirgendwo drüber, es habe auch auch nichts gegeben, was sie in die Höhe hätte befördern können.

Anders sähe das bei den Glassplittern aus. Diese seien genauso schnell gewesen, je nach Gewicht. Bei Erwachsenen wären potentiell der Unterschenkelbereich und Kniekehle betroffen gewesen. Hätte ein Glassplitter eine Kniekehle getroffen, könne „zwanglos tödlicher Blutverlust“ entstehen, wäre die Schlagader getroffen worden. Bei Kindern, die ja kleiner seien, hätte es ohne weiteres tödliche Verletzungen geben können.

Der Sachverständige R. kommt nun zu den „tertiären Verletzungsfolgen“ der Explosion. Das seien die Verletzungen, die dadurch entstünden, wenn der Körper umgestoßen werde. Körper könnten weg gestoßen und runter geschleudert werden, beim vorliegenden Fall beispielsweise zwischen S-Bahnwaggons oder auf die Gleise. Dies hänge aber von dem S-Bahn-Bahnsteig ab. In unmittelbarer Nähe hätten Personen ohne weiteres umgestoßen werden können.
Tertiär seien auch Verbrennungsverletzungen. Im vorliegenden Fall setze die Explosion Sauerstoff frei. Das müsse man sich vorstellen, wie wenn unter einem Sauerstoffzelt eine Zigarette angezündet würde. Es gebe eine enorme Feuerwirkung, einen erheblichen Feuereffekt. Der Durchmesser von zwei Metern sei „ohne Weiteres zu glauben“. Es habe eine kurze aber heftige Wirkung gegeben. Wenn dort jemand gestanden hätte, würden die Haare versengt, auf der Haut tue es zwar weh, würde aber narbenlos abheilen. Das seien Verbrennung von Grad 2a. Schlimm wäre, wenn man im Feuerball einatme, da wäre der obere Atemweg betroffen, die Schleimhaut würde anschwellen, die Atemwege schwellen zu und man erstickt. Da spreche man von einem Inhalationstrauma. Das sei potentiell lebensgefährlich.

Die Richterin fragt nun intensiv nach der potentiellen Tödlichkeit der jeweiligen Verletzungen. Prof. Dr. R. sagt, dass eine tödliche Lungenverletzung ab 1 Bar eintreten könnte. Eine tödliche Darmverletzung halte er im vorliegenden Fall für nicht erwartbar. Sollten die Schrauben hochgeschleudert worden sein, dann gelte die gleiche Einschätzung wie für die Glassplitter: „Das wären dann Geschosse“, die in Körper eintreten und auch tödlich sein könnten. Diese könnten auch tiefer eindringen beispielsweise im Schläfenbereich. Im Dezember hätten alle viel Kleidung an, da wären die Schrauben nicht in der Lage gewesen, vier Schichten Kleidung zu durchdringen, durch T-Shirts oder Jeans kämen sie durch. Sie könnten Augen ausschlagen: „Augenlicht für immer weg, klar, zwanglos“, es gäbe auch eine Gefahr für die Halsschlagader.

Richterin Wende-Spohrs fragt nach der Gefahr von Inbrandsetzung von Kleidung, insbesondere Polyesterkleidung. Prof. Dr. R. sagt, das würde anders aussehen, Kleidung, die entzündet würde, verlängere die Brandzeit. Dabei könne es ohne weiteres zu tieferen Verbrennungen kommen und dies könne auch zu Lebensgefahr führen.

Kronbügel-Verteidiger Mosenheuer fragt, ob Kleidung die Wirkung vermindere. Der Sachverständige verneint, das tue nur Spezialkleidung. Der Rechtsanwalt fragt nach der Wahrscheinlichkeit der potentiellen Lebensgefahr und danach wie häufig Todesfälle mit solchen Sprengsätzen aufträten. Prof. Dr. R. sagt, das sei schwer zu beantworten. Tödliche Verletzungen mit diesen Sprengsätzen seien allgemein eher sehr selten, die Sprengsätze unterlägen allerdings auch gewissen Zulassungsbeschränkungen, vielleicht seien Todesfälle auch deswegen selten. Wenn er, der Sachverständige, einen solchen Sprengsatz hätte, würde er ihn wegschmeißen und stehenbleiben, aber nicht auf den Tisch stellen und sitzenbleiben.
Auf weitere Fragen der Verteidigung sagt der Sachverständige, dass es für ein Hochfliegen der Schrauben darauf ankäme, oder die Sprengsätze stehen oder liegen. Wenn sie lägen, könnten die Schrauben hochgeschleudert werden und in einem Abstand von grob zwei bis drei Meter maximal die beschriebene Wirkung entfalten. Danach seien Hautdurchtrennungen nicht möglich, danach seien nur noch Verletzungen des Trommelfells und Auges vorstellbar, da wäre ein Abstand von vier-fünf Meter noch gefährlich. Je näher die Schrauben am Sprengsatz dran lägen, desto stärker würden sie beschleunigt. Sie verhielten sich wie eine Schrotladung. RA Mosenheuer sagt, die Spurensicherung habe Schrauben in vier Meter Entfernung gefunden, was würde er daher zu Gefährlichkeit sagen? Der Sachverständige führt aus, dass im Nahbereich von zwei bis maximal drei Metern mit potentiell lebensbedrohlichen Verletzungen zu rechnen sei.
Der Sachverständige wird entlassen. Die Richterin sagt, man sei mit dem Beweisprogramm für den Tag am Ende. Es folgt die Verlesung des Schadensberichts und der Strafanzeige wegen Sachbeschädigung der deutschen Bundesbahn vom 18.12.2017. Der Schaden sei eine Sachbeschädigung einer Wetterschutzscheibe durch einen Sprengsatz. Der Schaden habe eine Höhe von 955 €. Damit endet der Prozesstag.

15. Verhandlungstag – Gefahr für Leib und Leben

15. Verhandlungstag, 27.09.18

Für den heutigen Prozesstag wurde der Dr. W., Entwicklungsleiter Pyrotechnik bei Rheinmetall, geladen. Er wird als Sachverständiger zu dem von ihm durchgeführten Sprengversuch mit dem von Kronbügel verwendeten Sprengstoff Dum Bum 50 befragt.

Richterin Wende-Spors beginnt die Befragung mit der Feststellung, dass Dr. W. einen Sprengversuch mit dem Sprengstoff Dum Bum 50 durchgeführt und ein Gutachten erstellt hat. Die betreffenden Akten seien ihm übermittelt worden. Dr. W. bestätigt dies. Er habe unter Schwierigkeiten den Knallkörper Dum Bum 50 beschafft und ihn im LKA Dresden zwischengelagert. Am 20.09.18 habe er auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz den Versuch durchgeführt. Der Knallkörper bestünde aus einem 5 mm starken, an beiden Seiten verschlossenen Papprohr aus Kalium[perchlorat] und Aluminium und wiege 50 Gramm.
Zunächst wurden für die Druckmessung, Drucksensoren in verschiedenen Entfernungen zum Sprengkörper aufgestellt. Zwei von fünf Sprengkörpern wurden für die Druckmessung verschossen.
Dabei hätte die Messung Druckwerte von 800 Millibar aus 95 cm Entfernung und 650 Millibar aus 4 m Entfernung ergeben. Verteidiger Mosenheuer schaltet sich ein und fragt nach einer Tabelle mit den Werten, ihm liege keine vor. Dr. W. erwidert, diese könne ihm auch nicht vorliegen, sie sei erst vor kurzem fertig gestellt worden, und fährt mit seinen Ausführungen fort: der Ausbreitungsgrad habe bei 1,95 bis 2 m Entfernung, 440 m pro Sekunde betragen und 650-800 Millibar als Druckwert gehabt. Bei 4 m Entfernung zur Detonation lag der Druckwert zwischen 71 bis 91 Millibar und es wurde eine Ausbreitungsgeschwindigkeit von 378m/sec gemessen. Für den ersten Versuch [von drei] sei der Knallkörper in einer Tüte mit 50 Schrauben platziert worden und drei Nachweisbleche aus Aluminium mit den Maßen 2 m x 3 m seien in 4 m Entfernung halbkreisförmig um ihn herum aufgestellt worden. Anschließend sei der Körper aus einem Bunker heraus gezündet und die Einschläge in den Blechen dokumentiert worden. In dem zweiten Versuch sei der Knallkörper liegend in der Tüte platziert worden, dies hätte zu deutlich mehr Einschlägen geführt. Durchschläge habe es jedoch nicht gegeben, die Ausbeulungen hätten nicht über 0,5 mm gelegen, woraus sich schließen lasse, dass durch eine normale Jacke keine schweren Verletzungen durch die Schrauben entstanden wären. Im Gesichts- und insbesondere im Augenbereich hätten jedoch schwere Verletzungen entstehen können. Die Einschlagnachweise seien dokumentiert worden, die Platten lägen noch in seinem Büro, da er diese nicht allein bewegen könne. Das angefertigte Protokoll sei aufgrund des Zeitdrucks vorläufig, wenn nötig lege er die Ausführungen im Einzelnen noch nieder.
Richterin Wende-Spors fasst zusammen, Dr. W. habe Sprengstoff und Explosion beschrieben und Angabe zu den Druckwerten gemacht. Bei 2 m Entfernung habe der Druckwert bei 650-800 mb gelegen, bei 4 m Entfernung sei ein erhöhter Druckwert von 71 bis 91 Millibar gemessen worden. Sie erkundigt sich danach, was „ein erhöhter Wert“ bedeute. Dr. W. erläutert, ein normaler Wert sei der Umgebungsdruckwert. Ob 650 bis 800 Millibar auch über normal sei, will Wende-Spors wissen, Dr. W. bejaht. Ob der normale Wert bei Null liege, fragt Wende-Spors weiter. Das sei der Basiswert, erklärt Dr. W.. Wie sich Ausbreitungsgeschwindigkeit und Druckwert von einander unterschieden, erkundigt sich Wende-Spors. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit, so Dr. W., beschreibe, wie schnell sich eine Druckwelle ausbreite. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit habe bei einer Entfernung von 2 Metern 440 m/sec betragen, bei einer Entfernung von 4 Metern 380 m/sec. Die Werte bei einem Meter Entfernung seien nicht gemessen worden, weil dort keinen Sensoren angebracht worden seien, es habe nur zwei Sensoren gegeben. Möglicherweise könne dies aber anhand der vorhandenen Werte errechnet werden. Ob die Werte eine hohe Geschwindigkeit aufwiesen, fragt Wende-Spors. Sie würden den Erwartungen entsprechen, antwortet Dr. W.. Wende-Spors fragt, ob die Auswirkungen sich mit wachsender Entfernung verringern würden. Dr. W. bejaht und sagt, er habe eine Tabelle mitgebracht. Wende-Spors erkundigt sich nach dem zweiten Versuch. Dr. W. erklärt, er habe drei Versuche durchgeführt: einen mit stehendem Körper und Schrauben, einen mit liegendem Körper und Schrauben und ein „Versager“, der nicht gezündet habe. Er habe also nur jeweils einen Knallkörper Dum Bum 50 mit jeweils 50 Schrauben zur Explosion gebracht, stellt die Richterin fest. Dr. W. bejaht. Es seien aber doch laut Akte mehr Schrauben bei der durch Kronbügel herbeigeführten Explosion gewesen, gibt Wende-Spors zu bedenken. Ja, es seien 70 Schrauben gewesen, erwidert Dr. W., aber es sei anzunehmen, dass die Schrauben sich im Beutel verteilt haben. Deshalb habe er nur 50 Schrauben auf eine Seite gelegt.
Richterin Wende-Spors fragt nach der Positionierung. Dr. W. beschreibt, der Körper sei auf festem Untergrund in einer Plastiktüte, einmal stehend, einmal liegen zu Explosion gebracht worden. Wende-Spors fragt, was für Einschläge bei dem Versuch in stehender Position festgestellt worden seien. Dr. W. gibt an, dass auf 6 m² Alufläche 12 bis 13 Einschläge festgestellt worden seien. Die Alufläche habe erst in 50 cm über dem Boden begonnen und hätte in 2,50 über Bodenhöhe geendet. Der höchste Einschlag sei bei 2 m festgestellt worden. Durchschläge habe es keine gegeben, versichert sich Wende-Spors, Dr. W. bejaht. Es seien bei 30% der Fläche 0,2-0,3 mm große Ausbeulungen festgestellt worden, von der Qualität unterschieden sich diese in den Versuchen nicht. Bei dem Versuch in liegender Position seien die Einschläge mehr nach oben verteilt gewesen. Die Richterin fragt, wie die Ergebnisse bei einem Versuch mit zwei gezündeten Knallkörpern Dum Bum 50 gewesen wären. Dr. W. will hierzu keine Einschätzung abgeben. Die Richterin fragt, wie viele Einschläge mehr bei dem Versuch in liegender Position festgestellt worden seien und in welche Höhe sich diese befanden. Dr. W. gibt an, es seien doppelt so viele Einschläge dokumentiert worden, die max. Höhe betrage leicht mehr als 2 m, die minimale 55-60 cm. Es seien also keine tieferen Einschläge als bei dem Versuch in stehender Position, aber deutlich mehr festgestellt worden. Ob die Wucht so groß gewesen sei, dass die Schrauben eine normale Jacke durchschossen hätten, fragt Wende-Spors. Dr. W. bejaht. Wende-Spors fragt nach Folgen für Augen und Gesicht. Dr. W. erklärt, Augen könnten durch die Schrauben ggf. reißen, im Gesicht könnten sie zu Platzwunden führen. Wende-Spors fragt nach der Druckwirkung von zwei Dum Bum 50 auf die Schrauben. Dies lasse sich nicht sagen, erwidert Dr. W.. Es hätte ein Versuch bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung mit Hochgeschwindigkeitskameras durchgeführt werden müssen. Es gebe also keinen Druckwert für die Schrauben, stellt Wende-Spors fest, Dr. W. bejaht. Wende-Spors fragt nach der Ausbreitungsgeschwindigkeit der Schrauben. Das sei schwierig einzuschätzen, so Dr. W.. Wenn sie fixiert gewesen wären, hätte der Wert ermittelt werden können, in diesem Fall sei dies aber uneindeutig. Ob nicht Rückschlüsse von den Einschlägen gezogen werden könnten, fragt Wende-Spors. Dr. W. antwortet, diese seien dokumentiert und fotografiert. Die Richterin stellt die Frage erneut, Dr. W. verneint. Wende-Spors hakt nach, es bedürfe doch eine gewissen Geschwindigkeit, damit es überhaupt zu Einschlägen komme. Dr. W. erklärt, solche Überlegungen wäre Spekulationen, mit einer bestimmten Kamera hätten Aufnahmen gemacht werden können, diese habe aber auch auf Grund der Kürze der Zeit nicht zur Verfügung gestanden. Ob sich diese Werte nicht anhand des vorhandenen Videos rekonstruieren ließen, fragt Wende-Spors. Dr. W. verneint. Wende-Spors fragt nach der angefertigten Tabelle und Lichtbildern. Ein Teil sei angehängt, erwidert Dr. W., das Video könnte angesehen werden und lege als CD vor. Es sei darauf jedoch nur ein Knall zu hören, lauter als Silvester, und Rauch zu sehen und deshalb nicht weiter hilfreich. Die Richterin fragt, ob die Tabelle noch andere als die genannten werte enthielte. Dr. W. gibt an, der Tabelle noch weitere Daten hinzuzufügen. Die Richterin fragt nach Angaben zu weiteren Entfernungen als ein, zwei oder vier Metern. Dr. W. erklärt, dies sei nicht möglich, da nicht mehr Sensoren angebracht worden seien. Die Richterin fragt nach was die Bilder zeigen. Dr. W. gibt an, es gebe Bilder vom schematischen Versuchsaufbau, von dem Standort des pyrotechnischen Gegenstands auf dem Balken und vom Standort der Sensoren. Wende-Spors fragt, es es sinnvoll sei, wenn sich die Anwesenden die Bilder ansähen, worauf RA Mosenheuer erwidert, er könne sich das Beschriebene nur schwer vorstellen und wolle eine Kopie. Die Richterin ordnet daraufhin an, dass drei Ausfertigungen des vorläufigen Gutachtens angefertigt werden, eins für die Akte und je eins für die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung.
Es wird eine Pause von zehn Minuten eingelegt.
Nach der Pause verkündet Richterin Wende-Spors, es würden nun die Lichtbilder des ersten Versuchs in Augenschein genommen und von dem Sachverständigen erläutert. Dr. W. erläutert die Situation, in der das erste Bild entstanden ist: In Bodennähe und in vier Meter Entfernung zu zweimillimeterdicken Wänden sei der pyrotechnische Gegenstand platziert worden, vor diesem die Schrauben. Der Knallkörper sei dann gezündet worden und die Schrauben seien durch die Detonation in Richtung der Wände geflogen. Die Einschläge seien markiert worden, es seien 12 bis 13 Einschläge in der Höhe von ein bis zwei Meter gezählt worden. In einem zweiten Versuch sei der Knallkörper 50 cm über der Erde angebracht worden. Hierbei seien Einschläge bis in 2,50 Höhe festgestellt worden. Richterin Wende-Spors fragt, wie die Wirkung bei zwei Knallkörpern gewesen wäre. DR. W. gibt an, die Druckwerte würden sich überlagern und beschleunigen, die Körper hätten sich vermutlich auch gegenseitig entzündet. Die Richterin fragt, ob jeder Einschlag auch zu einer Ausbeulung geführt habe, Dr. W. verneint. Richterin Wende-Spors fragt, ob dies bei ca. 30% der Einschläge der Fall gewesen sei. Dr. W. erklärt, bei Versuch 1 hätten ggf. weniger als 30% der Einschläge zu Ausbeulungen geführt, er müsste dies aber nachgucken. Durchschläge hane es nicht gegeben, stellt Richterin Wende-Spors fest.
Rechtsanwalt Mosenheuer erkundigt sich nach der Versuchsanordnung, die Dr. W daraufhin erläutert. Es habe zwei Sprengversuche zur Ermittlung der Druckwerte und Ausbreitungsgeschwindigkeit gegeben. Danach wurde jeweils ein Sprengversuch mit einem stehenden Sprengkörper Schrauben und mit einem liegenden Sprengkörpger und Schrauben gezündet. Außerdem gab es einen sogenannten Versager, der nicht zündete.
Die Werte bezögen sich also nur auf einen Sprengsatz, fragt die Richterin, Dr. W. bejaht. Wende-Spors will daraufhin wissen, wie die Werte mit zwei Knallkörpern gewesen wären. Die könnten höher sein, das müsste man aber prüfen, erwidert Dr. W.. Ob die Werte auch gleich sein könnten, hakt die Richterin nach. Ja, antwortet W., das sei möglich, aber geringer könnten sie nicht sein.
Die Staatsanwältin schaltet sich ein und fragt, warum nicht gleich mit zwei Knallkörpern getestet worden sei. Zuverlässige Messungen, so DR. W., solle man mit einem Körper durchführen. Zwei Körper könnten ohnehin nicht gleichzeitig gezündet werden, außer, die Ladung werde direkt verdoppelt. Die Intensität des Werts hänge jedoch auch von der Dämmung ab. Man könne es mit zwei elektrischen Anzündern versuchen. Aber die Rückschlüsse von dem durchgeführten Versuch auf die Wirkung von zwei Knallkörpern wäre spekulativ?, fragt die Staatsanwältin, Dr. W. bejaht. Die Staatsanwältin erkundigt sich daraufhin nach der Stichflamme. Es habe einen Feuerball gegeben, erwidert Dr. W.. Hätte dieser jemand getroffen, hätte die Person „keine Haare mehr“ und mit hoher Wahrscheinlichkeit starke Verbrennungen. In Dresden habe es am letzten Sonntag einen entsprechenden Vorfall gegeben. Auch deshalb sei das Experiment nicht mit zwei Knallkörpern durchgeführt worden, die Folgen seien unabsehbar. Mit zwei Knallkörpern wäre der Feuerball größer gewesen, wegen der doppelten Menge Sprengstoff. Die Staatsanwältin will nun wissen, warum in dem Versuch mit den Schrauben die Wände in vier Meter Abstand aufgestellt worden seien. Dr. W. erklärt, es gebe entsprechende Standartversuche. Interessant, so die Staatsanwältin, wäre ja auch ein Versuch mit der Entfernung von zwei Metern gewesen. Ob dabei stärkere Einschläge zu erwarten seien? Dr. W. bejaht dies: die Einschläge wären wesentlich intensiver. Aber ein Rückschluss von den vorliegenden Versuchsergebnissen sei nicht möglich, vermutet die Staatsanwältin. Wenn man sich die Versuche mit Hochgeschwindigkeitskameras ansehe, sei das möglich, antwortet Dr. W.. Die Einschläge seien zum Teil in zwei Meter Höhe gewesen, stellt die Staatsanwältin fest und fragt, ob die Schrauben ohne die Blechwände weiter geflogen wären. Dr. W. bestätigt dies, in weiterer Entfernung flögen sie aber mit weniger Energie. Die Staatsanwältin fragt nun, ob potentiell die Gefahr für „Leib und Leben“ oder Gesundheitsgefahren bestanden hätten. Dr. W. erklärt, möglich gewesen wäre ein Riss im Trommelfell und in unmittelbarer Umgebung die Störung des Gleichgewichts. Die Staatsanwältin vermutet, dass Dr. W. diesen Punkt ausgelassen habe, weil noch ein rechtsmedizinisches Gutachten angefertigt wird. Ob bei einer Sprengung mit zwei Dum Bum 50 mehr und auch tiefere Einschläge zu erwarten gewesen wären, erkundigt sich die Staatsanwältin. Eine Gleichzeitigkeit der Zündungen könne man ausschließen, so Dr. W.. Wie die Schrauben sich verteilen würde, könne er nicht vorhersagen. Einen Versuch mit zwei Körpern, betont er, würde keiner machen. Weil das zu gefährlich wäre, will die Staatsanwältin wissen. Dr. W. bejaht dies.
Nun fragt Richterin Wende-Spors, warum die Schrauben bei der Explosion an der Veddel nur in einem Umkreis von vier Metern gefunden worden seien, wenn sie doch ohne Wand hätten weiter fliegen müssen. Dr. W. vermutet, das die Schrauben aufgrund der Verglasung des Wartehäuschens nicht weiter geflogen sind. Richterin Wende-Spors will wissen, was die Druckspitze ist. Dr. W. erklärt anhand dies anhand eines Dokuments. Die Druckspitze sei der Maximaldruckwert, in hier 650 mg betrage.
Die Verteidigung hat noch eine Frage zu den Werten in der Tabelle, in der einmal ein Druckwert von 100 aus vier Meter Entfernung angegeben ist, einmal ein Wert von 600 auch aus der gleichen Entfernung. Dr. W. erklärt, in dem zweiten Fall sei der Sensor getroffen worden. Rechtsanwalt Mosenheuer vermutet, dass die vorliegenden Werte alle sind, die man jetzt haben könne. Dr. W. entgegnet, es gebe noch Datensätze, die frühestens morgen zur Verfügung stehen würden, das liege an dem Zeitdruck. Pyrotechnik würde ein beträchtliches Gefahrenpotential mit sich bringen. Die Schrauben hätten durch normale Kleidung dringen können, aber nicht durch eine Steppjacke. Das Gesicht sei stark gefährdet, von den Augen wolle er gar nicht reden. Rechtanwalt Mosenheuer erkundigt sich, was der rechtmedizinische Sachverständige für Daten benötige, um Auskunft geben zu können. Nötig für Rückschlüsse auf das Verletzungspotenzial seien Angaben zu der Druckspitze und der Druckdauer, so Dr. W.. Diese Werte, stellt die Verteidigung fest, bezögen sich aber auf einen und nicht auf zwei Dum Bum 50. Dr. W. bejaht. Rechtsanwalt Mosenheuer fragt nach den Folgen von zwei Dum Bum 50. Dr. W. erwidert, dies könne zu einer Verdopplung der Werte führen, aber die Sprengsätze könnten sich auch gegenseitig beeinflussen. Geringere Werte als bei einem Sprengsatz könnten aber ausgeschlossen werden. Ob es Varianten in der Qualität von Dum Bum 50 gebe, will Rechtsanwalt Mosenheuer wissen. Im Netz sei dieser Sprengstoff nur in einer Variante, erwidert Dr. W. Die Verteidigung halt noch einmal nach, Dr. W. entgegnet, er habe nicht nach unterschiedlichen Varianten gesucht, aber das sei auch nicht so wichtig. Rechtsanwalt Mosenheuer fragt: Wenn in den Sprengsätzen 3-5 % weniger Wirkstoff gewesen wäre, wäre das nicht relevant? Dr. W. bestätigt, dies sei nicht relevant. Die Verteidigung fragt nach anderen möglichen Auswirkungen, z. B. Feuchtigkeit. Die Dämmung wäre dann nicht so stark gewesen, deshalb wäre der Druck dann geringer gewesen. Nun kommt Rechtsanwalt noch einmal auf den Versuch mit den Schrauben zu sprechen. Die Schrauben hätten ja alle auf einer Seite gelegen. Ob sie in Gewicht und Größe vergleichbar mit den am Tatort gefundenen Schrauben gewesen seien? Dr. W. bejaht. Ob sie in einem Beutel gewesen seien? Dr. W. bejaht. Ob es einen Unterschied mache, ob die Schrauben lose gewesen wären? Dr. W. bejaht, wenn die irgendwo in der Tüte gelegen hätten, wäre weniger Druck entstanden, wenn sie fixiert gewesen wären, wäre der Druck noch größer gewesen. Aber im Versuch seien die Schrauben nicht fixiert worden, fragt Rechtsanwalt Mosenheuer? Dr. W. bejaht, die Schrauben seien nicht fixiert gewesen. Rechtsanwalt Mosenheuer fragt, ob es zu anderen Ergebnissen gekommen wäre, wenn die Schrauben in einer äußeren Tüte und der Knallkörper in einer zweiten, sich darin befindenden Tüte befunden hätte. Dr. W. erwidert, das es in diesem Fall sehr wahrscheinlich wäre, dass sich die Schrauben anders verteilt hätten, aber dies nicht vorhersehbar wäre und begründet seinen Versuchsaufbau mit der Vergleichbarkeit. Je weiter die Schrauben vom Sprengkörper entfernt seien, desto geringer die Auswirkungen, vermutet die Verteidigung. An der Veddel seien die Schrauben in vier Meter Entfernung in Elipsenform aufgefunden worden, so Mosenheuer. Dr. W. erwidert, da seien Glas- und Betonwände in der Nähe gewesen. Die Druckwelle suche sich den Weg des geringsten Widerstands, in diese Richtung würden die Schrauben getrieben. Zu einer Seite, so Mosenheuer, sei der Ort offen gewesen. Auch da seien die Schrauben nur vier Meter weit verteilt worden. Richterin Wende-Spors wirft ein, man müsse die S-Bahn bedenken. Aber dann wäre die Verteilung nicht elipsenförmig, antwortet Mosenheuer. „Das wissen wir nicht.“, gibt Wende-Spors zurück. Die Verteidigung wendet sich noch einmal an den Sachverständigen: Ob es sein könne, dass die Schrauben zurückgeprellt seien, wenn die Verteilung elipsenförmig sei? Dr. W. erwidert, er könne nicht nachvollziehen, wie es am Bahnhof gewesen sei. Mosenheuer fragt, ob es in dem Versuch zu einer Deformierung von Schrauben gekommen sei, Dr. W. verneint, und nach der Verteilung der Schrauben. Die Schrauben seien irgendwo im Sand verstreut gewesen, so Dr. W.. Durch die Aluminiumwände, fragt Rechtsanwalt Mosenheuer. Es habe Einbeulungen gegeben. Ob die Entfernung zur Detonation Auswirkungen auf das Verletzungsrisiko gehabt habe, will Mosenheuer wissen. Maximal im Bereich des Feuerballs, erwidert Dr. W., und in unmittelbarer Nähe des Drucks. Der Holzbalken, ein 15 cm starkes Kantholz, sei gespalten worden. In acht bis zehn Metern Entfernung habe kein Gesundheitsrisiko bestanden, fragt Rechtsanwalt Mosenheuer nach. Darüber wolle er nicht spekulieren, erwidert Dr. W.. Ob es zu Einschlägen unterhalb von 50 cm gekommen wäre, wenn der Versuchsaufbau anders gewesen wäre, erkundigt sich die Verteidigung. Dr. W. antwortet, dies sei ein Standardaufbau gewesen und dies sei nicht zu erwarten gewesen. Der Aufbau sei also nur so gewesen, weil dies ein standardisiertes Verfahren sei, stellt die Verteidigung fest.
Richterin Wende-Spors fragt zum Abschluss der Befragung von Dr. W., ob es nötig sei, dass er bei der Vernehmung des rechtsmedizinischen Sachverständigen anwesend sein solle. Die Staatsanwältin hält dies für sinnvoll, wenn dieser Weiteres nicht verschriftlicht einreicht. Dr. W. antwortet, er würde sich lieber schriftlich mit dem rechtsmedizinischen Sachverständigen in Verbindung setzen, per bzw. telefonisch. Für die Messkurven habe er sich am kommenden Tag Urlaub genommen, da mache er das Gutachten fertig. Richterin Wende-Spors sagt, dieses solle er ihnen dann per Mail zukommen lassen, es gehe auch alles an den rechtsmedizinischen Sachverständigen R.. Dr. W. bleibt unvereidigt.

Im Anschluss werden kommende Prozesstermine mit Urlaubsplänen abgestimmt. Dr. W. sichert zu, dass vollständige Gutachten spätestens am kommenden Montag zu schicken.

Der Prozess wird am 8.10. mit der Befragung des rechtsmedizinischen Sachverständigen R. fortgesetzt.

14. Verhandlungstag – „Eine erhebliche Gefährdung für die Allgemeinheit“

14. Verhandlungstages, 14.09.2018

Am 14. Verhandlungstags stellte die Verteidigung zunächst einen Antrag. Anschließend wurde psychiatrisches Gutachten von Dr. V. Vorgetragen. Zuletzt berichtete Richter Finke über den geplanten Sprengversuch von Herrn W.

Zu Beginn der Verhandlung berichtet Richter Finke, dass der Leiter der Rechtsmedizin in Köln [Prof. Dr. R.] ein Rechtsmedizinisches Gutachten zu den Gefahren der Druckwellen des Sprengsatzes anfertigen wird. Er sei für den 8.10.18 geladen.
Im Anschluss kündigt der Verteidiger an, einen Antrag stellen zu wollen, der psychiatrische und medizinische Aspekte beinhalte, weshalb es sinnvoll sei, wenn der psychiatrische Sachverständige dabei anwesend wäre. Der Antrag wird aus diesem Grund vorgezogen. Verteidiger M. verliest daraufhin den Antrag. Er beantrage für den Fall, dass sich das Urteil gegen Stephan Kronbügel auf die Aussage Sissy B.s stütze, ein psychiatrisches Gutachten, um die Glaubwürdigkeit von Sissy B. insbesondere in Hinblick ihrer Aussage, Kronbügel habe den Anschlag im Sommer 2017 angekündigt, zu prüfen. Seines Erachtens werde dieses ergeben, dass Sissy B. nicht glaubwürdig ist. Er referiert daraufhin die Aussagen, die Sissy B. an den beiden Vernehmungen vor Gericht getätigt hat und argumentiert, dass diese in sich nicht stimmig seien und im Widerspruch zu den Aussagen von Zeugin v. S. und dem Polizisten C. stünden:
1. Sissy B. habe in ihrer ersten Vernehmung am 29.06.2018 angegeben, Kronbügel habe während eines Streits zum Umgang mit den gemeinsamen Kindern im Juni 2017 angekündigt eine „Bombe platzen zu lassen“. Sie gab darüber hinaus an, den Zeuginnen S. und R. frühzeitig von seiner Tatankündigung berichtet zu haben. Diese hätten es zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter reagiert.
2. Nachdem sie von der Tat aus den Medien erfahren habe, habe sie dem ihr bekannten Polizisten C. von der Ankündigung der Tat berichtet. Dieser habe ihre Aussage mit den Worten „nur, weil etwas kaputt gegangen ist, muss das nichts bedeuten“ heruntergespielt.
3. Sie habe sich nach ihrer ersten Vernehmung noch einmal bei dem Gericht gemeldet und auf die Zeugin v. S. verwiesen, diese könne einiges erzählen. Außerdem habe sie angegeben, den Ärtz*innen in der Klinik, in der sie sich stationär aufgehalten habe, von der Tat erzählt zu haben. Der Polizist C. habe sich nicht an den Hinweis auf die Tatankündigung erinnern können und angegeben, er hätte diesen Fall sonst sicher gemeldet. Er habe außerdem angegeben, dass Sissy B. ihn auf einen Zeitungsartikel mit einer unbekannten Tat hingewiesen habe und gesagt habe, dies traue sie Kronbügel zu.
4. Verteidiger M. verweist des Weiteren auf die Aussage der Zeugin S. vom 08.08.2018, die gesagt habe, sie habe den Ausdruck „Bombe platzen lassen“ im übertragenden Sinne verstanden, in Bezug auf eine Information die Kronbügel preisgeben wolle, was das Sorgerecht von Sissy B. womöglich hätte gefährden können.
5. Der Verteidiger führt die Aussage der Zeugin R. [Jugendamtsmitarbeiterin] an, die angegeben habe, mit Sissy B. Anfang 2018, also erst nach der Tat telefoniert zu haben, weil sie von ihrem Klinikaufenthalt gehört habe und sich nach ihrem Befinden und der Versorgung ihrer Kinder habe erkundigen wollen. Bei diesem Gespräch habe Sissy B. Frau R. von der Ankündigung erzählt.
6. Auf den Vorhalt der Aussage der Zeugin S. habe Sissy B. angegeben, diese sei eben lockerer als sie. Sissy B. sei bei ihrer Aussage geblieben, Kronbügel habe von sogenannten Polenböllern gesprochen. Sie sei ebenfalls bei der Aussage geblieben, sie habe dem Polizisten von der Ankündigung der Tat berichtet und sie habe bestätigt, dass sie ihm einen Zeitungsartikel gezeigt habe, in dem von einer Tat die Rede war, die sie Kronbügel zutrauen würde. Dieser hätte daraufhin gesagt „man solle das nicht so aufputschen“.
7. Die Zeugin v. S. habe berichtet, von ihrem Bruder durch die Tat erfahren zu haben. Sie sei aus allen Wolken gefallen über die vermeintliche Planung und politische Motivation der Tat. Kronbügel sei ein Vollalkoholiker, die Tat bestimmt nicht politisch motiviert.
8. Die Zeugin v. S. habe sich an das Gericht gewandt um davon zu berichten, dass Sissy B. ihr per SMS gesagt habe, dass sie es so spannend vor Gericht gefunden habe und v. S. vor Gericht nicht erzählen solle, dass Sissy B. und sie Kontakt hätten. In diesem Zusammenhang sagte Zeugin v. S. aus, dass Sissy B. Ihres Erachtens keine Angst vor Kronbügel habe und zudem psychisch erkrankt sei.
9. Sissy B. habe damit konfrontiert eingeräumt, v. S. gebeten zu haben, dem Gericht nicht von ihrem Kontakt zu erzählen. Sie habe allerdings die Zeugin v. S. nicht manipulieren oder ihre Aussage beeinflussen wollen. Sie habe außerdem zugegeben, dass sie wolle, dass Kronbügel für lange Zeit ins Gefängnis geht, weil es ihr nur gut ginge und Ruhe herrsche, wenn er weg sei. Bezüglich ihrer psychischen Erkrankung habe sie angegeben, sich zu selbst verletzt zu haben. Sie habe die Ärzt*innen nicht von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbinden wollen.
Aus diesen Punkten schlussfolgert Verteidiger M., dass die Angaben von Sissy B. nicht glaubhaft seien, insbesondere bezüglich der angeblichen Ankündigung der Tat seitens Kronbügel. Die Angaben stünden im Widerspruch zu den Aussagen der angeführten Zeug*innen und seien in sich nicht stimmig. Zudem bestehe der Verdacht auf eine versuchte Manipulation von Zeug*innenaussagen durch Einflussnahme auf die Zeugin v. S.. Es gebe außerdem Hinweise auf eine psychische Erkrankung durch die Aussage von Zeugin v. S. und Sissy B.s eigene Angabe. Eigentlich sei das Gericht für die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Zeug*innen zuständig. Wenn jedoch psychische Auffälligkeiten vorlägen und sich das Gericht auf die Aussage der betreffenden Person in seinem Urteil stützen wollen würde, sei ein*e Sachverständige*r hinzuzuziehen. Bei der bei Sissy B. vermuteten Erkrankung sei eine Einschätzung besonders schwierig aufgrund verschiedener Krankheitsmerkmale [Extremisierung von Kontakten, selbstschädigendes Verhalten, Einnehmen einer Opferrolle], die das Einschätzen von Beziehungen und die Aussagezuverlässigkeit beeinträchtigen. Verteidiger M. verweist auf ein Urteil vom August 2010 des BGH, dass bei der betreffenden Krankheit ein Gutachten sinnvoll sein könne, da der Sachverstand des Gerichts diesbezüglich nicht ausreiche. Er vermutet, Sissy B. könne bewusst oder unbewusst unwahre Aussagen getätigt haben.
Die Richterin fragt, ob die Staatsanwältin gleich Fragen stellen wolle oder zunächst eine Kopie des Antrags haben wolle. Diese möchte zunächst eine Kopie.
Die Verhandlung wird fortgesetzt mit der Vorstellung des psychiatrischen Gutachtens durch den Sachverständigen Dr. V..
Richterin Wende-Spors fordert V. auf von dem Explorationsgespräch, dass dieser mit Kronbügel im Februar 2018 in der JVA Billwerder geführt habe zu erzählen. V. erklärt, dieses Gespräch sei sehr kurz gewesen, ca. 30 Min., da Kronbügel eigentlich gar nicht mit ihm habe sprechen wollen. Dies habe er ihm wiederholt sehr freundlich gesagt und bedauert, dass er, V., extra angereist sei. Daher habe er sein Gutachten auf der Basis einer Mischung der Quellen – dem Explorationsgespräch, den Erklärungen Kronbügels in der Verhandlung, seinem Verhalten in der Verhandlung und den verschiedenen Zeug*innenaussagen – erstellt. Zunächst äußert V. sich zu der Biografie Kronbügels. Dieser sei gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei seinen Eltern aufgewachsen. Der Vater sei Industriekaufmann gewesen und bereits vor Jahrzehnten verstorben, die Mutter sei für Haushalt und Familie zuständig gewesen. Die Atmosphäre zu Hause sei ok gewesen, das habe Kronbügel im Explorationsgespräch und in der Verhandlung ausgesagt. Die Familie habe drei Jahre in Norwegen gelebt und sei zu Kronbügels Einschulung zurück nach Hamburg gekommen. Die Schule habe er mit einmaligem Wiederholen aber ohne Probleme durchlaufen und mit dem Hauptschulabschluss beendet. Mit 15, 16 hätte er aber deutliche Probleme in Einstellung und Durchhaltevermögen gezeigt. Er habe zwei Ausbildung nach dem ersten bzw. nach einem halben Jahr abgebrochen, die als Dachdecker nach eigener Angabe aufgrund von Höhenangst. Er habe Schwierigkeiten mit Pünktlichkeit und dem Arbeitspensum gehabt. Dann habe er eine Karriere bei der Bundeswehr beginnen wollen, sei aber zu jung gewesen und habe deshalb bei der Fremdenlegion in Frankreich angeheuert. Dort habe er sich für fünf Jahre verpflichtet, nach einem sei er aber bei der Bundeswehr einberufen worden, weshalb er seinen Aufenthalt dort habe beenden müssen, was wohl nicht so einfach gewesen sei. Nach nur einem Jahr habe er die Bundeswehr wegen Schlägereien und Alkoholkonsum verlassen müssen. Danach sei Kronbügel nur noch gelegentlich tätig gewesen, im Hafenbereich und auf dem Bau. Mit 15 sei er zum ersten Mal wegen Sachbeschädigung vor Gericht gewesen, das Verfahren wurde gegen eine Ermahnung eingestellt. Bis 1987 habe er drei Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung bekommen. 1987, mit 21 oder 22, habe er dann seine erste Freiheitsstrafe bekommen, unter Einbezug der vorherigen Bewährungsstrafen. Insgesamt sei er 17 oder 18 Jahre seines Lebens in Haft gewesen. In dieser Zeit habe er den Realschulabschluss nachgeholt, was ihm nicht leichtgefallen sei. Eine Ausbildung habe er dort nicht gemacht, obwohl das sicherlich möglich gewesen sei. 1984 sei er erstmalig mit der Neonaziszene in Kontakt gekommen, nach seiner Haft dann wieder. Alkohol habe er schon seit seiner ersten Ausbildung getrunken. Zunächst Bier, das sei früher so üblich gewesen auf dem Bau, später auch Hartes. Aus einem Urteil von 1992 ginge hervor, dass er zwei Flaschen Weinbrand täglich getrunken habe. Bei erzwungener Abstinenz habe er Entzugserscheinungen gehabt, teilweise seien die medikamentös behandelt worden. Er habe sich in der „Skinheadszene“ und der „Obdachlosenszene“ aufgehalten. Der „ältere Herr“ der 1992 bei einem „Gewaltexzess (…) zu Tode gebracht“ worden sei [Gustav Schneeclaus] habe sich auch in dieser Obdachlosenszene aufgehalten. Grund für den Vorfall sei gewesen, dass er [Schneeclaus] sich negativ über Hitler geäußert hätte. Deshalb sei die Tat als rechtsradikal motiviert eingestuft worden. Kronbügel sei damals auch alkoholisiert gewesen, es lägen jedoch keine Blut- oder Atemalkoholwerte vor. Deshalb konnte eine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit durch Alkohol damals auch nicht ausgeschlossen werden. Im Rahmen der Haftlockerung [Hafturlaub] 1996 habe Kronbügel dann einer Bekannten in deren Wohnung eine schwere Körperverletzung und sexuelle Misshandlung zugefügt. Dies führte zu einer Haftverlängerung. Nach der Haftentlassung 2004 sei er für längere Zeit nicht mehr in Arbeit gewesen und habe von Hartz IV gelebt. Aus den Urteilen sei bekannt, dass er sich hauptsächlich in Schleswig-Holstein aufgehalten habe, da die dortigen Gerichte mit seinen Taten befasst gewesen seien. Es sei um gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigung und Diebstahl gegangen. Kronbügel sei dann zwischen 2006 und 2013 noch zu weiteren Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt worden, wobei er sich selbst entschlossen habe, Teile der Geldstrafen durch Ersatzhaftstrafen abzuleisten. Dann habe er seinen Aufenthaltsort von Schleswig-Holstein nach Harburg verlagert. In den letzten drei Jahren habe er keinen festen Wohnsitz gehabt, übernachte bei Freunden und Bekannten. Er habe in dieser Zeit nur noch Eigentumsdelikte und keine Körperverletzung mehr begangen. Der Verfassungsschutz habe Kronbügel 2012 und 2015 überprüft und habe keine politische Aktivität und Anbindung an die rechte Szene feststellen können. Kronbügel selbst hätte ausgesagt, die rechte Szene wollte nicht mehr, dass er käme.
Kronbügel habe Ende der 1980er eine Beziehung gehabt, aus der eine Tochter hervorgegangen sei. Diese habe er jedoch nur als Baby gesehen. Des Weiteren habe eine Beziehung mit Sissy B. gehabt. Sissy B. habe ihn sexuell attraktiv gefunden und als deutschen Vater für ihre Kinder gewollt, dem habe er zugestimmt und sie hätten zwei gemeinsame Kinder [der Sohn sei 2006, die Tochter 2009 geboren]. Die Beziehung zwischen Sissy B. und Kronbügel sei turbulent gewesen. Kronbügel sei nur kurz bei Sissy B. gemeldet gewesen und habe überwiegend woanders gelebt. Laut Aussage von Sissy B. habe Kronbügel zu Beginn der Beziehung nur wenig getrunken, später dann auch morgens und tagsüber. Er habe auch Entzugssymptome gezeigt. Die Beziehung habe vier bis sechs Jahre gedauert. Sissy B. gibt als Ende 2011/2012 an, es habe aber sexuellen Kontakt bis 2014/2015 gegeben. Im Sommer 2017 seien sich die beiden das letzte Mal begegnet, da habe es den Streit um die Kinder gegeben. Kronbügel habe kein Umgangsrecht oder Besuchsrecht über das Jugendamt oder Familiengericht eingefordert, sondern sei eher unangemeldet aufgetaucht. Dies habe nach Aussage Sissy B.s zu Streit geführt. 2013 habe Kronbügel eine Beziehung zu der Zeugin v. S. gehabt. Die beiden hätten sich schon aus Jugendzeiten aus Neugraben gekannt. Nach Angaben der Zeugin v. S. sei es eine sexuelle und auf Alkoholkonsum basierende Beziehung gewesen. V. S. habe angegeben, dass Kronbügel ihr gegenüber nicht aggressiv gewesen sei bis zu dem Zeitpunkt, als sie die Beziehung beenden und ihn nicht mehr in ihre Wohnung lassen wollte, um Abstand von ihm zu gewinnen und selbst alhokolabstinent zu werden. Bei diesem Vorfall habe er die Haustür eingetreten. Kronbügel, so der Sachverständige, habe täglich ca. 10 Bier 0,5 Liter getrunken, selten Hartes und war selten abstinent. Als ein Arzt Leberschäden bei ihm festgestellt habe, sei er zeitweise abstinent gewesen. Seit dem Frühjahr 2017 bis zu seiner Verhaftung habe er jedoch regelmäßig getrunken. Kronbügel habe auch regelmäßig Krafttraining betrieben, seinen eigenen Angaben nach einem Profiprogramm. Er seine eigenen Utensilien dafür gehabt. Er sei in einem guten körperlichen Zustand.
Zusammenfassend könne er sagen, so der psychiatrische Sachverständige, dass keine schwere psychische Störung vorläge. Kronbügel sei durchschnittlich intelligent, d.h. es liege keine Minderung vor. Eine alkoholbedingte Hirnschädigung sei denkbar, aber nach dem klinischen Befund gebe es darauf keinen Hinweis. Es müssten dafür Tomographie und psychologische Testungen angewendet werden, die wolle Kronbügel aber nicht. Soweit zeige der Befund keine forensisch relevanten Schäden. Frühe Entwicklungsverzögerungen oder Auffälligkeiten habe es nicht gegeben, jedoch in der Jugend. Kronbügel habe Probleme gehabt, soziale Normen und Regeln einzuhalten und früh Kontakt mit der Polizei gehabt. Ab dem Altern von 19 sei er oft und regelhaft gewalttätig gewesen, habe sich in der Skinheadszene aufgehalten und habe Alkohol konsumiert. 1992 habe er das Tötungsdelikt und später weitere schwere Gewalttaten bis 2010 begangen. Er habe ein „Gewaltproblem“. Insgesamt sei er 12 Mal wegen Körperverletzung, Totschlag und Vergewaltigung verurteilt worden. Alle Taten habe er unter Alkoholeinfluss begangen. Es bestehe kein Zweifel daran, dass Kronbügel Alkoholiker sei, vermutlich seit er 17 oder 18 ist. Alkoholismus zeichne sich aus durch den starken Wunsch nach Alkohol, fehlende Kontrolle über den Anfang des Trinkens und die Menge, es träten Entzugserscheinungen auf. Kronbügel sei vermutlich tolerant gegenüber Alkohol geworden. Er habe trotz der Diagnose Leberzirrhose weitergetrunken. Der Sachverständige diagnostiziert Kronbügel nach ICD 10 F10.21: Alkoholabhängig, abstinent in geschützter Umgebung. Außerdem weise Kronbügels abweichendes Verhalten, seine Affektivität, seine Schwierigkeiten bei zwischenmenschlichen Beziehungen und seine mangelnde Impulskontrolle, z.B. die Handlungskontrolle und das Zurückstellen eigener Bedürfnisse über den Lebenslängsschnitt betrachtet auf eine Persönlichkeitsstörung hin. Der Sachverständige nimmt an, dass die Persönlichkeitsstörung in Kombination mit der Sucht Kronbügels berufliche und psychische Fähigkeiten eingeschränkt habe. Damit habe sich Kronbügel aber arrangiert, er selbst sehe gar keinen Änderungsbedarf. Die Persönlichkeitsstörung zeige sich durch die Diskrepanz zwischen Kronbügels Verhalten und sozialen Normen, eine niedrige Frustrationstoleranz, eine geringe Schuldeinsicht sowie durch Probleme bei Emotions- und Handlungskontrolle. Der Sachverständige spricht von einer Ich-Syntonie, im Sinne der Bereitschaft, aggressiv und gewaltvoll zu handeln und das nicht als falsch zu erleben. Alkohol spiele bei Kronbügel immer eine Rolle. Der Sachverständige diagnostiziert Kronbügel eine Suchterkrankung und eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, unsteten und impulsiven Anteilen. Es bestünde allerdings keine „schwere seelische Abartigkeit im juristischen Sinne“. Diese Persönlichkeitsstörung habe nur in Verbindung mit anderen psychischen Störungen einen Krankheitswert, dies läge hier nicht vor. Kronbügel könne sich unter kontrollierten Bedingungen sozial kompatibel und angemessen verhalten. Es liege keine forensisch relevante Störung vor. Es könne deshalb bei der Frage der Verantwortung in Bezug auf die Tat nur um die Auswirkungen des Alkohols gehen. Hier sei er auf Kronbügels Angaben angewiesen, da keine Werte aus Blutprobe oder Atemtest vorliegen. Kronbügel habe angegeben, zehn halbe Liter Bier am Tattag bis 17.30 Uhr getrunken zu haben. Der Sachverständige ermittelte mit Hilfe der Wittmannformel aus diesen Angaben einen Promillewert zwischen 2,6 und 2,9 und erläutert dann die realen Auswirkungen von Alkohol. Möglich seien körperliche Auswirkungen, wie ein unsicherer Gang. Dies sei bei Kronbügel nicht der Fall gewesen. Er habe auch keine kognitiven Auswirkungen, wie Bewusstseinsgetrübtheit, Erinnerungsverlust oder Müdigkeit gezeigt. Auch emotional-affektive Auswirkungen wir Aggression oder Gereiztheit seien nicht aufgetreten. Der Sachverständige stützt sich bei dieser Bewertung auf die Angaben von Zeug*innen und die vorliegenden Videoaufzeichnungen sowie eigene Angaben des Angeklagten. Der Tatablauf und auch das Nach-Tat-Verhalten seien zielgerichtet gewesen. Kronbügel sei zielgerichtet in die Bahn gestiegen, habe gegrinst und sich gefreut, dass sich andere durch seine Tat erschrocken haben. Dies spreche gegen eine relevante Beeinträchtigung durch Alkohol. Die dissoziale Persönlichkeitsstörung zeige sich durch Verantwortungslosigkeit, Abkehr vom Normverhalten und die niedrige Hemmschwelle, andere zu verletzen. Der Sachverständige wiederholt jedoch, dass dies nicht forensisch relevant sei. Kronbügel habe sich entscheiden können, „was richtig und was falsch ist“ und er habe sich entschieden. Alkohol habe die Hemmschwelle möglicherweise gesenkt und könnte sich auf die Fähigkeit, Bedürfnisse zurückzustellen, ausgewirkt haben, aber das seien nur „minimale“, „einige wenige“ Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Steuerungsleistung. Der Sachverständige empfiehlt keinen Psychiatrieaufenthalt, weil keine Krankheit vorliege, die forensisch relevant sei. Der Aufenthalt in einer Erziehungsanstalt sei möglich, aber die gefährliche Handlung ist nicht durch den Alkohol zu erklären, sondern durch die dissozialen Eigenschaften, z.B. kein Mitgefühl, auch wenn bei 2/3 aller Fälle Alkohol eine Rolle gespielt habe. Der Sachverständige hat eine Kriminalprognose für Kronbügel erstellt. Es bestehe grundsätzlich die Gefahr, dass Kronbügel auch in Zukunft Gewalt ausüben werden, die Gefahr steige, wenn er alkoholisiert sei. Es sei jedoch auch zu beachten, dass der Schweregrad der von Kronbügel gegangenen Taten in den letzten Jahren abgenommen habe. 2009 habe er die letzte Körperverletzung begangen, danach mehrheitlich Eigentumsdelikte. Das Risiko für Gewalttaten sei deshalb abgemindert. Dennoch liege Kronbügels Risiko, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen zu begehen über dem Durchschnitt, er bestünde eine erhebliche Gefährdung für die Allgemeinheit. Eine Unterbringung nach § 64 StGB in Ochsenzoll sei möglich, aber er, der Sachverständige, sei skeptisch hinsichtlich des Erfolgs; erstens, weil Kronbügel dies nicht wolle und lieber in Haft gehen würde, zweitens, weil persönliche Faktoren gegen den Erfolg sprechen – Kronbügel leide nicht unter dem Alkoholkonsum und wolle sich nicht verändern – und drittens aufgrund des großen Autonomiebedürfnisses. Der Sachverständige rät deshalb von einer Unterbringung ab.
Im Anschluss an das Gutachten stellt Richterin Wende-Spohrs einige Nachfragen an den Sachverständigen V.
Zunächst fragt sie, ob K. gegenüber dem Sachverständigen auch Angaben zur Tat gemacht habe. Der Sachverständige V. bejaht dies, sucht die entsprechende Stelle in seinen Unterlagen und gibt daraufhin an, Kronbügel hätte ihm gegenüber gesagt, einen Bekannten getroffen zu haben, der ihm die Böller gab. Ob Kronbügel auch dem Sachverständigen gegenüber den Namen „La Bomba“ nannte, sei dem Sachverständigen nicht mehr klar. Der Sachverständige gab weiter an, Kronbügel habe gesagt, er wollte die Böller für Silvester aufbewahren, weil sein Bekannter ihm gesagt hätte, dass sie besonders laut knallen würden. Kronbügel sagte in dem Gespräch gegenüber V., dass er nicht gewusst habe, dass sich Schrauben in der Tüte befanden. Am S-Bahnhof Veddel hätte er einen Böller gezündet, zuvor allerdings darauf geachtet, dass alle Menschen mindestens 10 Meter Abstand zu ihm und dem Böller hätten. Er hätte niemanden verletzen wollen und auch keine Gewaltphantasien über rassistische Taten. Die rechte Szene wolle auch nichts mehr mit ihm zu tun haben, er sei zu alt und zu geschädigt vom Alkohol berichtete V. aus dem Gespräch mit Kronbügel. Weiter berichtete V., dass Kronbügel ihm gegenüber angegeben hätte, am Tattag 10 Bier getrunken zu haben, sich aber nur „ein bisschen angeschlagen“ gefühlt zu haben. Er habe die Böller loswerden wollen, sei Rucksack sei schon so voll gewesen und er habe sehen wollen, wie die Böller knallen. V. berichtet, dass er ihn gefragt habe, warum er die Böller nicht weggeworfen habe. Kronbügel erwiderte laut V. daraufhin, dass es dumm von ihm gewesen sei. Er habe niemandem schaden wollen. Der Sachverständige V. wertet dies als Einsichtsvermögen und Geständnis für die Tat. Zudem habe Kronbügel in Bezug auf den Geschädigten Zeugen P. E. angegeben, niemanden am Ohr verletzt haben zu wollen.
Daraufhin fragt die Richterin Wende-Spors nach der von K. gegenüber dem Sachverständigen V. angegebenen Anzahl von Böllern. Waren es ein oder zwei Böller oder eine pauschale Angabe? Der Sachverständige V. bestätigt, dass nur von einem Böller gesprochen wurde. Von zweien habe er sich weder etwas notiert, noch könne er sich daran erinnern.
Die Richterin Wende-Spors fragt nun nach den Absichten, die Kronbügel gegenüber dem Sachverständigen V. für die Tat angegeben habe. Sie entnimmt seinen Erläuterungen, Kronbügel habe die Böller loswerden und sehen wollen, wie sie knallen. Der Sachverständige V. bejaht dies. Er ergänzt, dass Kronbügel ihm gegenüber Verletzungsabsichten verneint habe. Er habe ja auch extra darauf geachtet, dass alle Menschen 10 m weit weg seien.
Danach fragt die Richterin Wende-Spors nach potentiellem Drogenkonsum Kronbügels jenseits von Alkohol. Der Sachverständige V. gibt an, Kronbügel hätte ihm gegenüber angegeben selten Cannabis und gelegentlich Kokain konsumiert zu haben. Heroin habe er nie konsumiert, weil er durch den Konsum einer Bekannten abgeschreckt worden sei. In der letzten Zeit, so habe Kronbügel angegeben, habe er aber keine Drogen konsumiert und nur Bier getrunken.
Die Richterin Wende-Spors fragt nun ob Kronbügel im Gespräch mit dem Sachverständigen V. Angaben zu seinen Zukunftsvorstellungen gemacht hätte. V. erläutert, dass es für Kronbügel klar sei, „dass er so weiterleben wolle wie bisher“. Er habe sich mit deinem Leben arrangiert und sei zufrieden, so wie es ist. Es gebe Freunde und Bekannte bei denen er unterkommen könne und er sammele Flaschen, um seinen Konsum zu finanzieren.
Richterin Wende-Spors hakt hier erneut ein und fragt V., ob Kronbügel angegeben habe, seinen Lebensstil auf keinen Fall verändern zu wollen und auch kein Interesse an Beschäftigung habe. Der Sachverständige bestätigt dies.
Weiter fragend erkundigt sich Richterin Wende-Spors nach den Außenkontakten von Kronbügel in Haft. Der Sachverständige antwortet, dass nach Kronbügels Angaben kein Kontakt zu Außenpersonen bestünde. Er sei quasi von der Außenwelt abgeschnitten, seine Bekannten würden vermutlich nicht einmal wissen, dass er in Haft sei.
Nun fragt Richterin Wende-Spors ob Kronbügel früher schon mal aufgrund seiner Alkoholsucht in Entgiftungen oder Therapien gewesen sei. Der Sachverständige V. gibt an, dass Kronbügel bereits einmal eine Entgiftung in Bargfeld-Stegen und eine Langzeitbehandlung in Bokholt durchgeführt habe. In Harburg sei er wohl doch nicht gewesen [wie an einem der vorherigen Verhandlungstagen angegeben]. Es sei aber nicht klar ob diese zu Ende geführt wurde. So oder so sei danach wieder konsumiert worden. Es gäbe bisher keine Langzeittherapie in Bezug auf seine Alkoholsucht.
Richterin Wende-Spors fragt nun nach Kronbügels Einstellung gegenüber einer Entziehungsanstalt. Der Sachverständige V. gibt an, Kronbügel habe im Februar 2018 ausdrücklich gesagt, er wolle selbst entscheiden was er mache und keine Zwangsbehandlung in Ochsenzoll (nach §64 StGB). Er habe davon Schlechtes gehört. Auf die Frage der Richterin , in wie weit V. gegenüber Kronbügel erläutert habe, wie ein Entzug dort ablaufe, erwiderte V., dass Kronbügel auch nach Erläuterungen kein Interesse entwickelt habe. Grundsätzlich gäbe es unterschiedliche Meinungen über die Unterbringung in Entziehungsanstalten. Kronbügel habe sein Wissen vermutlich von Mitgefangenen, die die Entziehungsanstalt abgebrochen haben, also nicht erfolgreich gewesen seien. Es gäbe aber auch positive Meinungen. Sachverständigen gelänge meistens nicht, Menschen von der positiven Wirkung einer Klinik zu überzeugen, die dies nicht wollen würden. Auch Kronbügel habe er nicht überzeugen können, er habe „0,0 Interesse daran“.
Richterin Wende-Spors fragt nun nach den Angaben von Kronbügel gegenüber dem Sachverständigen V. zum Tatvorwurf. Sie fragt V. ob Kronbügel klar gewesen sei, was er tue und wie dies strafrechtlich zu bewerten sei. V. gab daraufhin an, dass Kronbügel ihm gegenüber aussagt habe, er habe gedacht, er würde eine Ordnungswidrigkeit begehen und irgendwann Post von der Polizei mit einer Geldstrafe bekommen. Er sei sehr überrascht über die Verhaftung gewesen. Er habe nicht gedacht, dass seine Tat gefährlich sei, sondern habe sie für eine Banalität gehalten.
Nun fragt Richterin Wende-Spors zu den Tests und Checklisten zur Prognose der erneuten Straffälligkeit in Bezug auf Gewaltdelikte von Kronbügel. Sachverständiger V. erläutert daraufhin das Verfahren des Prognosetests. Es handle sich dabei um eine Liste mit zwölf Faktoren, die anhand der Aktenlage ausgewertet werden könne und auf deren Grundlage Angaben zum zukünftigen gewalttätigen Verhalten gemacht werden können. Es würden die Faktoren: ,bis 16 bei den Eltern gelebt‘, ,Probleme in der Schule‘, ,Alkoholprobleme‘, ,Zivilstand‘ (soziale Beziehungen), ,Bewährungsversagen‘, ,frühere Haftstrafen‘, ‚Alter zum Tatzeitpunkt‘, ,Indexdelikt‘, ,frühere Sexualdelikte‘, ,gewalttätige Vordelikte‘ und ,nicht-gewalttätige Vordelikte‘ sowie ,Antisozialität’ abgefragt, für die es jeweils Plus- oder Minuspunkte gebe. Somit errechne sich ein Ergebnis. Kronbügel habe die zweithöchste Risikostufe, Kategorie 8 von 9. In dieser Kategorie liege die Wahrscheinlichkeit der erneuten Begehung von Gewaltdelikten bei 52% in den nächsten 5 Jahren, bei 78% in den nächsten 12 Jahren. Im Falle von Kronbügel müsse man allerdings berücksichtigen, dass er in den letzten 9 Jahren keine Gewaltdelikte begangen habe. Die Wahrscheinlichkeit, erneut Gewaltdelikte zu begehen, reduziere sich für ihn deshalb auf 22% in 5 Jahren und 33% innerhalb der nächsten 12 Jahre.
Richterin Wende-Spors fragt weiter nach der vorgenommenen Diagnose des Sachverständigen V. und warum diese keinen Krankheitswert und somit nicht forensisch relevant sei. Sie berichtet von anderen Prozessen, in denen Persönlichkeitsstörungen durchaus relevant für den Prozess und die Beurteilung waren. Sie fragt wieso der Sachverständige V. dies hier nicht so sehe. Der Sachverständige V. erklärt erneut, dass die dissoziative Persönlichkeitsstörung, welche sich u.a. durch sozial abweichendes Verhalten zeige, für sich allein keinen Krankheitswert habe. Nur wenn sie mit anderen Formen von Persönlichkeitsstörungen und psychischer Erkrankung einherginge, würde sie forensische Relevanz haben. Er beschreibt, dass Kronbügel anders als Menschen mit einer schweren Persönlichkeitsstörung durchaus in der Lage sei, Anpassungsleistungen zu erbringen und sich aktiv entscheiden könne, nicht gewalttätig zu handeln, wie er dies z.B. während seiner Haft getan habe. Wende-Spors wendet ein, dass die Haft einen geschützten Raum darstelle und fragt, wie es außerhalb der Haft gewesen sei. V. erwidert, nach Zeug*innenabgaben habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass Kronbügel sich grob auffällig oder pathologisch verhalten hätte. V. sagt weiter, er ginge davon aus, dass es bei Kronbügel eine Art „innere Einkehr, sich nicht mehr ‚so‘ verhalten zu wollen“ gäbe. Darüber hinaus haben Zeug*innen ausgesagt, Kronbügel hätte sich ihnen gegenüber nicht nur turbulent, sondern insbesondere in Beziehungen auch oft ruhig und „charming“ verhalten. Schlussfolgernd fügt er hinzu, dass er bei Kronbügel keinen vorhandenen Leidensdruck habe erkennen könne. Dies sei bei Personen mit starker Persönlichkeitsstörung mit Krankheitswert anders.
Anschließend fragt die Richterin nach V.s Begutachtung zu Kronbügels Alkoholabhängigkeit und den Berechnungen des Alkoholwertes von 2,6-2,9 zum Tatzeitpunkt. V. erläutert die Berechnung des Alkoholwertes. Hierbei habe er sich auf Kronbügels Angabe gegenüber der Polizei, am Tattag 10 halbe Liter Bier getrunken zu haben, gestützt. Er habe mit dieser Literangabe, einem Alkoholwert von 5,9 % pro Bier, dem Körpergewicht von Kronbügel und der Rate, die der Körper den Alkohol wieder abbaut einen Alkoholwert von 2,6-2,9 für den Tatzeitpunkt errechnet. Daraus schließt V., dass die Voraussetzungen für §20 StGB (Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störung) nicht gegeben sei. Auch §21 StGB (verminderte Schuldunfähigkeit) sei seines Erachtens nach unzutreffend. Es läge keine erheblich erminderte Steuerungsfähigkeit vor. Die Videoaufnahmen der Tat und die Zeug*innenaussagen sprächen trotz der hohen Alkoholisierung Kronbügels zum Tatzeitpunkt gegen starke äußere Auswirkungen, es seien kaum körperliche und kognitive Effekte sichtbar gewesen. Der Alkoholkonsum könne allerdings Auswirkungen auf innere Aspekte gehabt haben, z.B. eine Senkung der Hemmschwelle oder das Aufschieben von Bedürfnissen. In der Gesamtbetrachtung spräche, so der Sachverständige V., in dem Fall von Kronbügel vieles gegen eine erheblich geminderte Steuerungsfähigkeit und nur sehr wenig dafür. Ausschließen könne er es allerdings nicht. Kronbügels Dissozialität und die fehlende Rücksichtnahme auf andere Personen spiele eine große Rolle, der relevante Alkoholkonsum müsse aber auch berücksichtigt werden.
Nach der Mittagspause geht die Befragung des Sachverständigen V. zum psychiatrischen Gutachten Kronbügels weiter. Richterin Wende-Spors fragt nach der Risikobewertung für erneute Gewalttaten und die damit verbundene Berechnung. Allen 12 Faktoren werde jeweils ein Punktwert zugewiesen. Sie fragt ob dieser bei allen Faktorengleich sei, z.B. immer von -10 bis +10 divergiere. Der Sachverständige V. erklärt, dass dies abhängig von der jeweiligen Kategorie sei. Bei einigen Faktoren differierten die Punkte von -2 bis +2, bei anderen von -5 bis +5.
Nun fragt Richterin Wende-Spors, warum V. von 5,9% Alkoholgehalt pro Bier ausgegangen sei, dies sei doch eher Starkbier und ob es nicht möglich sei, dass weniger Alkohol enthalten war. Der Sachverständige V. gibt an, dass der Alkoholgehalt zwischen 4,9% und 6,5% liegen könne, er bei der Berechnung mit 5,9% von der Normalversion eines Bieres ausgegangen sei. Er wisse nicht welche Sorte Bier Kronbügel am Tattag getrunken habe.
Richterin Wende-Spors fragt nach der Möglichkeit, eine Therapiebereitschaft zu wecken. Der Sachverständige V. erläutert, dass er keine Entwicklung in diese Richtung sehe. So sei zwar die Weckung der Therapiebereitschaft im Rahmen einer angeordneten Unterbringung möglich, dies erfordere allerdings mehrere Monate Behandlung. Zuvor skeptische Patienten seien überrascht darüber, wie die Therapie wirklich sei und könnten neue Angebote für sich entdecken. Es sei aber nicht klar, ob dies gelänge. Bei Kronbügel bestünde aktuell eine feste Meinung, keine Bereitschaft für eine Therapie zu zeigen. Diese könnte sich maximal über mehrere Monate entwickeln.
Ungefragt ergreift Kronbügel an dieser Stelle selbst das Wort und bestätigt die fehlende Bereitschaft in eine Entziehungsanstalt zu gehen. Richterin Wende-Spors fragt dann noch einmal den Sachverständigen V. wie lange eine solche Therapie dauern würde, bis sie Erfolg hätte. Der Sachverständige erläutert, dass Maßnahmen über §64 StGB im Durchschnitt zwei Jahre Klinikaufenthalt zur Folge hätten.
Das Fragerecht wird an die Staatsanwältin übergeben. Diese fragt nach ob der Sachverständige V. eine Erklärung abgeben können warum die Gewaltdelikte von Kronbügel in den letzten Jahren abgenommen hätten und er nur noch Eigentumsdelikte begangen hätte. Sie fragt ob dies eine Erscheinung der altersgemäßen Abnahme sei. Der Sachverständige erläutert, dass es schwer sei diese Frage zu beantworten, da er mit Kronbügel selbst nicht darüber gesprochen habe. Statistisch gäbe es den Effekt, dass im Alter von 50-60 Jahren die Straftaten abnehmen. Er vermute bei Kronbügel aber eher eine innere Veränderung, eine innerliche Motivation zu „das mache ich nicht mehr“, da er trotz Risiken von Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum und seinem sozialen Milieu weniger Taten begehen würde.
Anschließend fragt die Staatsanwältin nach der prozentualen Verringerung von Straftaten von Personen mit Persönlichkeitsstörung und Alkoholsucht, wenn eine Therapie gemacht würde. Der Sachverständige erläutert, dass eine Therapie zu einer durchschnittlichen Gefährdung Straftaten zu begehen führen könne, statt einer überdurchschnittlichen. Sie habe somit einen großen Effekt.
Die Staatsanwältin bezieht sich nun auf Aussagen der Zeugin Sissy B.. Diese gab an, Kronbügel sei überheblich, mache sich über Arbeitende und die Justiz lustig und übe gerne Macht über andere aus. Sie fragt, in wie weit dies klassische Symptome einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung seien. Der Sachverständige V. erklärt, dass das ‚Lächerlich finden wenn sich andere an Regeln halten, wenn man doch auch so durchkommt‘ und sich über andere zu erheben Merkmale sein können. Er bezeichnet das Bedürfnis, innere Wutgefühle direkt auszuleben als besonderes Kennzeichen der Störung. Die Gewalt, Kronbügels Lust, diese auszuleben und dann loszugehen und jemanden zu verprügeln spreche eher für ein Gewaltproblem als für ein Machtproblem. Die Staatsanwältin hakt hier ein und fragt, in wie weit die von Zeug*innen ausgesagte Freude Kronbügels über die Böllerzündung als Macht gewertet werden könne. Der Sachverständige zögert lange. Es spreche für eigene Lust- und Bedürfnisbefriedigung und für eine fehlende Empathie, weniger für Macht.
Anschließend fragt die Staatsanwältin den Sachverständigen V., ob er mit Kronbügel mal über dessen politische Einstellung gesprochen habe. Der Sachverständige erklärt, dass er diesbezüglich kurz mit Kronbügel gesprochen habe. Es bestünden nach der Aussage von Kronbügel keine Anbindung mehr an die rechte Szene, er sei nach eigenen Angaben auch zu alt. Früher wäre er zum Fußball gegangen, das täte er mittlerweile nicht mehr. V. gab an, dass Kronbügel ihm gegenüber gesagt habe, die Tat habe kein rassistisches oder rechtsradikales Motiv.
Nun befragt der Verteidiger den Sachverständigen zu seinem Gutachten. Zuerst fragt er nach der Anzahl der Böller. Seines Erachtens stünde in dem Gutachten von V., dass Kronbügel gegenüber V. angegeben habe, es seien mehrere Böller in der Tüte gewesen, er habe aber nur einen gezündet. Der Sachverständige bestätigt dies.
Anschließend fragt der Verteidiger nach der Tendenz zur abnehmenden Gewaltbereitschaft in Bezug auf den Alkoholkonsum. Da Kronbügel mittlerweile keinen harten Alkohol mehr tränke, sondern nur noch Bier. Der Sachverständige entgegnet, dass hierfür vor allem die Menge an Alkohol entscheidend sei. Eine Flasche Korn entspreche zehn halben Litern Bier, was die Menge an Alkohol angehe. Bier sei ein kontrollierterer Alkoholkonsum, weil der Zeitraum länger sei. Unkontrolliertes Handeln erfolge unter Korn schneller, weil er schneller wirke. Insgesamt bewertet V. den Konsum von Bier als einen „etwas fürsorglicheren Umgang mit sich selbst“.
Der Verteidiger geht nun auf die alkoholbedingten Ausfallerscheinungen, sichtbar in den Videoaufzeichnungen der S-Bahn zum Tatzeitpunkt ein. Der Verteidiger führt an, man könne sehen wie Kronbügels Kopf immer wieder leicht herunterfällt, als ob er einschlafen würde. Er fragt, ob dies alkoholbedingt sein könne. Der Sachverständige erläutert, dass dies durchaus eine alkoholbedingte Ausfallerscheinung sein könne, es könne aber auch bedingt sein durch wenig Schlaf in der Nacht zuvor oder in den vorherigen Tagen. Der Verteidiger fragt ob dies Relevant für die Betrachtung nach §21 StGB sei. Der Sachverständige V. gibt an dies sei ein weiterer kleiner Hinweis dafür, während und nach der Tat seien diese Ausfallerscheinungen aber nicht mehr sichtbar gewesen. Er wiederholt, dass er sich überwiegend gegen die Anwendbarkeit des §21 StGB ausspricht.
Der Verteidiger geht darauf ein, dass der Sachverständige V. an einer Stelle von einem planvollen Vorgehen Kronbügels gesprochen habe. Der Sachverständige entgegnet er spräche nicht von einem planvollen Vorgehen. Kronbügel habe ihm gegen über keine Aussagen gemacht, ob die Tat geplant gewesen sei. Er habe aber zielgerichtet agiert. Er habe den richtigen Moment abgepasst, darauf geachtet, dass die Menschen weit genug weg gewesen seien und die S-Bahn eingefahren sei. Der Verteidiger fragt nun ob der Sachverständige V. in früheren Taten Kronbügels längerfristige Planungen entdecken habe können. V. erklärt, dass das wiederholte und gemeinsam mit anderen losziehen, um Aggressionen auszuleben, nicht aus dem Stand, sondern durchaus überlegt passiert sei.
Der Verteidiger fragt, in wie weit es zur Struktur einer dissozialen Persönlichkeitsstörung gehöre, sich keine Gedanken über die Konsequenzen der Tat und die Auswirkungen auf andere zu machen. Der Sachverständige bestätigt, dass die Folgen nur hinsichtlich der eigenen Person betrachtet würden. Es würde nicht an andere gedacht, die Empathie ginge verloren. Der Verteidiger hakte ein, in wie weit sich Konsequenzen für andere nicht bewusstgemacht oder nicht berücksichtigt werden würden. V. bestätigt die fehlende Berücksichtigung. Dadurch, dass Kronbügel angäbe darauf geachtet zu haben, dass alle Menschen mindestens 10 Meter entfernt waren, habe er aber ja an andere gedacht.
Kronbügel ergreift an dieser Stelle noch einmal das Wort. Er gibt an, sich durchaus über die Maßnahmen des §64. StGB informiert zu haben. Er würde allerdings nicht freiwillig dorthin gehen, könne nur mit Gewalt hingebracht werden. Er würde für sich keinen Zwang wollen. Er verurteile die Maßnahme §64 StGB nicht generell, sähe aber für sich keinen Sinn darin.
Die Richterin Wende-Spors fragt daraufhin Kronbügel ob er darüber nachgedacht habe, dass eine Therapie auch die Gefahr der erneuten Gewalt mindern könne und sie es nicht allein deswegen wert sei. Zudem könne ihm die Therapie helfen in eine Struktur zurückzukommen und eine eigene Wohnung zu finden. Kronbügel entgegnet, dass er dies nicht wolle. Er sei zufrieden mit seinem Leben gewesen, wolle keine eigene Wohnung und habe ansonsten noch nicht darüber nachgedacht. Diese Haft solle seine letzte Runde sein. Er sehe ein, dass er langsam zu alt für den Konsum sei. Auch aufgrund seiner Lebererkrankung wolle seinen Alkoholkonsum reduzieren und die Abstinenzphasen verlängern, so habe er das mit dem Rauchen auch geschafft. Er könne aber auch ohne geregelten Entzug aufhören zu trinken. Er sei darüber hinaus „durchaus gewillt keine weiteren Straftaten zu begehen“.
Zum Schluss fragt die Richterin Wende-Spors, ob Kronbügel noch Fragen zum Gutachten vom Sachverständigen V. habe, was dieser verneint.
Im Anschluss an die Rückfragen zum Gutachten wird bekannt gegeben, dass es erneuten Kontakt zwischen Richter Finke und dem Sachverständigen W. [für die Sprengversuche] gegeben habe. Die benötigte Druckmesstechnik stünde dem Sachverständigen W. zurzeit nicht zur Verfügung. Er wurde von Richter Finke an die Eilbedürftigkeit der Angelegenheit erinnert und angehalten, die Sprengungen schnell durchzuführen. Er sei für den 27.9. vorgeladen und solle alles in Bewegung setzen, um die Sprengungen vorher durchzuführen. Diesbezüglich gab es auch Kontakt von Richter Finke mit dem BKA, ob die benötigte Druckmesstechnik dort zur Verfügung stünde. Dies habe das BKA mit der Begründung abgelehnt, die benötigte Technik sei für die nächsten Monate bereits verplant.
Der Rechtsmediziner R. sei für den 8.10. geladen und benötige für sein Gutachten die Daten des Gutachtens vom Sachverständigen W.
Zuletzt äußert sich die Staatsanwältin zum gestellten Antrag des Verteidigers, die Zeugin Sissy B. einer psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, sollten ihre Aussagen für die Urteilssprechung relevant werden. Die Staatsanwältin erläutert, dass eine Glaubwürdigkeitsbegutachtung nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden würde. Dieser läge in diesem Fall nicht vor. Die Hintergründe und die psychische Situation seien in der Verhandlung ausreichend beleuchtet worden. Die eigene Sachkunde würde, so die Staatsanwältin, ausreichen, um die Aussagen zu bewerten. Darüber hinaus sei sie keine Tatzeugin und könne lediglich Angaben zur Ankündigung der Tat machen. Es würde keine Verurteilung aufgrund ihrer Aussage erfolgen, diese hätte lediglich indizielle Wirkung. Sie spricht sich für einen Verzicht auf ein Gutachten aus.
Der Prozesstag wird beendet. Der Verteidiger fragt ob die DVD, welche, wie beim Prozesstag 12 erläutert, vom LKA zugesandt wurde noch neue Erkenntnisse liefere. Richter Finke verneint dies, die DVD würde lediglich Aufnahmen beinhalten, welche bereits zuvor gesichtet wurden. Sie stünde aber jederzeit zur Sichtung zur Verfügung.
Der Prozess wird am 27.9. um 13 Uhr fortgesetzt. Aufgrund des längeren Anfahrtsweges des Sachverständigen W. wird der Prozesstag vorsorglich bis 17 Uhr verlängert.

Pressemitteilung: Keine Entpolitisierung des Veddeler Nazi-Anschlags

Pressemitteilung der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Süleyman Taşköprü
und des Hamburger Bündnis gegen Rechts vom 29.10.2018:

Die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Süleyman Taşköprü und das Hamburger Bündnis gegen Rechts stellen sich gegen eine Entpolitisierung des Anschlags am S-Bahnhof Veddel im Dezember 2017.
Für die anstehende Urteilsverkündung im Prozess gegen den Neonazi Stephan Kronbügel fordern wir mit dieser gemeinsamen Pressemitteilung, dass der rechte Hintergrund der Tat deutlich benannt wird. Der Ort, die
Vorgehensweise und die Vergangenheit des Tatverdächtigen Kronbügels sprachen schon von Beginn an für einen solchen Hintergrund, eine Bestätigung dieses Eindrucks hat der Prozess geliefert.

Als antifaschistisch engagierte Initiativen waren wir bestürzt über den Anschlag am S-Bahnhof Veddel vom 17.12.2017 durch den wegen des Totschlags an Gustav Schneeclaus im Jahr 1992 verurteilten Neonazi
Stephan Kronbügel. Schnell nach dem Anschlag drängten sich durch die Verwendung des gewählten Sprengsatzes mit Schrauben und die Auswahl eines Stadtteils, der migrantisch und linksalternativ geprägt ist,
Erinnerungen an Sprengstoffanschläge des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) sowie der „Gruppe Freital“ auf.

Indes behauptete die Polizei in den ersten Wochen nach dem Sprengstoffanschlag, dass es keinen politischen Hintergrund gäbe, da Kronbügel nur noch der „Trinkerszene“ zugerechnet werde und nicht mehr
neonazistisch organisiert sei. Wie so häufig wird auch hier eine rechtsextreme Organisierung und nicht die politische Orientierung Bedingung, um eine Tat als rechtsextrem motiviert zu bewerten. Die Darstellung wurde von vielen Medien übernommen, wie auch bis heute der Sprengstoff als „Böller“ verharmlost wird. An der Verharmlosung und Entpolitisierung änderte auch die gleichzeitige Thematisierung der rechtsextremen Vergangenheit Kronbügels nichts.

Im Prozess offenbarte sich jedoch die nach wie vor völkisch-rassistische Einstellung Kronbügels, welche er nach Zeug*innenaussagen auch in jüngster Vergangenheit noch äußerte. Die Zeug*innen wurden teilweise vor
Gericht erstmals vernommen, nachdem sie sich zum Teil unaufgefordert gemeldet hatten. So auch eine ehemalige Lebenspartnerin von Kronbügel, die angab, das zuständige Jugendamt schon im Vorfeld vor einem möglichen
Anschlag gewarnt und unmittelbar danach der Polizei gegenüber eine ihn belastende Aussage gemacht zu haben. Kronbügel habe ihr gegenüber bereits im Sommer 2017 davon gesprochen, er wolle „die Bombe platzen
lassen“. Der zuständige Polizist konnte sich im Prozess jedoch angeblich nicht mehr daran erinnern. Polizeiliche Ermittlungen wurden weder damals noch im Zuge des Sprengstoffanschlags aufgenommen.

Auch die Beharrlichkeit der Vorsitzenden Richterin hat dazu beigetragen, dass die lückenhafte Beweisaufnahme im Prozess umfangreich ergänzt wurde. Ebenso wurde durch die vom Gericht in Auftrag gegebenen kriminaltechnischen und rechtsmedizinischen Gutachten deutlich, dass die
verwendeten Sprengsätze auch auf mehrere Meter potentiell tödlich wirken können.
„Nichtsdestotrotz bleiben Fragen offen“, so resümiert die Gruppe der Prozessbeobachtung: „Der Prozess hat in umfassender Weise die rechtsextreme Biografie des Täters und seine andauernde Bereitschaft,
diese in rechtsextrem motivierten Taten zum Ausdruck zu bringen, hervorgebracht. Fragen nach möglichen weiteren Beteiligten wurde, auch bedingt durch die fehlende polizeiliche Ermittlungsarbeit, jedoch nicht
weiter nachgegangen. Antifaschistische Prozessbeobachtungen als Moment der Gegenöffentlichkeit sind notwendig, um die Ermittlungsbehörden und auch die Gerichte mit ihrer entpolitisierenden und verharmlosenden
Perspektive nicht durchkommen zu lassen.“

Die Verkündung des Urteils gegen Stephan Kronbügel ist für den 29.10. um 14 Uhr angesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat für acht Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes in vier Fällen plädiert, den
politischen Hintergrund Kronbügels jedoch trotz eindeutiger diesbezüglicher Beweislage außer Acht gelassen. Dabei wurde die mörderische Dimension des Anschlags durch die Frage der Staatsanwaltschaft zu Beginn des Prozesses „was jemand vorhabe, der
einen Sprengsatz mit Nägeln zündet“, verdeutlicht. „Warum aber vermeidet sie es angesichts dessen, dass der Anschlag BewohnerInnen eines migrantisch geprägten Viertels galt, die Frage nach dem Tatmotiv zu
stellen: Wem sollte der Sprengstoffanschlag gelten und warum?“, so Felix Krebs vom Hamburger Bündnis gegen Rechts.

„Eine Lehre aus dem NSU-Komplex muss es sein, rassistische und neonazistische Gewalt deutlich zu benennen und ihr gesamtgesellschaftlich entgegenzutreten. Der NSU-Prozess hat gezeigt, dass die Entpolitisierung rassistischer Gewalt die Neonaziszene
motiviert. Wir können uns im Veddel-Prozess nicht damit zufrieden geben wenn zwar die Schwere der Tat, nicht aber ihr rassistisch-neonazistischer Hintergrund juristisch verhandelt und zum Gegenstand der öffentlichen Debatte wird“ sagt Robert Steinbrügge von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Süleyman Taşköprü.

Vorläufige Einschätzung zum Ende des Prozess gegen Stephan Kronbügel

1. Der Anschlag auf der Veddel – Ein rechtes Tatmotiv
Am 17. Dezember 2017 wurde um 17:35 Uhr ein Sprengsatz mit Schrauben auf dem Bahnsteig des S-Bahnhof Hamburg Veddel gezündet. In den darauf folgenden Stunden gab es eine polizeiliche Nachrichtensperre und es wurde betont, dass es keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund gebe. Einen Tag später identifizierte ein „Bürgernaher Beamter“ anhand von Videoaufzeichnungen Stephan Kronbügel als möglichen Tatverdächtigen und nahm diesen in Harburg fest. Die Zündung eines Sprengsatzes mit Schrauben in einem migrantisch geprägten Stadtteil, wie der Veddel beziehungsweise Wilhelmsburg, erinnerte direkt nach der Tat viele Menschen an die rassistischen Anschläge in der Keupstraße durch den NSU 2004 und an den Anschlag auf dem S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn 2000. Nicht nur die Opferauswahl auch die Vorgehensweise, einen Sprengsatz aus Böllern und Schrauben zu zünden, wies auf Rechte als mögliche Täter_innen hin. Am darauf folgenden Freitagabend, den 22. Dezember 2017, kamen hunderte Menschen zu einer Demonstration auf der Veddel zusammen, um auf die rassistische Dimension des Anschlags hinzuweisen und ihn als möglichen rechten Terror zu benennen.
Wenige Tage nach seiner Festnahme gestand Stephan Kronbügel die Tat und gab an, er sei an dem Abend betrunken gewesen. Antifaschistische Recherchen wiesen nach Bekanntwerden seines Namens auf seine biografischen Kontinuitäten in der neonazistischen Rechten hin. Bereits 1992 schlug er zusammen mit dem Neonazi-Funktionär Stefan Silar den Kapitän Gustav Schneeclaus tot, nachdem dieser Hitler als den größten Verbrecher bezeichnet hatte. Ein rechtes Tatmotiv wurde von Polizei und Medien jedoch verneint mit dem Hinweis, Kronbügel sei nicht mehr in der Neonaziszene organisiert und nur noch Teil der Harburger Trinkerszene.

2. Der Prozess
Seit dem 27. Juni 2018 läuft der Prozess am Landgericht Hamburg und die Anklage gegen Stephan Kronbügel lautet auf versuchten, heimtückischen Mord, die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, Körperverletzung, die Gefährdung von Leib und Leben sowie Sachbeschädigung. Zahlreiche Erkenntnisse wurden in den vergangenen 16 Verhandlungstagen herausgearbeitet, die diese Anklage weiterhin rechtfertigen. Das Gericht konnte dabei mehr zu Tage fördern, als die vorherigen polizeilichen Ermittlungen. Insbesondere die Vorsitzende Richterin zeigte sich engagiert, indem sie großen Wert auf professionelle Sachverständige legte, mit der Verlesung von Kronbügels Vorstrafen seine Vergangenheit in den Prozess einbrachte und sich von Zeug_innen nicht einschüchtern ließ. Ein ähnliches Engagement für den Prozess zeigte die Staatsanwältin hingegen nicht.

2.1 Zeug_innen und Ermittlungen
Als Zeug_in meldete sich nach Beginn des Prozess Kronbügels Ex-Freundin S.B., die aussagte, Kronbügel hätte mit einem Anschlag bereits vor der Tat im Dezember 2017 gedroht und sei immer rechts geblieben und verehre Hitler. In der Folge wurde sie zu einer der Hauptbelastungszeug_innen. Unterstützung erhielt sie im Prozess durch Aussagen ihrer Freund_innen, die sich im Umfeld der neonazistischen Rechtsrockbands Abtrimo bewegen und die sich selbst versuchten als ‚normale Leute mit gesunden Patriotismus‘ zu entpolitisieren. S.B. gab an, sie habe Angst vor Gewalt durch Kronbügel und um die gemeinsamen Kinder mit Kronbügel.
Als Zeug_innen wurde auch das Harburger Umfeld des Angeklagten geladen. Durch Nachfragen wurden die rassistischen Einstellungen dieser Personen schnell deutlich, die sie als „normal“ benannten und mit dem Verweis, Kronbügel habe „auch ausländische Freunde“, versuchten ihn zu schützen.
Die als Zeug_innen auftretenden Hamburger Polizeibeamt_innen ließen ihre eigene Ermittlungsarbeit in keinem guten Licht erscheinen: Es wurde deutlich, dass der Tatort nicht schnell genug abgesperrt wurde, ihn also Personen betraten und vor Ort keine Zeug_innen aufgehalten und befragt wurden. Es gab offenbar auch keine großen Ermittlungen von Personen im Umfeld Kronbügels, die angemessen für die Ermittlung eines möglichen politischen Motivs gewesen wären. Entsprechend konnte es kaum verwundern, dass mit S.B. die Hauptbelastungszeugin nicht aus den Ermittlungen kommt, sondern sie sich selbstständig beim Gericht gemeldet hat.
Warum die Angaben und Warnungen von S.B., dass Kronbügel ihr angekündigt habe, „eine Bombe platzen“ lassen zu wollen, vom lokalen Polizeibeamten vor und nach der Tat nicht gehört und ernst genommen wurden, konnte dieser aus unserer Perspektive in seiner Aussage nicht eindeutig erklären. Den Hinweis B.s, dass Kronbügel nach rechts tendiere, Rechtsrock höre und seine Kinder damit beeinflusse, hätten beim Kontakt mit der Familie nicht im Vordergrund gestanden, sondern die Klärung von Störungen. In einer konkreten Situation hätte Kronbügel, trotz seines alkoholisierten Zustandes „recht vernünftig gewirkt“.
Rechte und rassistische Einstellungen konnte auch der „Bürgernahe Beamte“ aus Harburg, der Kronbügel festnahm, bei Kronbügel und der Harburger „Trinkerszene“ nicht erkennen. Dass in Kronbügels Umfeld solche Einstellungen vorhanden sind, wurde in Aussagen vor Gericht jedoch deutlich.

2.2 Die Verteidigung und Stephan Kronbügel
Im Prozess wird Kronbügel von einem Pflichtverteidiger vertreten. Bereits am ersten Verhandlungstag ließ Kronbügel durch ihn eine Einlassung verlesen, in der er behauptete, es tue ihm Leid und dass ihm nicht bewusst gewesen sei, dass er mit dem verwendeten Sprengsatz Menschen hätte töten können. Zu seiner Motivation zu der Tat gab er an, dass er nur Leute haben erschrecken wollen. In weiteren Angaben zu seiner Person, gab er an, er habe „nichts gegen Ausländer“, wenn sich diese anpassten. Den Hitlergruß hätte er in der Vergangenheit nur als Provokation gemacht und der Totschlag an Gustav Schneeclaus sei für ihn nicht politisch. An der rechten Skinheadszene habe ihn der Haarschnitt, die Stiefel und das Outfit gefallen. Trotz aller Versuche, sich inzwischen als unpolitisch darzustellen, beschrieb Kronbügel sich selbst als „heimatverbunden“, „völkisch“ und „artbewusst“ und benutzte damit ein Vokabular, das als neonazistisch einzuordnen ist.
Sein Verteidiger zeigte sich im laufenden Prozess als engagierter Strafverteidiger, dem es auch gelang, polizeiliche Ermittlungsfehler und -versäumnisse aufzuzeigen. Auffällig waren seine Nachfragen nach den politischen Einstellungen von S.B. und ihren Freund_innen, deren Interesse aus Sicht der Prozessbeobachtung die Verurteilung Kronbügels zu sein scheint. Darüber hinaus versuchte er, die psychische Gesundheit und Fähigkeiten von S.B. in Frage zu stellen und beantragte ein psychiatrisches Gutachten zu ihr.
Der psychiatrische Gutachter sieht bei Kronbügel keine schwere psychische Störung. Er habe ein „Gewaltproblem“. Insgesamt sei er zwölf Mal wegen Körperverletzung, Totschlag und Vergewaltigung verurteilt worden. Durch die Verlesung der bisherigen Urteile von Kronbügel als auch durch die Aussagen von S.B. wurde deutlich, dass Kronbügel immer wieder gewaltig geworden ist und keine Verbesserungen zu erwarten sind. Alle Taten habe er unter Alkoholeinfluss begangen. Es bestehe kein Zweifel daran, dass Kronbügel Alkoholiker sei, vermutlich seit er 17 oder 18 Jahre alt war. Dies ist Kronbügel bewusst und dennoch lehnt er eine stationäre Therapie ab. Trotz einem hohen täglichen Alkoholkonsum wirkte Kronbügel während der Tatausführung auf viele Zeug_innen wenig alkoholisiert, was an einer zunehmenden Toleranz gegenüber Alkohol liegen mag, so der Gutachter. Während der Verhandlungstage vor Gericht wirkte Kronbügel in Anbetracht von fast 30 Jahren Alkoholismus physisch relativ klar und fit. Mal wirkte er unbeteiligt, mal las er interessiert in den Akten. Punktuell wirkte er aggressiv.

3. Einschätzungen der Prozessbeobachtung
Über die konkrete Frage der Schuld Kronbügels hat der Prozess laut Charlie Brügge, Teil der Prozessbeobachtung zum rechten Terroranschlag auf der Veddel, Folgendes gezeigt:

> „Durch Gutachten von Sachverständigen im Prozess wurde die potentielle tödliche Dimension der gezündeten Sprengkörper belegt.
> Durch eine engagierte Prozessführung ist es möglich über die polizeilichen Ermittlungen hinausgehende Erkenntnisse über die Tat, Motivationen und Hintergründe mit einzubeziehen. Dies stellt insbesondere in Fällen rechten und rassistischer Gewalttaten keine Selbstverständlichkeit dar.
> Ebenfalls zeigt der Prozess die Strategien von extrem Rechten, sich selbst und ihre Taten als unpolitisch darzustellen.
> Obwohl die Hamburger Ermittlungsbehörden und der Senat angeben aus dem NSU-Mord an Süleyman Taşköprü und den eigenen Ermittlungsversagen gelernt zu haben, verdeutlicht dieser Prozess, wie wenig Sensibilität Hamburger Polizeibeamt_innen gegenüber rechten und rassistischen Tatmotiven haben. Vielmehr wird den rechten Entpolitsierungsstrategien geglaubt. Ein Bewusstsein, wie rechter Terror funktioniert und was dieser für Betroffene von Rassismus und Antisemitismus ausmacht, war nicht zu erkennen. Die rassistische Dimension der Tat wird damit zu einem Fehltritt einer Einzelperson erklärt.
> Auch ein Teil der medialen Berichterstattung begünstigt diese Deutung und thematisiert nicht die beabsichtigte Wirkung der Tat und ihre gesellschaftliche Dimension. Außerdem wird die Gefahr von überzeugten Neonazis, die als Einzeltäter_innen aktiv werden, nicht verstanden. In den vergangenen Jahren gibt es verschiedene Beispiele rechter Gewalttaten einzelner Neonazis, deren politische Einstellungen und Gewaltpotentiale seit Jahrzehnten bekannt sind, und die sich nun durch den politischen Rechtsruck bestärkt fühlen, zu handeln. Neben Frank Steffen, der 2015 vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker mit einem Messer niederstach, ist auch Kronbügel als ein solcher überzeugter Neonazi einzuordnen.“

Prozessbeobachtung zum rechten Terroranschlag auf der Veddel, am 9. Oktober 2018

Mittwoch 10.10.: Urteilsverkündung im Veddel Prozess

Seit dem 27. Juni 2018 läuft der Prozess gegen Stephan Kronbügel. Dieser ist angeklagt am 17. Dezember 2017 auf dem S-Bahnhof Veddel einen Sprengstoffanschlag verübt zu haben. Die Anklage lautet inzwischen auf versuchten Mord. Kronbügel ist kein Unbekannter, sondern bekannter Neonazi und Gewalttäter. 1992 schlug er zusammen mit dem Neonazi-Funktionär Stefan Silar den Kapitän Gustav Schneeclaus tot, nachdem dieser Hitler als den größten Verbrecher bezeichnet hatte. Die Zündung eines Sprengsatz mit Nägeln in einem migrantisch geprägten Stadtteil erinnerte direkt nach der Tat viele Menschen an die rassistischen Anschläge in der Keupstraße des NSU bzw. auf den S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn. So kamen bereits am 22. Dezember 2017 hunderte Menschen zu einer Demonstration auf der Veddel zusammen, um auf die rassistische Dimension des Anschlags hinzuweisen und ihn als rechten Terror zu benennen, da die Tat eben darauf zielte Verunsicherung und Angst zu schaffen. Trotz der Mordanklage und der eindeutigen Biografie Kronbügels bleibt bisher eine entsprechende Aufmerksamkeit von Linken, Medien und Gesellschaft in Hamburg aus. Stattdessen wird der (Selbst-) Darstellung Kronbügels, er sei ein Trinker und inzwischen nicht mehr politisch aktiv, gefolgt und die rassistische Dimension und die Wirkung dieses rechten Terrors ignoriert.

Am Mittwoch den 10.10. werden die Plädoyers und das Urteil gesprochen. Kommt zur Urteilsverkündung!

Mittwoch 10.10. – 9:15 Uhr – Landgericht (Sievekingplatz 3, 20355 Hamburg)

Eine vorläufige Einschätzung zum Urteil werden wir Anfang der Woche hier veröffentlichen.

13. Verhandlungstag – Unklarheiten und Verlesung weiterer Urteile

13. Verhandlungstag 07.09.2018

Die Vorsitzende Richterin kündigt für den heutigen Prozesstag die erneute Ladung der Zeugin S.B. für 11 Uhr an. Anschließend verkündet sie die Bekanntgabe von E-Mailverkehr und Telefonvermerken, die der laut Wende-Spors hierbei sehr engagierte Richter Finke in der „unendlichen Geschichte der Sprengversuche“ erstellt habe. Eigentlich habe die BAM (Bundesanstalt für Materialprüfung und -forschung) in Berlin die Sprengung zugesagt, dazu sei Herr K. (Sachverständiger im Prozess, geladen am 15.08.18, siehe Protokoll vom 9. Verhandlungstag) nun aber nicht mehr bereit. Sie hätten vor Ort selbst so viel zu tun, dass die Sprengung frühestens im Dezember durchführbar sein. Diese Information wird von Wende-Spors als „wirkliches Unding“ bezeichnet. Das LKA Hamburg würde nun seinen Sprengplatz zur Verfügung stellen, allerdings nur „den nackten Platz“, Herr W. benötige demzufolge zur Durchführung noch die entsprechende Technik, die er in einem Zweitwerk in Trittau besorgen könne. Der dort zuständige Mitarbeiter sei jedoch erst nächste Woche wieder zu erreichen. Herr W. sei bemüht, den 27.09. als Termin seiner gutachterlichen Stellungnahme zu halten.

Triggerwarnung:
Im folgenden Protokoll werden explizite Gewaltakte und sexualisierte Gewalt beschrieben. Außerdem werden rassistische, stereotypische und diskriminierende Begriffe explizit wiedergegeben.

Nun stellt die Vorsitzende Richterin nach §249, Absatz 1 StPO den Prozessbeteiligten die Kopien der Ausdrucke des auf dem Handy der Zeugin v.S. abgespeicherten Chatverlaufs mit der Zeugin B. zur Verfügung.
In verteilten Rollen lesen Wende-Spors und Richter Finke nun die Kommunikation vor.

B (10.8.18): Huhu bitte denk dran wir haben nicht über das Verfahren gesprochen, sondern nur über die Weitergabe deiner Daten ans Gericht

vS: Ich find‘s gut, dass du dich bei Gericht gemeldet hast, aber nicht gut, dass du nicht ehrlich bist. Ich werde sicher nicht für dich oder dein ambivalentes Verhalten Falschaussagen machen.

B: Verstehe ich. Wollte dich nicht in Bedrängnis bringen, Ist richtig was du gemacht hast, habe vor Gericht auch die Wahrheit gesagt. Wünsche dir alles Gute, hoffe, du kannst vergessen und abschließen.

vS: Du hast nicht jede Wahrheit gesagt, sagst du fühlst dich belästigt und bedroht, sprichst aber mit ihm und wolltest von mir Infos über ihn. Wenn du denkst du hast die Wahrheit gesagt, bist du wahrnehmungsbefreit. [unverständlich]
: mich nervt, dass du durch deine nicht korrekte Aussage andere in Schw bringst

B: Habe keine Infos gewollt weiß nicht, was das mit der Show soll, verstehe nicht (…) Habe das letzte Mal mit ihm gesprochen auf meinem Grundstück, als er mir gedroht hat

B: Habe ihm gesagt, dass sein Sohn nicht mehr bei mir ist, normale Unterhaltung

vS: egal, was du willst, bring mich nicht in Schwierigkeiten. Wenn ich See und KH gesagt hätte, hätte ich dich in Schw gebracht. Hätten die weiter nachgebohrt hätte ich ihnen gesagt dass du mit ihm am See hockst. Deine Aufmerksamkeitssucht kann man therapieren wenn mal will

B. zeitliche Abfolge passt nicht

vS: … mich anzulügen… mach mich nicht weiter wütend, ich hoffe das Ding ist durch

B: vergiss es, ich schreibe eh nur, was falsch rüberkommt, brauche mich nicht mehr zu rechtfertigen, ist mir zu blöd

Im Anschluss übergibt die Vorsitzende Richterin das Wort an Richter Finke, der Mailverkehr und Telefonvermerke im Zeitraum vom 29.08.-07.09.18 bezüglich der Beauftragung der Sprengversuche verliest.

Richter Finke fragt in einer Mail an M. F. vom LKA 724 HH, ob auf dem Sprengplatz des LKA eine Sprengung durchführbar sei; ob die Witterungsverhältnisse ok und der Sprengplatz freigegeben und nutzbar sei. Das LKA antwortet, der Platz sei nutzbar ohne wesentliche Einschränkungen. Grundsätzlich sei nicht ausgeschlossen, dass externe durch das Hamburger Gericht bestellte Gutachter den Platz nutzen.

Anschließend teilt Richter Finke mit, dass der Sachverständige L. K. mitgeteilt habe, kurzfristig nicht unterstützen zu können.
Laut Herrn W. habe die BAM allerdings zugesagt, dass dieser dort in den letzten beiden Septemberwochen sprengen könne.
Es folgt jedoch eine weitergeleitete Mail, in der K. an W. schreibt, dass ein Sprengversuch in der BAM erst im Dezember durchgeführt werden könne. Er begründet dies mit starker Auslastung, es könne dem Gutachter Infrastruktur, Messtechnik und Personal nicht zur Verfügung gestellt werden. In derselben Mail verweist K. darauf, dass seiner Meinung nach ein solcher Versuch überflüssig sei, da die Splitter keine Gefährlichkeit für Leib und Leben dargestellt hätten, das habe er auch schon in seiner Aussage vor Gericht mitgeteilt.

Für ein Gutachten über die „objektive Gefährlichkeit“ pyrotechnischer Gegenstände auf den menschlichen Körper aus rechtsmedizinischer Sicht fragt Richter Finke bei der Berliner Charité an. Von dieser erhält er die Auskunft, dass dort „keine Expertise zu Ballistik vorhanden“ sei und den Verweis auf Prof. M. R. von der Universität Köln.
R. antwortet auf die Anfrage von Finke, grundsätzlich bereit zu stehen; er habe auch bereits mit dem BKA zusammengearbeitet. Er benötige für das Gutachten allerdings die Messungen der Sprengversuche, insbesondere Informationen über Druckspitze und -dauer sowie die Beschaffenheit der Pyrotechnik.

Richter Finke verliest die Rückmeldung von M. F., dass der Sprengplatz des LKA kurzfristig zur Verfügung stehe und der Gutachter selbstbestimmt seine Versuchsreihe durchführen könne; lediglich die letztendliche Entscheidung, dass gesprengt wird, müsse von einer Person des LKA getroffen werden.

Finke gibt Info an Dr. W.; W. bestätigt, dass er in Hamburg sprengen kann, voraussichtlich übernächste Woche. Er geht davon aus, seine Ladung am 27.9. wahrnehmen zu können.

Prof. R. teilt Finke mit, dass er den von der Kammer vorgesehenen Termin am 8.10. halten könne.

Im Anschluss an die Verlesung beauftragt die Vorsitzende Richterin den Richter Finke damit, die Mail von R. an W. weiterzuleiten, damit dieser wisse, welche Ergebnisse und Informationen R. brauche. Wende-Spors spekuliert, warum K. nun nicht mehr willig ist, bei Sprengversuchen zu unterstützen; mutmaßt, weil er ‚beleidigt’ sei, dass die Kammer einen zweiten Gutachter beauftragt.

Die Vorsitzende Richterin stellt nun der Staatsanwältin die Frage, ob die Beschädigung der DVD geklärt sei. Diese bejaht; es sei heute ein neues, unbeschädigtes Exemplar angekommen, das noch nicht gesichtet sei. Die Staatsanwältin überreicht die DVD der Vorsitzenden Richterin und nimmt Bezug auf das Ersuchen der Kammer zur Sichtung des von der Bundespolizei ermittelten weiteren Videomaterials. Die Kammer beschließt, das Material sichten und Mitteilung machen zu wollen; Staatsanwaltschaft und Verteidigung sollen anschließend die Möglichkeit zur Einsicht erhalten, falls gewünscht.

Weiteres Programm: Herr W. erstattet am nächsten Verhandlungstag sein psychiatrisches Gutachten: 14.09. um 10:00 Uhr Prozessbeginn (zeitliche Verlegung auf seinen Wunsch hin)

Die Vorsitzende Richterin kündigt an, nach der Einvernahme der Zeugin S.B. das Verlesungsprogramm fortzusetzen.

Pause/Warten auf S.B. ab 10:35 – Pause bis 11 Uhr.

Erneute Einvernahme von S. B.

Die Vorsitzende Richterin fragt die Zeugin, ob ihr die Pflichten noch geläufig seien. Sie betont, dass S.B. wahrheitsgemäß aussagen müsse und fragt nach, ob diese verstanden habe, dass sie sich sonst strafbar mache. Es folgt die Abfrage der persönlichen Daten der Zeugin.

S., 43, Finanzbeamtin, Nusse

Die Vorsitzende Richterin erläutert, dass die Zeugin vS. noch einiges zur Person der Zeugin S.B. gesagt habe und die Kammer Nachfragen habe. Sie fragt S.B., was sie mit vS. besprochen habe, nachdem sie vS‘s Namen im Prozess genannt hatte.

S.B. antwortet, sie habe mit vS. telefoniert und ihr erzählt, dass sie bei Gericht gewesen sei. Sie hätten sich darüber unterhalten, dass vS. nicht zum Gericht gehen wolle und deshalb sauer auf S.B. sei.

Wende-Spors fragt, ob die beiden sich auch über den Prozess unterhalten hätten, was S.B. bejaht. Auf die Frage, worüber genau, gibt S.B. an, sie hätten über die Fragen gesprochen, die ihr gestellt wurden. Danach setzt sie mehrfach an und bricht ab, sagt, sie würde versuchen sich zu erinnern, bricht wieder ab und endet noch mal mit der Aussage, sie hätten sich über die Fragen unterhalten, die ihr vor Gericht gestellt worden seien.

Wende-Spors hakt nach, ob sie sich nur darüber unterhalten hätten. S.B. antwortet, dass sie sich auch über vieles andere unterhalten hätten, da sie sich länger nicht gesehen hätten; es sei ein längeres Gespräch gewesen.

Die Vorsitzende Richterin fragt, inwiefern sie konkret über den Prozess gesprochen hätten. S.B. antwortet, „wie das eben halt zustande kam, dass ich das in der Zeitung gesehen hatte.“

Wende-Spors hakt weiter nach, was sie noch besprochen hätten. Nach kurzem Nachdenken gibt S.B. an, sie hätten auch darüber gesprochen, wie Kronbügel bei ihr (S.B.) „Ärger gemacht hat“; zu diesem Zeitpunkt hätten sie Kontakt gehabt.

Wende-Spors fragt, ob S.B etwas dazu gesagt habe, was bei ihr im Sommer „abgegangen sein soll“. S.B. bejaht, worauf Wende-Spors konkreter fragt, ob sie darüber gesprochen hätten, wie S.B. wünsche, wie der Prozess ausgehen würde.
Dies bestätigt S.B. mit Nachdruck, sagt, sie habe vS. gesagt dass sie sich wünsche, dass „er entsprechend seine Strafe bekommt.“

Die Vorsitzende Richterin fragt, ob S.B. dies so formuliert habe. Diese antwortet, dass sie das nicht wörtlich gesagt habe. Wende-Spors hakt nach, ob S.B. „möglichst lange weggesperrt“ gesagt habe. S.B. antwortet, das habe sie „sicher gesagt“.

Wende-Spors fragt, ob das S.B.‘s Wunsch entspreche. S.B. bestätigt das. Wende-Spors fragt nach, warum. Darauf antwortet S.B., dass es immer dann, wenn Kronbügel „weggesperrt“ gewesen sei, bei ihr zu Hause ruhig gewesen sei.

Die Vorsitzende Richterin fragt daraufhin, ob dieser Wunsch S.B.‘s Einfluss auf ihre Aussage gehabt, ob sie deswegen übertrieben oder die Unwahrheit gesagt hätte. S.B. verneint, sie sei „so ein Mensch nicht“, sie übertreibe nicht.

Wende-Spors kommt wieder auf den Kontakt mit vS. zu sprechen. Sie fragt, ob S.B. noch weiteres mit vS. besprochen hätte außer, was ihr (S.B.) widerfahren sei. S.B. antwortet, sie wisse nicht, worauf Wende-Spors hinaus wolle.

Die Vorsitzende Richterin fragt, ob sie nur telefonisch Kontakt gehabt hätten. S.B. bejaht. Auf die Frage, ob sie auch schriftlich oder persönlich mit vS. kommuniziert habe, gibt S.B. an, sie habe keinen persönlichen Kontakt gehabt, nur „im Sommer mal SMS verschickt“.

Jetzt hält Wende-Spors der Zeugin konkret die SMS vor, die mutmaßlich von ihrem Handy abgeschickt worden sein soll: „Huhu, bitte denk dran, wir haben nicht über das Verfahren gesprochen […]“

S.B. antwortet, dass das stimme, sie habe das geschrieben, da, wenn daraus hervorgehe, dass sie sich unterhalten haben, der Eindruck entstehen könnte, dass sie (S.B.) Leute manipuliere, was ihrer Meinung nach nicht so sei.

Die Vorsitzende Richterin hakt noch, ob vS. und S.B. sich „nur unterhalten“ hätten, worauf S.B. bejaht; vS. habe auch gesagt, dass sie nicht lüge und S.B. fände das ok.

Wende-Spors erwidert, dass S.B. von der Sorge getragen sei, dass sie manipuliere, und fragt, ob das nicht genau das sei, was S.B. gemacht habe. S.B. bejaht.

Wende-Spors fragt, ob sie es richtig verstanden habe, ob S.B. damit habe erreichen wollen, nicht in Verdacht zu kommen, Zeugen zu manipulieren. S.B. bejaht erneut. Wende-Spors sagt, sie verstehe das nicht, denn damit habe S.B. ja manipuliert.

S.B. antwortet bejahend, da es ja geheißen habe, man solle sich nicht unterhalten, und dass sie ja gesagt hätte, vS. solle nicht lügen. Wende-Spors erwidert, dass man bereits lüge, wenn man nicht vollständig aussage. S.B. antwortet darauf „ok.“

Die Vorsitzende Richterin fragt, ob S.B. noch mehr gesagt habe, was vS. erzählen oder nicht erzählen solle. S.B. verneint, sagt,vS.sei eine „eigenständige Person“.

[unverständlich]

Wende-Spors hält S.B. daraufhin vor, vS. habe außerdem behauptet, S.B. hätte gar keine Angst vor Kronbügel und fragt S.B., was sie dazu sage.

S.B. bestätigt, dass dies ebenfalls Gesprächsthema per SMS gewesen sei, weil sie sich bei vS. nach Kronbügel erkundigt habe, als dieser im Krankenhaus war. vS. würde dies nicht verstehen; sie (S.B.) habe das gemacht „wegen der Kinder“ und um zu wissen, ob es bei ihr und ihren Kindern ruhig bleiben würde.

Wende-Spors fragt, ob es also richtig sei, dass S.B. nach dem Krankenhausaufenthalt gefragt habe, was S.B. bejaht. Auf die Frage nach dem Grund für diese Nachfrage gibt S.B. an, dass es ruhiger sei, wenn er nicht da sei, dass dann kein Ärger drohe. Die Frage, ob es ihr um Kronbügels Wohl gegangen sei, verneint S.B., die folgende erneute Frage, ob es ihr darum gehe, dass er dann verhindert sei, bejaht sie wiederum.

Die Vorsitzende Richterin fährt fort und sagt, vS. habe des Weiteren behauptet, S.B. habe einmal vS. gefragt, ob sie (S.B.) sich Kronbügel „mal zur Brust nehmen“ solle, als dieser etwas bei vS. kaputt gemacht hatte, an ihrer Tür. S.B. verneint empört und fragt, was sie denn „da machen“ solle, sie habe doch keine Chance. Wende-Spors fragt, ob S.B. sich erinnern könne, wie sie in der von vS. beschriebenen Situation reagiert habe. S.B. antwortet, sie habe keine Ahnung. Wende-Spors fragt darauf, was S.B. stattdessen gesagt habe. S.B. antwortet, sie habe vS. gesagt, sie solle das Geschehene anzeigen. Erneut gefragt, ob sie angeboten habe, sich Kronbügel „vorzuknöpfen“, verneint S.B. mit Nachdruck.

Wende-Spors fragt, warum vS. so etwas behaupten könnte. S.B. antwortet, sie habe keine Ahnung, sie wisse nur, dass vS. „ziemlich sauer“ sei und sage, dass sie (S.B.) sich anders darstelle, als sie sei. Wende-Spors fragt daraufhin, ob sie noch mal Kontakt hatten. S.B. bejaht; nachdem vS. vor Gericht gewesen sei. Wende-Spors will wissen, ob damit der 10.08.18 gemeint sei, was S.B. unsicher bejaht.

Die Vorsitzende Richterin fragt anschließend, ob vS. sich noch mal gemeldet habe; sie sei ja noch mal „hier“ gewesen. (Wende-Spors stellt fest, dass B. von der erneuten Ladung von v.S. gar nichts wisse) S.B. verneint.

Nun fragt Wende-Spors, ob es richtig sei, was S.B. erzählt habe, über die Kinder, über die Einstellung und das Verhalten des Angeklagten bei S.B. zu Hause; ob es der Wahrheit entspreche oder S.B. es übertrieben dargestellt habe – aufgrund S.B.‘s Wunsch, dass Kronbügel möglichst lange weg gesperrt würde. S.B. antwortet darauf, dass sie nicht übertrieben habe.

Die Vorsitzende Richterin lässt das Fragerecht umlaufen; die weiteren Richter*innen, die Staatsanwältin sowie der psychiatrische Sachverständige haben keine weiteren Fragen.

Der Verteidiger des Angeklagten, Mosenheuer, will die Zeugin befragen. Er beginnt mit einer Frage, die er „das letzte Mal vergessen“ habe; er sagt, S.B. habe in einer Mail an „die Geschäftsstelle“ geschrieben, sie habe auch den Ärzten in der Klinik, in der sie einen Aufenthalt hatte, die Vorankündigung Kronbügels mitgeteilt. Er fragt S.B., ob sie bereit wäre, diese Ärzte zu laden.

S.B. fragt unsicher, warum; was „das damit zu tun“ habe. Die Vorsitzende Richterin weist darauf hin, dass es die freie Entscheidung der Zeugin wäre und ihr dies mitgeteilt werden müsse. Darauf sagt S.B., sie wolle nicht, dass die Ärzte geladen werden.

Der Verteidiger fragt, ob es einen Kontaktabbruch wie im SMS-Verkehr mit vS. auch schon beim telefonischen Kontakt gegeben habe. S.B. antwortet, dass sie erst nach dem SMS-Verkehr versucht habe, mit vS zu telefonieren, und dass es am Telefon dann zum „richtigen Abbruch“ gekommen sei. Auf die Nachfrage, ob es korrekt sei, dass vS. gegenüber S.B. geäußert habe, dass sie den Kontakt beenden wolle, bestätigt S.B. dies.
Als nächstes fragt der Verteidiger, ob vS. gewollt habe, dass ihre Anschrift dem Gericht genannt würde. S.B. antwortet darauf, dass sie vS. diesbezüglich gefragt, und diese die Frage bejaht hätte. Daraufhin fragt der Verteidiger, ob S.B. vS. nach ihrer Anschrift gefragt habe. S.B. bejaht. Der Verteidiger will im Anschluss wissen, ob S.B. auch gesagt habe, dass sie vSs Anschrift auch auf anderem Wege herausfinden könnte und fragt auf Bitte von S.B. konkreter, ob S.B. gesagt habe, dass sie die Anschrift über das Finanzamt herausfinden könnte. S.B. antwortet, dass sie dies dürfe, wenn vS. dem zustimme. Die Vorsitzende Richterin wirft ein, dass sie nicht verstehen würde. Auch der Verteidiger gibt an, nicht zu verstehen, warum vS. anbieten sollte, dass S.B. die Adresse über das Finanzamt herausfinden könnte. S.B. gibt daraufhin an, sie habe die Adresse von vS. nicht mehr gehabt. Mosenheuer äußert, er habe es als Drohung S.B.s aufgefasst, was diese empört zurückweist und sagt, dass sie so etwas nicht tun würde.

Der Verteidiger fährt fort und gibt an, dass die Zeugin vS. behauptet habe, dass S.B. ihr gegenüber erwähnt hätte, dass die Strafe für Kronbügel höher ausfallen würde, je mehr Belastungszeugen aufträten. S.B. verneint, sie wisse nicht, wer ihr das gesagt haben sollte. Der Verteidiger äußert darauf, dass es durchaus möglich sei, dass vS. etwas falsch verstehe, er S.B. lediglich vSs Aussagen vorhalte, was S.B. zur Kenntnis nimmt.
Als nächstes fragt Mosenheuer, ob S.B. sich auch mit Frau S. über den Inhalt der Vernehmung unterhalten habe. Dies bejaht S.B., da sie mit Frau S. viel Kontakt habe. S.B. bejaht die Frage Mosenheuers, ob sie sich mit Frau S. unterhalten habe, bevor diese vor Gericht ausgesagt habe. Daraufhin belehrt Mosenheuer S.B., das sie das „ja eigentlich nicht sollte“ und will wissen, warum S.B. es dennoch getan habe. Diese antwortet, dass sie sich mit Frau S. über alles unterhalten habe, was sie (S.B.) angehe. Mosenheuer antwortet darauf, dass er das verstehen könne, da „man jemanden braucht, mit dem man reden kann, eine Freundin“, fragt aber genauer nach, ob S.B. auch konkret erzählt habe, was sie alles vor Gericht geäußert hatte. Dies sei doch Manipulation, worüber die Vorsitzende Richterin S.B. ja bereits belehrt hätte. Er fordert S.B. auf zu schildern, wie das Gespräch zwischen ihr und Frau S. ablief.
S.B. antwortet, sie habe mit Frau S. im Garten gesessen und sich „ganz normal“ unterhalten. Mosenheuer fragt, ob sie auch gemeinsam überlegt hätten, was der Sinn der Fragen vor Gericht sein könnte. S.B. bejaht. Mosenheuer will wissen ob das S.B. erheitert habe – dies hätte Frau S. ausgesagt. S.B. antwortet, dass sie es erheiternd finde, wenn sie zu „Sachen“ Auskunft geben solle, mit denen sie nichts zu tun habe, dass sie aber nicht „rumgegackert“ hätte.

Im Anschluss fragt der Verteidiger, ob die gemeinsamen Kinder S.B.s und Kronbügels von dem Verfahren wüssten und was sie dazu sagten. S.B. gibt an, dass ihr Sohn gegoogelt habe; dass beide Kinder vom Verfahren wüssten und ihn besuchen und „sich selbst ein Urteil bilden“ wollen würden. Auf die Frage, wie sie zu diesem Wunsch stehe, antwortet S.B., sie habe ihrem Sohn gestattet, Kronbügel zu besuchen, und, nachdem diese ebenso den Wunsch geäußert hätte, auch ihrer Tochter. Es gehe dabei nicht nach ihr, sondern nach ihren Kindern.

Des Weiteren hält Mosenheuer S.B. vor, vS. habe gesagt, dass S.B. ihr von ihrer (S.B.s) Borderline-Erkrankung erzählt hätte. Dies sei im vorläufigen Abschlussbericht der Klinik nicht diagnostiziert, antwortet S.B. Auf die Frage Mosenheuers, ob die Diagnose früher mal gestellt worden sei, antwortet S.B., dass das sein könne. Daraufhin will Mosenheuer wissen, ob S.B. sich an ein persönliches Gespräch mit vS. über ihre (S.B.s) Erkrankung erinnere. Das verneint S.B. Der Verteidiger hält vor, vS. habe angegeben, sich gewundert zu haben, da sie gedacht habe, mit einer Borderline-Erkrankung gehe selbstverletzendes Verhalten einher, S.B. habe dann aber erklärt, dass stattdessen auch die Suche nach Aufmerksamkeit damit verbunden würde. S.B. erwidert, dass sie sich nicht an eine derartige Aussage erinnere. Mosenheuer fragt, ob S.B. sich mal selbst verletzt habe. Als S.B. bejaht, fragt er weiter, wann das gewesen sei. S.B. antwortet, dass es im Januar „vor der Einweisung“ dazu gekommen sei und bestätigt auch Mosenheuers Anschlussfrage, ob sie sich auch früher bereits selbst verletzt habe. Sie könne nicht genau sagen, wann das gewesen sei; es sei „zwischendurch“ dazu gekommen und sie habe immer versucht, die Verletzungen zu verstecken.
Die Vorsitzende Richterin wirft ein, nachfragen zu müssen. Sie erkundigt sich bei S.B. nach der Form des Selbstverletzens und fragt konkret nach „Ritzen“. Letzteres bejaht S.B. Darauf fragt die Vorsitzende Richterin, ob S.B. wirklich nicht wisse, ob ihr in der Vergangenheit eine Borderline-Diagnose gestellt worden sei, da dies etwas sei, dass „man wissen“ müsse. S.B. antwortet, dass sie keine derartige Diagnose vorliegen habe; sie habe mit Ärzten darüber gesprochen, aber noch keinen entsprechenden Bericht. Wende-Spors fragt darauf, ob ihr ihre Ärzte ihr gegenüber etwas entsprechendes erwähnt hätten. S.B. antwortet, dass ihr neuer Arzt/Psychologe nichts dazu gesagt habe und ergänzt, dass sie „ganz gerne mal eine Diagnose“ hätte. Auf die Frage, ob Borderline in früheren Gesprächen mit Ärzten thematisiert worden sei, antwortet S.B., das habe auf Überweisungen gestanden; ihre Hausärztin hätte sie dann auch mit „Verdacht auf Borderline“ eingewiesen.
Auf die Fragen der Vorsitzenden Richterin, wann das gewesen sei und ob die Einweisung gegen den Willen S.B.s erfolgt sei, antwortet diese, dass sie 2012 und nicht gegen ihren Willen eingewiesen worden sei. Auf die Frage, ob in der Klinik Borderline erwähnt worden sei, antwortet S.B., dass das „irgendwo“ gestanden habe, hauptsächlich aber der Verdacht auf Depression im Vordergrund gestanden habe.

Im Anschluss stellt Verteidiger Mosenheuer wieder Fragen. Er hält S.B. vor, dass vS. S.B. vorgeworfen habe, nicht die Wahrheit zu sagen. Dann will er wissen, wie die Beziehung zwischen S.B., Kronbügel und den gemeinsamen Kindern gewesen sei, während Kronbügel und vS. in einer Beziehung waren. S.B. antwortet, die Beziehung sei „unterschiedlich“ gewesen, „teilweise normal“. Es habe auch Treffen ohne vS. gegeben, zum Beispiel, weil diese einmal „abgehauen“ sei, worauf S.B. dann mit Kronbügel und den Kindern alleine gewesen sei. Sie ergänzt, dass es problematisch gewesen sei, wenn Kronbügel bei ihr zu Hause bzw. im Ort gewesen sei; Treffen „außerhalb“ könne sie ggf. abbrechen. Daraufhin fragt der Verteidiger, wie es im Fall des Treffens am See gewesen sei, von dem auch in den SMS zwischen vS. und S.B. die Rede gewesen sei. S.B. antwortet, dass in dem besagten Fall Kronbügel zunächst zu ihr nach Hause gekommen sei, sie aber gesagt habe, dass sie das nicht wolle und ihn aufgefordert habe, zum See zu kommen. Der Verteidiger hält S.B. vor, dass vS. ausgesagt habe, dass das Treffen von S.B. ausgegangen wäre. Dies verneint S.B.; Kronbügel sei gekommen „wann er wollte“ und habe sich nicht an vereinbarte Umgänge halten können. Der Verteidiger fragt nach, ob der besagte See sich in Nusse befinde, was S.B. bestätigt; er sei in der Nähe, „etwas versteckt“.

Da der Verteidiger des Angeklagten keine Fragen mehr hat, fragt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten, ob dieser Fragen habe, was Kronbügel verneint. Daraufhin (um 11:45) wird die Zeugin unvereidigt entlassen und die Vorsitzende Richterin kündigt an, dass das Verfahren nach der Mittagspause, um 13 Uhr, weitergehe.

Die Verhandlung wird um 13:10 Uhr wieder aufgenommen. Es wird die Verlesung der bisherigen Verurteilungen Kronbügels samt Auszügen aus den jeweiligen Urteilsbegründungen fortgesetzt (begonnen am 27.08.18, siehe Protokoll des 11. Verhandlungstages, zweiter Teil am 29.08.18, siehe Protokoll des 12. Verhandlungstages).

Urteil des Landgerichts Hamburg vom 09.01.1997

Angeklagte Stephan Kronbügel und C. M. M. Kronbügel wurde wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt, M. wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer Geldstrafe.

Auszug aus Tenor und Urteilsbegründung:
Der Angeklagte Kronbügel und die Geschädigte Frau T. kannten einander aus der [rechten] Skinheadszene. Sie waren eng befreundet und schliefen miteinander, waren aber kein Paar. Während der Haft Kronbügels (siehe Protokoll vom 12. Verhandlungstag am 29.08.18) hatte er Kontakt zu T., die ihn auch in der Haft besuchte. Seinen ersten Hafturlaub am 10.08.96 wollte Kronbügel mit T. verbringen und anschließend bei ihr übernachten. Kronbügel und T. gingen in Begleitung des Angeklagten M. in das Lokal J. In Hamburg-Rahlstedt. Die beiden Angeklagten tranken viel. Im Lokal griff Kronbügel der Geschädigten an die Brust und zwischen die Beine. Gegen 21:26 fuhren die beiden Angeklagten und T. mit dem Taxi zu T., die mit dem Besuch und der Übernachtung beider Angeklagter einverstanden war. Bei T. angekommen, trank Kronbügel. eine angebrochene Flasche Korn leer, die er in der Wohnung gefunden hatte, während T. ihr Doppelbett für die beiden Angeklagten und eine Liege im Wohnzimmer für sich vorbereitete. Kronbügel sprach dann davon, den Hund von T. über den Balkon schmeißen zu wollen. T. brachte diesen daraufhin in Sicherheit. Im Anschluss legte sie sich, bekleidet mit einem Sommerkleid und Unterwäsche, auf der Liege schlafen. Einige Zeit später setzte sich Kronbügel zu ihr auf die Liege, griff ihr in den Ausschnitt und leckte ihr über das Gesicht. T. wehrte sich verbal, sagte, Kronbügel solle sich zu M. ins Bett legen. Dies hat Kronbügel als Aufforderung aufgefasst, seine sexuellen Bedürfnisse mit M. zu befriedigen. Kronbügel wurde daraufhin sehr wütend, schlug T. vier Mal mit der Faust ins Gesicht und trat sie mit Stiefeln, u.a. gegen den Kopf und in den Unterbauch, als sie bereits am Boden lag. Kronbügel würgte T. und stellte seinen Fuß samt Stiefel auf den Hals von T. Diese flehte Kronbügel an, von ihr abzulassen, er ließ aber nicht nach. Stattdessen befahl Kronbügel, T. solle ihre Unterhose ausziehen, was diese tat. Kronbügel entnahm daraufhin den Personalausweis von T. aus deren Portemonnaie, rollte diesen und führte ihn in T‘s Vagina ein. Diese ließ ihn aus Angst vor weiteren Schlägen und Tritten gewähren. Anschließend stand Kronbügel über der am Boden liegenden T, öffnete und schloss wiederholt den Reißverschluss seiner Hose und fragte den beistehenden M., ob er „auch will“. Dann holte Kronbügel zwei Bananen, reichte eine M., der seine aß, während Kronbügel seine zerkaute und nach und nach auf die immer noch am Boden liegende T. spuckte. Schließlich schlug Kronbügel M. vor, T. umzubringen. Dieser antwortete, dass das nicht lohne, da Kronbügel demnächst aus der Haft entlassen werden würde. Daraufhin drohte Kronbügel T., sollte diese zur Polizei gehen. Er zerstörte noch das Telefon und den Anrufbeantworter von T. und warf ein Regal um.
Die Geschädigte T. verbrachte im Anschluss 1,5 Wochen im Krankenhaus. Sie hatte einen Riss in der Schamlippe, eine beschädigte linke Orbita (Augenhöhle), in der operativ eine Platte eingesetzt werden musste. Zum Zeitpunkt der Vernehmung hatte T. immer noch andauernde Sehschwierigkeiten und ein halbseitiges Taubheitsgefühl im Gesicht. T. hat ihre Wohnung gewechselt und den Kontakt zur [rechten] Skinheadszene weitgehend eingestellt.
Die beiden Angeklagten zeigten sich nicht einsichtig.

Urteil des Amtsgerichts Schwarzenbek vom 8.6.2006

Angeklagte:
M S., geb. in Oldesloe
N.K. geb. in Hamburg
S.K.geb. in Hamburg
Stephan Kronbügel, geb. in Hamburg

Alle vier wurden verurteilt wegen gefährlicher Körperverletzung (teilweise nach Jugendstrafrecht). S. hat eine Verwarnung und eine Geldstrafe von 3600€ bekommen, die beiden K.s einen zweiwöchigen Dauerarrest und Kronbügel eine einjährige Freiheitsstrafe.

Auszug aus Tenor und Urteilsbegründung:
Am 11.7.2005 um 1 Uhr nachts, nach dem Schützenfest in Linau, hat S.K. der Zeugin W. Whisky angeboten. Kurz darauf wurde der Angeklagte Kronbügel aggressiv und schlägt dem Begleiter W.s, dem Zeugen R., die Flasche auf den Hinterkopf, wovon dieser eine 4cm große Platzwunde davon trägt. Alle vier Angeklagten schlagen R. ins Gesicht und treten – als er bereits auf dem Boden liegt – auf ihn ein. Er schafft es paar Meter zu fliehen, die Angreifer holen ihn ein, schlagen ihn erneut zusammen. Er flieht wieder, diesmal auf ein Hausgrundstück, sie treten ihm die Beine weg und anschließend weiter auf ihn ein. Zwei weitere Zeug_innen können die Angreifer davon abbringen. Die Angegriffenen tragen Hämatome und Abschürfungen, R. zusätzlich einen – bis zum Urteilsspruch in Behandlung befindlichen – Tinnitus davon. Beide haben zum Zeitpunkt der Vernehmung immer noch Albträume und Todesangst.

Urteil des Amtsgerichts Ratzeburg vom 24.09.09

Der Angeklagte Stephan Kronbügel wurde wegen Sachbeschädigung zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Auszug aus Tenor und Urteilsbegründung:
Am 25.11.08 war der Angeklagte aufgrund von Problemen mit seiner damaligen Partnerin S. B. wütend und alkoholisiert. Er warf mit einem Ziegelstein auf den Hauseingang von S.B. in Nusse und schmiss in der Wohnung S.B.s einen PC zu Boden.

Urteil des Amtsgerichts Ratzeburg vom 17.12.09

Der Angeklagte Kronbügel wurde wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung und zu einer Zahlung von Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro an S.B. verurteilt.

Auszug aus Tenor und Urteilsbegründung:
S.B. trennte sich Anfang 2008 von K, seitdem kam es zu regelmäßigem Kontakt K.s mit den gemeinsamen Kindern und S.B., sowie unregelmäßig zu Geschlechtsverkehr zwischen Kronbügel und S.B.
S.B. erklärte sich am Tag der Tat bereit, Kronbügel im Auto zu einem Termin mitzunehmen. Kronbügel war während der Fahrt aggressiv gestimmt, unter anderem weil S.B. ihn wegen Sachbeschädigung angezeigt hatte (siehe Urteil des AG Ratzeburg vom 24.09.09). S.B. forderte Kronbügel deshalb auf, das Fahrzeug zu verlassen, dieser weigerte sich jedoch und verlangte seinerseits von S.B., nach Trittau gefahren zu werden. Er würgte S.B. mit beiden Händen und schlug ihr mehrfach ins Gesicht. S.B. erlitt eine Nasenbeinfraktur und Hämatome am Hals und im Gesicht.

Urteil des Amtsgerichts Ahrensburg vom 18.03.10

Der Angeklagte Kronbügel wurde wegen räuberischer Erpressung sowie tateinheitlicher Körperverletzung und Diebstahls unter Einbezug früherer Strafen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt.

Auszug aus Tenor und Urteilsbegründung:
Am 26.05.09 begab sich Kronbügel mit zwei weiteren Personen in den Lidl-Supermarkt in Trittau, wo er eine Flasche Wodka im Wert von 4,99 Euro unter seiner Jacke versteckte und versuchte, mit dieser den Laden zu verlassen. Im Bereich hinter der Kasse wurde er jedoch vom Lidl-Mitarbeiter D. angesprochen und gebeten, ins Büro des Ladens mitzukommen. Daraufhin stellte Kronbügel die Wodkaflasche ab und wollte ohne diese den Laden verlassen. Die Türen waren aber bereits verschlossen worden. Darüber, und darüber, dass D. versuchte, ihn festzuhalten, erzürnte Kronbügel sich. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits alkoholisiert. Er schlug den Mitarbeiter D., wobei dieser weitestgehend ausweichen konnte und sich „nur“ eine Lippenverletzung zuzog. Kronbügel gab später an, „Mist gebaut“ zu haben.

Urteil des Landgerichts Lübeck vom 20.6.2014

S.K. wird wegen Sachbeschädigung zu drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Es handelte sich um ein Berufungsverfahren, nachdem S.K. gegen ein Urteil des Amtsgerichtes Ahrensburg vom 29.11.2013 Berufung eingelegt hatte.

Am 14.12.2012 feiert S.K. mit Zeuge C. S. und Zeuge E. den Geburtstag des letztgenannten. Um 3 Uhr des 15.12.2012 beendete die Polizei die Party aufgrund von Ruhestörung. Die drei genannten verlassen mit anderen Partygästen die Wohnung. Aus Frust ob der Beendigung der Party zieht sich S.K. eine Sturmhaube auf und sucht nach Möglichkeiten seine Aggression auszulassen. Er nimmt einen großen Stein aus einem Vorgarten und wirft damit ein Fenster eines parkenden PKW ein. Die Zeugen rennen weg. S.K. hatte auf der Party wohl Alkohol getrunken, zeigte aber keine alkoholisiertheitstypischen Erscheinungen.

Urteil des Amtsgerichts Hamburg-Harburg vom 23.06.14

Strafbefehl gegen Kronbügel. Geldstrafe in Höhe von 140 Euro wegen Diebstahls geringwertiger Sachen. Kronbügel hatte am 12.03.14 versucht, im Supermarkt Kaufland ein Päckchen Zigaretten zu entwenden.

Urteil des Amtsgerichtes Hamburg-Harburg vom 11.4.2016

S.K. wird wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen á 8 Euro verurteilt. Er hatte am 18.11.2015 in Karstadt Lederhandschuhe im Wert von 59 Euro entwendet. Er gestand die Tat.

Urteil des Amtsgerichts Hamburg-Harburg vom 26.01.17

Strafbefehl gegen Kronbügel. Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 8 Euro. Kronbügel hatte bei Karstadt Parfüm im Wert von 34 Euro entwendet.

12. Verhandlungstag – „Mach ihn tot, mach ihn tot“. Der Totschlag an Gustav Schneeclaus

12. Prozesstag, 29.08.2018, 16:00 – 17:15 Uhr

Am heutigen Prozesstag setzte die Vorsitzende Richterin Wende-Spors die auszugsweise Verlesung von Urteilen und dazugehörigem Tenor gegen den Angeklagten Stephan Kronbügel fort. Ausführlich las Wende-Spors aus dem Urteil und der Feststellung des Totschlags an Gustav Schneeclaus vor.


Triggerwarnung:
Im folgenden Protokoll werden explizite Gewaltakte und sexualisierte Gewalt beschrieben. Außerdem werden rassistische, stereotypische und diskriminierende Begriffe explizit wiedergegeben.

Der Prozesstag beginnt mit der Bekanntgabe von Formalitäten durch Wende-Spors: Heute, am 29.8. habe der Richter Finke an den Sachverständigen Dr. K. eine E-Mail gesandt bezüglich der Frage, ob er, wie angedeutet, einen Rechtsmediziner von der Charité vermitteln könne. Da die Sprengung voraussichtlich in Berlin stattfände, würde sich dieses anbieten. Eine Antwort auf die E-Mail stünde noch aus.

Nun gibt Wende-Spors bekannt, dass die Bundespolizei Hamburg eine DVD nachgesandt habe. Sie liest aus dem Vermerk des Bundespolizisten K. vom 15.08., dass die Beamtin T. am 13.08. mitgeteilt habe, dass sie eine DVD mit Videoaufzeichnungen aus dem Waggon vorliegen hätten und unverzüglich zusenden würde. Der Beamte K. gehe davon aus, dass sich keine neuen Informationen auf der DVD fänden. Die DVD sei, so Wende-Spors, am 15.08. eingegangen und durch den Richter Finke gesichtet worden. Auf der DVD sei ein heller Lichtschein zu erkennen gewesen, ein Kratzer auf der Rückseite ließe vermuten, dass sie wahrscheinlich beschädigt und somit nicht abspielbar sei. Die Aufzeichnungen hätten zu keinen neuen Erkenntnissen geführt, weswegen auf eine Screenshot-Dokumentation verzichtet worden sei.
Wie sich im anschließenden Gespräch herausstellt, wurde die DVD durch die Staatsanwältin an das Gericht gesandt. Diese soll nun, so bittet Wende-Spors, abklären, ob die DVD noch einmal vorläge. Der Verteidiger wirft noch ein, dass er keine Blue-Rays abspielen könne.

Im Anschluss setzt Wende-Spors die Verlesung nach §249 der StPO (Führung des Urkundenbeweis’) fort.

Sie beginnt mit dem Tenor vom Amtgericht Hamburg (04.06.’87)
und dem auszugsweisen Urteil sowie der Feststellung des Amtsgerichts Hamburg vom 31.08.’87

Urteil gegen
Stephan Kronbügel
Ohne Namen (abgetrenntes Verfahren)
Thomas B.
Karsten Br.
Dirk L.

Jugendschöffengericht:
Stephan Kronbügel sei der viermaligen Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch schuldig

Das Urteil ergehe wie folgt:
Stephan Kronbügel unter Einbeziehung vorausgegangener Verfahren (12.1.87) einheitliche Jugendstrafe von 1,8 Jahren
Thomas B. Jugendarrest 10 Tage
Karsten Br. sei zu einer Geldbuße von 200 DM verurteilt worden, zu zahlen an die Cap Anamur.
Dirk L. sei zu 9 Monaten Jugendstrafe verurteilt worden, die Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt.
Von der Auferlegung von Kosten und Auslagen werde unter der Maßgabe abgesehen, dass Stephan Kronbügel die Auslagen des Nebenklägers H. trage. Die sichergestellten DocMartens-Stiefel des Angeklagten L. seien eingezogen worden.

Landgericht Hamburg
In der Strafsache Stephan Kronbügel (Gefährliche Körperverletzung) sei bei der Berufung vor dem Landgericht Hamburg folgendes für Recht erkannt worden: Die Berufung des Angeklagten werde mit der Maßgabe verworfen, dass die Verurteilung wegen Körperverletzung entfällt. Stattdessen Verurteilung wegen vorsätzlichen Vollrausches.
Zur Feststellung zur Sache liest Wende-Spors wie folgt:
Am Nachmittag des 11.01.’86 habe sich Kronbügel mit dem Zeugen A. und L., B. sowie drei weiteren Freunden getroffen. Alle seien damals Skinheads gewesen. Diese hätten ein auffälliges Äußeres, sehr kurze Haare und trügen meist Militärstiefel. Ihre Einstellung sei oberflächlich nationalistisch und vorwiegend rechtsradikal und ausländerfeindlich. Sie seien stolz, Deutsche zu sein. Regelmäßiger Alkoholkonsum gehöre dazu.

Die Angeklagten hätten sich im Keller von B. getroffen, Kronbügel habe schon zwei Flaschen Bier geleert, bis 19 Uhr seien zehn weitere kleine Flaschen Bier sowie etwas Apfelkorn dazugekommen. Alle hätten dann beschlossen, zum S-Bahnhof zu gehen, um von Neuwiedenthal nach Neugraben zu fahren und Freunde zu besuchen. Zudem haben sie wissen wollen, ob „Spinner“, also Linke, Punker und Ausländer unterwegs seien, die sie aufmischen könnten.
Der Angeklagte L. habe ein 30cm langes, hohles Aluminiumrohr bei sich geführt.

Nun ließt Wende-Spors unter Angabe der alphabetischen Nummerierung die festgestellten Taten auszugsweise vor:
A) Im Bahnhof wären die Angeklagten auf den Nebenkläger H. getroffen. Dieser hätte einen Cellokasten mit sich geführt. Stephan Kronbügel habe unvermittelt und mit voller Wucht gegen den Instrumentenkasten getreten und den Zeugen angegriffen. Mehrere der Angeklagten hätten H. dann geschlagen und getreten. An den Füßen habe Kronbügel schwere DocMartens-Stiefel getragen. Erst als der Zeuge A. „Hört auf, das ist doch ein Deutscher“ gerufen habe, haben sie von ihm abgelassen und H. konnte flüchten. Seinen Cellokasten musste er zurücklassen. Infolge der tätlichen Auseinandersetzung habe er unter anderem unter mehreren Prellungen und einer Gehirnerschütterung gelitten. Der Cellokasten im Wert zwischen 900 und 1100 DM sei kaputt gewesen, das Cello habe für 600-700 DM repariert werden müssen.

Kronbügel sei wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung verurteilt worden. Seine Schuldfähigkeit sei durch den Alkoholkonsum weder erheblich gemindert noch aufgehoben worden.

B) Die Gruppe habe nun gegen 20:00 Uhr eine S-Bahn in Richtung Harburg bestiegen. Dort seien sie auf die Zeugin G. getroffen, die auf dem Pulli eine Plakette mit der Aufschrift „Nazis raus“ getragen habe. Einer aus der Gruppe habe ihr die Plakette abgerissen, die Zeugin sei in erhebliche Angst versetzt wurden, die Plakette sei ihr dann wieder ausgehändigt worden.

Im nächsten Wagen habe der Zeuge K. gesessen, zusammen mit weiteren Türken. Die Angeklagten hätten im bewussten und gewollten Zusammenwirken auf ihn eingeschlagen, unter anderem auch mit dem mitgeführten Aluminiumrohr. Der Zeuge sei kurz ohnmächtig geworden und habe zahlreiche Prellungen erlitten.
Damit hätten die Angeklagten sich der gemeinschaftlichen und damit gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht, auch hier habe keine Verminderung der Schuldfähigkeit vorgelegen.

C) Nachdem die Gruppe am Bahnsteig angekommen sei, hätten sie diesen verlassen. Freunde hätten dem Zeugen K. aus der Bahn geholfen. Dabei seien sie gesehen worden und die Gruppe sei erneut gezielt auf sie zugelaufen, um sich zu prügeln. Die Angegriffenen seien über die S-Bahngleise und einen Zaun geflüchtet und haben somit entkommen können.
Das Verfahren sei eingestellt worden.

D) Im Anschluss sei die Gruppe in den Keller von B. zurückgekehrt und habe weiter Bier getrunken. Um 22:35 Uhr seien sie erneut zum S-Bahnhof Neuwiedenthal aufgebrochen, um L. und andere nach Hause zu begleiten. Im Zug saß ein älterer türkischer Mann mit zwei Söhnen und seiner Schwiegertochter. Er sei aufgefordert worden aufzustehen und wurde von A. angespuckt. Der Mann habe zurück gespuckt, A. habe dann auf ihn eingeschlagen, ebenso Kronbügel und L.
Ein weiterer Fahrgast habe die Notbremse gezogen und die Angreifer seien geflüchtet. Vorher habe A. noch eine Bierflasche zerschlagen und in Richtung des Zeugen geworfen.
Auch hier habe keine Verminderung der Schuldfähigkeit aufgrund des Alkoholkonsums vorgelegen.

E) Als nächste Tat seien Schottersteine gegen S-Bahnscheiben geworfen worden, Scheiben seien kaputtgegangen. Die Angeklagten hätten sich der gemeinschaftlichen Sachbeschädigung schuldig gemacht

F) Im Anschluss habe sich die Gruppe in der Wohnung von A. aufgehalten und sich im Laufe des Abends getrennt. A. und Kronbügel seien zusammen geblieben und hätten nachts um 1 Uhr beschlossen, nach Neugraben ins Einkaufszentrum zu fahren um zu sehen, ob dort noch eine Kneipe offen sei. Und sie wollten sehen, ob sie auf anderen Personen treffen würden, mit denen sie sich prügeln könnten. Sie seien auf eine Gruppe Türken getroffen und in der folgenden Auseinandersetzung unterlegen gewesen. Aus Frust darüber hätten sie anschließend die Schaufensterscheiben des Laden eines türkischen Geschäftsmanns eingeworfen.
Bei dieser Tat seien sie schuldfähig gewesen, es sei aber nicht auszuschließen, dass ihre Schuldfähigkeit durch den Alkoholkonsum erheblich gemindert war.

Unter 2. liest Wende-Spors auszugsweise aus nun folgenden Urteilen und Feststellungen:
Am 24.01.`87 habe sich der Angeklagte Kronbügel bei seiner Freundin B. im Kinder- und Jugendheim [unverständlich] aufgehalten. Er habe Bier und Bacardi getrunken. Er habe sich nach der Aufforderung der Erzieher geweigert, zu gehen. Erst die gerufene Polizei habe ihn wegbringen können und ihn einige Straße entfernt abgesetzt. Dort sei Kronbügel von Ausländern verprügelt worden. Er sei im Anschluss zurückgekommen und habe sich im Kinderheim das Blut abwischen wollen, ihm hätte jedoch keiner aufgemacht. Daraufhin habe er die Scheibe eingeschlagen.
Eine Verurteilung sei aufgrund von Sachbeschädigung erfolgt, die Schuldfähigkeit sei dabei erheblich gemindert gewesen.

Am 25.01.`87 habe er das Jugendheim erneut aufgesucht, um seine Freundin B. zu treffen. An dem Tag habe er zuvor seit 11 Uhr in nicht mehr feststellbaren Mengen Bacardi, Wein und Bier getrunken. Der Erzieher Sch. habe Kronbügel mit Verweis auf sein Hausverbot den Einlass verweigert. Kronbügels Aufforderung zur Prügelei habe er abgelehnt, Kronbügel habe ihm daraufhin eine Kopfnuss und weitere Schläge verpasst.
Die Schuldunfähigkeit sei nicht auszuschließen. Aber der Angeklagte habe sich vorsätzlich in Rausch versetzt, daher erfolge eine Bestrafung wegen vorsätzlichen Rauschs.

Am [unverständlich].02.’87 traf der Zeuge R. auf den Angeklagten Kronbügel sowie die Zeugen B. und K..
Kronbügel habe R. nicht gemocht, da dieser früher Punker gewesen sei. Kronbügel habe K. mit der Begründung, er sei ihm noch was schuldig, aufgefordert, R. zu schlagen. Dieser habe dann R.’s Kopf heruntergerissen und ihn Faustschlägen und Fußtritten ausgesetzt. Auch Kronbügel habe zugeschlagen und getreten. R. sei durch die Schläge und Tritte zu Boden gegangen und habe unter anderem Prellungen, ein Hämatom am Auge sowie einen abgebrochenen Schneidezahn davon getragen.

Nun verliest die Richterin auszugsweise aus dem Urteil des Amtgerichts/ Bezirksjugendgericht Hamburg vom 10.06.’88,

Angeklagt seien
Stefan Kronbügel
Andrea B.
Stefanie K.
Stefan/André [unverständlich]

Stefanie K. sei freigesprochen worden. Kronbügel, B. und S. seien unter Freisprechung des Übrigen der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen worden. Während Kronbügel zu 8 Monaten Haft verurteilt werde, werde die Strafe von B. und S. zur Bewährung ausgesetzt. Sie hätten die Auslagen des Nebenklägers F. zu tragen.

Am 02.06.’87/02.08.’87 gegen 00:30 Uhr seien die Zeugen F. und seine Bekannte K. in Lübeck den Angeklagten und der Zeugin F. begegnet. Die Angeklagten seien alkoholisiert gewesen. Sie hätten ohne Anlass und ohne Grund den Zeugen F. angepöbelt und ihn aufgefordert, zu verschwinden. Sie hätten auf ihn eingeschlagen und eingetreten, bis es F. gelungen sei, zu flüchten. Kronbügel sei ihm dabei gefolgt.

Die Angeklagte B. habe der Zeugin K. einen Faustschlag verpasst. Sie habe ihren Schal ergriffen und „soll ich dich würgen“ gesagt, während sie den Schal langsam zugezogen habe. Der Angeklagte S. sei hinzugekommen und habe der Zeugin unter anderem ans Schienbein getreten. Sie habe unter anderem multiple Oberschenkelprellungen erlitten.
Die Angeklagten seien der gemeinschaftlichen und damit gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen schuldig. Entgegen ihrer Darstellung wurden sie durch die Zeugen überführt.

Landgericht Stade

Angeklagte
Stefan Silar
Stephan Kronbügel
Gemeinschaftlicher Totschlag

Die 2. Jugendkammer Stade habe durch die Sitzungen am 16., 21., 23., 28.09.’92 für Recht erkannt, die Angeklagten seien des Totschlags schuldig. Silar werde zu (unter Einbeziehung vorangegangener Urteile) 6 Jahre Jugendstrafe verurteilt. Von der Auferlegung der Kosten und Auslagen des Verfahrens werde abgesehen.
Für Stephan Kronbügel ergehe eine Freiheitsstrafe für 8 Jahre 6 Monate. Er habe die auf ihn verfallenden Kosten und Auslagen des Verfahrens zu tragen.

Aus der Feststellung des Urteils verliest Wende-Spors auszugsweise wie folgt:

Am Mittwoch, den 18.03.’92 fuhren Silar und Kronbügel getrennt voneinander zum Busbahnhof Buxtehude um sich mit Bekannten zu treffen.
Silar habe damals 61 Kg gewogen, Springerstiefel mit 30cm Schaft, hochgeschnürt mit weißen Schnürsenkeln, dicker Profilsohle (Stärke 2cm, Hacke 3cm) und Stahlkappen getragen. Kronbügel sei zu dem Zeitpunkt 73 Kg schwer gewesen und habe ebenfalls Springerstiefel (Profilsohle Stärke 2 cm, Hacke 3 cm) getragen.
Auf dem Busbahnhofsgelände haben ein Imbiss und Wartehäuschen mit Unterstand gestanden. Vor dem Imbiss ein öffentlicher Fernsprecher und eine Uhr. Hinter dem Unterstand sei ein kleiner Platz angelegt gewesen, mit zwei Bänken, hinter ihnen ein Grünstreifen und in der Mitte einem Müllbehälter. Ein flacher Holzzaun habe hinter den Bänken gestanden.
Als Silar um 14:30 Uhr am Busbahnhof angekommen sei, wären Kronbügel und weitere Personen bereits anwesend gewesen. Ebenfalls anwesend seien H. U. und der Kapitän Gustav Schneeclaus sowie drei weitere ältere Männer gewesen. Alle wären alkoholisiert gewesen. Neben den aufgezählten seien auch ein dreizehnjähriger und ein elfjähriger Junge vor Ort gewesen.
Die Gruppe habe sich auf dem Gelände aufgehalten und Alkohol konsumiert. Im Verlaufe des Nachmittags sei zweimal Geld gesammelt worden um davon mehrere Dosen Karlsquell und Springer Urvater zu kaufen und dies unter den Anwesenden zu verteilen und zu trinken.
Auch Kapitän Schneeclaus habe zweimal Geld dazugegeben, welches gerne angenommen wurde. Er habe gemeinsam mit den Jugendlichen getrunken und sei dabei zunehmend betrunkener geworden. Er sei auf die Bänke gesunken, habe Seemanslieder gesungen und habe versucht, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
Dabei habe er dazu geneigt, andere zu ärgern und sich über sie lustig zu machen. So habe er zum Beispiel nach Längen- und Breitengraden gefragt um den Anderen zu zeigen, wie wenig sie wissen würden. In Kenntnis der Tatsache, dass die anderen Anwesenden rechts seien, begann er abfällige Bemerkungen über Hitler zu machen.
Gegen 17Uhr kam Gustav Schneeclaus mit A. B. Gespräch und äußerte sich abfällig über Adolf Hitler. B. wendete sich ab, da er befand, dass mit dem „total betrunkene[n] Kapitän kein Gespräch mehr möglich“ sei und verließ darauf den Busbahnhof. Alle wären genervt gewesen ihnen sei das „Gelaber“ auf den Geist gegangen.
Auch Stephan Kronbügel habe sich aufgeregt, dass der Kapitän Sachen gesagt habe, die seiner Auffassung nach nicht haben stimmen können, wie beispielsweise, dass es zwei Nordpole geben würde. Die Angeklagten hätten sich von dem Kapitän „vorgeführt“ gefühlt und in der Folge begonnen, sich über ihn lustig zu machen. Sie hätten einen Böller unter der Bank, auf der er saß, gezündet. Gustav Schneeclaus sei mittlerweile so betrunken gewesen, dass er torkelte und zweimal hinfiel. Er sei hinter eine Bank beim Unterstand gelegt worden. Seiner Aufforderung, dass man ihm ein Taxi rufen solle, da er nach Hause wolle, sei nicht nachgekommen worden.
Gegen 19:30 Uhr seien noch die beiden Angeklagten, G. und K. B., H. B. und Gustav Schneeclaus anwesend gewesen. K. B. habe den Busbahnhof kurz darauf mit einem vorgefahrenen Bekannten in dessen PKW verlassen. Zu diesem Zeitpunkt habe Schneeclaus unverletzt auf einer der Bänke gelegen.
Nach eigenen Angaben habe Silar etwa zehn bis zwölf 0,3 l Bier und eine halbe 0,7 Liter Flasche Springer Urvater getrunken. Kronbügel habe angegeben, ungefähr zwei bis drei 0,3l Dosen Bier sowie eine Flasche Spinger Urvater getrunken zu haben. Beide haben als angetrunken gelten können, hätten aber darüber hinaus keine Schwierigkeiten gehabt. Sie haben normal reden und sich bewegen können.
In der Folge wäre einer der Jungen mit einer weiteren Person zurückgekommen. Es sei zu einem Streit zwischen Gustav Schneeclaus und H. B. gekommen, sie haben sich über Adolf Hitler gestritten, der von Schneeclaus als Verbrecher und von H. B. als größter Mann der Geschichte bezeichnet worden wäre, der Gutes getan hätte.

Die Anwesenden seien erbost gewesen und in Wut geraten. Stephan Kronbügel insbesondere dann als Gustav Schneeclaus behauptet habe, dass Hitler Österreicher und nicht Deutscher gewesen sei. Kurz darauf hätten die noch Anwesenden um die Angeklagten herum beschlossen, dass sie nach Harburg fahren wollen würden. G.B. habe alle mitnehmen wollen und habe sich entfernt, um sein Auto zu holen. Währenddessen sei das Streitgespräch der Anwesenden mit dem Kapitän weitergegangen. H. B. habe zu Kronbügel gesagt, dass Schneeclaus ein ganz schöner Idiot sei und man ihn überzeugen müsse.
„Was willst du mit ihm machen“, habe Kronbügel H. B. gefragt und dieser habe entgegnet, dass man den Kapitän zusammenschlagen müsse, wenn sie ihn nicht überzeugen könnten. H. B. habe Schneeclaus daraufhin am Jackenkragen gepackt und ihn geschüttelt. Kronbügel habe Schneeclaus derart mit seinen Stiefeln getreten, dass dieser rücklings von der Bank gekippt sei. Silar, der vorher an der Telefonzelle gewesen sei, sei zurückgekommen und habe die Szene mit den Worten kommentiert, ob Schneeclaus „mal wieder gelästert“ habe.
Laut Zeugenaussage des einen Jungens habe dieser zu diesem Zeitpunkt auf die Uhr geschaut und es sei genau 20:56 Uhr gewesen. Silar habe Schneeclaus nun ins Gesicht gespuckt und ihm aufgrund des „nervige[n] Gelaber[s]“ Tritte an Oberschenkel und Hüfte versetzt.
G. B. sei dann mit dem PKW vorgefahren und die Angeklagten sowie H. B. seien eingestiegen. Dabei fielen G. B. bei den Anderen keine Schwierigkeiten aufgrund des Alkoholkonsums auf. Nachdem sie H. B. abgesetzt hatten, hätten Silar und Kronbügel bemerkt, dass es zu früh für Harburg wäre und sie hätten sich entschlossen, wieder zum Busbahnhof zurück zu wollen. G. B. habe sie dann nach ca. zehn bis fünfzehn Minuten am DRK Heim in etwa fünfzig Meter Entfernung zum Busbahnhof wieder abgesetzt. Die Angeklagten wären zurück zum Busbahnhof gegangen, dort habe der Kapitän auf einer Bank gesessen. „Wo denn das Taxi sei“, habe Schneeclaus gesagt und dann, dass sie unfähig seien und nicht einmal das hinkriegen würden.
Die Angeklagten seien nach wie vor voller Wut gewesen und hätten nun gemeinsam auf Gustav Schneeclaus eingeschlagen und eingetreten. Kronbügel habe mit dem Stiefel mit voller Wucht in das Gesicht von Gustav Schneeclaus getreten und dieser sei daraufhin von der Bank gefallen. Daraufhin habe Kronbügel mit den Fäusten auf den nun im Busch liegenden Schneeclaus eingeschlagen. Silar habe mit seinen Springerstiefeln auf den Kopf und Körper getreten und sei gezielt auf den Oberkörper gesprungen.
„Mach ihn tot, mach ihn tot“, so habe Kronbügel zu Silar gerufen.
Kronbügel habe nun ein Vierkantholz gegriffen und gezielt Richtung Kopf Nacken und Schulter des Kapitäns gezielt. Dieser habe durch den Angriff schwere Verletzungen erlitten, unter anderem eine 5cm große Kopfplatzwunde am Auge, eine 5cm große Kopfplatzwunde an der Stirn, Blutungen der Hirnhaut, eine Hirnschwellung, Einreißungen und Unterblutung des Jochbeins, Weichteilblutungen diverser Stellen, eine Fraktur des Unterkiefers sowie eine Fraktur des Dornfortsatz’ des vierten Halswirbelkörpers und mehrere Rippenbrüche.
Die Angeklagten hätten den möglichen Todeseintritt billigend in Kauf genommen. Als Gustav Schneeclaus stark geblutet und nur noch gestöhnt habe, hätten sie von ihm abgelassen und eine Flasche Korn geleert, die der Kapitän bei sich gehabt hätte. Dieser habe nun bei -10 Grad Außentemperatur bewusstlos und allein in den Büschen gelegen. Wissen, dass er wohl nicht entdeckt werden würde, hätten die Angeklagten sich entfernt.

Ihre Fähigkeit, das Unrecht der Tat einzusehen, sei durch den Alkohol nicht beeinträchtig gewesen, wohl aber sei ihre Fähigkeit, ihr Handeln zu steuern erheblich beeinträchtigt gewesen.

In der Höhe der Shelltankstelle in der Harburgerstraße habe Stephan Kronbügel A. B. angerufen und ihn aufgefordert, ihn und Silar abzuholen. Sie müssten sofort aus Buxtehude abgeholt werden, weil sie Einen „platt gemacht“, vielleicht sogar umgebracht hätten.
Sie seien dann mit schwankendem Gang und mit erheblicher Alkoholisierung zum Auto von A. B. gegangen. Kronbügel habe sich auf den Rücksitz, Silar nach vorne gesetzt. Sie haben zu J. K., einem Bekannten, nach Neugraben gewollt. Kronbügel habe gesagt, es sei ein Penner vom Busbahnhof gewesen, der sich über Adolf Hitler lustig gemacht hätte.
A. B., der nebenberuflich für das DRK tätig gewesen sei, habe sich entschlossen, Rettungswagen zu rufen. Kronbügel habe ihn vom Telefonieren abgehalten, er sagte, sie hätten keine Zeit und er hätte sich gefürchtet, bald entdeckt zu werden. Silar habe sich im Auto nicht mehr an den Gesprächen beteiligt. Um 22:30 Uhr seien sie bei J. K. angekommen. Gemeinsam seien sie dann weiter zu S. [unverständlich] nach Harburg. An der Jet Tankstelle hätten sie weiteren Alkohol gekauft. Bei S. B./D. wären sie noch bis 05:00 Uhr morgens zusammengesessen und Kronbügel habe weiter Alkohol getrunken. Silar habe A.B. zuvor darum gebeten, ihn nach Hause zu bringen, was dieser auch getan habe. Danach sei A. B. zum Busbahnhof nach Buxtehude zurückgekehrt, um nach Gustav Schneeclaus zu sehen. Der Kapitän sei offensichtlich schwer verletzt und nicht ansprechbar gewesen. A. B. habe um 23:50 Uhr den Notarztwagen gerufen und Schneeclaus sei in das Krankenhaus in Buxtehude eingeliefert worden. Zu diesem Zeitpunkt habe seine Körpertemperatur 33,4 Grad betragen.
Nachdem Gustav Schneeclaus zunächst weiter versorgt worden wäre, wäre es in der Folge zu einem zerebralen Krampfanfall gekommen und er sei in die Klinik Dr. Hancken nach Stade verlegt worden. Der Anfall sei keine wesentliche Unfallfolge gewesen, das Gehirn habe Anzeichen eines Deliriums gezeigt und er sei mit einer symptomgerechten Tablettentherapie behandelt worden.
Silar und Kronbügel hätten sich indes wieder am Bahnhof aufgehalten und sich mit ihrer Tat gebrüstet. Laut K. B. habe Silar auf die Blutlachen gezeigt und gesagt, „das sei von dem Mann aus dem Kopp“. Beide hätten erzählt, wie sie Gustav Schneeclaus geschlagen und getreten hätten. Er hätte so einen harten Kopf gehabt, dass man ihn noch mit einem Pfahl geschlagen habe. Die Angeklagten hätten weiter geprahlt, dass der Kopf des Mannes viel abbekommen habe und sie nicht wüssten, ob er noch leben würde.
Sie hätten die Blutlache noch weiteren Personen gezeigt, gesagt, sie hätten einen „umgehauen“ und dabei betont, dass Gustav Schneeclaus ein kräftiger Mann gewesen sei, der sich nicht gewehrt habe und den sie mit einer Holzlatte geschlagen hätten. Kronbügel habe gesagt, dass ein Streit über Adolf Hitler der Hintergrund gewesen sei. Silar habe gesagt er würde hoffe, dass Schneeclaus nicht tot sei. Beide hätten immer von ‚wir’ gesprochen. A. B. habe dann erzählt, dass er in der Nacht zurück zum Busbahnhof gefahren sei, Gustav Schneeclaus nicht ansprechbar gewesen sei und er daraufhin einen Notarztwagen gerufen hätte. Die Angeklagten hätten ihn daraufhin ausgefragt und sich im Anschluss weiter gebrüstet. Stephan Kronbügel habe im Imbiss berichtet, dass sie einen „umgeklatscht“ hätten. Dabei hätten sie „gegen den Kopf und alles getreten“ und ihn ordentlich fertig gemacht.

Indes habe der Kapitän Gustav Schneeclaus eine mittelgradige Lungenfettembolie und eine eitrige Bronchitis erlitten. Gemeinsam mit seinem durch den Alkohol geschwächten Allgemeinzustand und dem Alkoholentzug habe dies alles zusammen am 22.03.’92 zu einer plötzlichen Verlangsamung des Herzschlags geführt, was trotz Reanimation nach einer Dreiviertelstunde in Herz-Kreislaufversagen als Todesursache mündete. Der Herzstillstand sei einhergegangen mit multiplen Verletzungen (Politrauma) sowie weiteren Vorschädigungen. Für einen Tod an einer Fettleber habe es keine Anhaltspunkte gegeben.

Am 24.03.’92 sei die Kripo Buxtehude zur weiteren Untersuchung eingeschaltet worden. Am Tatort wären zwei Kanthölzer sichergestellt worden. Blut habe sich hinter der Bank, im Gebüsch sowie am Mülleimer befunden.
Silar und Kronbügel seien vorläufig festgenommen worden. Das Landeskriminalamt Niedersachsen habe an Jeans und Stiefel Kronbügels menschliches Blut nachgewiesen, welches mit der Blutformel des Toten übereingestimmt hätte.
Silar sei am 23.03.(richterlich und polizeilich) und am 26.03. polizeilich vernommen worden, die Festnahmen seien am 22.03. erfolgt, die U-Haft am 23.03.’92.

Nach Beendigung der auszugsweisen Verlesung dieses Sachverhaltes gegen 17:10 Uhr stellt die Richtern Wende-Spors fest, dass das nächste Urteil ebenfalls lang sei und sie dieses bis zum anberaumten Ende des Verhandlungstages um 17:30 Uhr nicht mehr schaffen wird.

Wende-Spors fragt nun den Verteidiger, ob er sich heute zu dem Sachverhalt äußern wollen würde, ob die Zeugin S. B. erneut zu laden sei. Weder der Verteidiger, noch, auf direkte Nachfrage der Richterin, Stephan Kronbügel, möchten eine abschließende Stellungnahme abgeben.

Abschließend werden die weiteren Sitzungstermine besprochen. Für den nächsten Prozesstag am 07.09. kündigt Wende-Spors die Fortsetzung des Verlesungsprogramms und die eventuelle erneute Ladung der Zeugin S. B. an.
Am 14.09. werde voraussichtlich der psychiatrische Gutachter Herr W. sein Gutachten erstatten können.
Der Sachverständige Dr. W. sei für den 07.09. abzuladen und auf den 27.09. umzuladen.

Wende-Spors verkündet den nächsten Verhandlungstermin für den 07.09. um 10:00 Uhr unterbricht die Sitzung für heute.